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Mitgefühl? Ein Fehler!

»Die Maßnahme« von Bert Brecht und Hanns Eisler in der Berliner Philharmonie

Wie sich die Gegensätze gleichen. In der Komischen Oper die entsetzliche Revue »Heute Nacht oder nie« als Premiere, in der Philharmonie wenige Tage später Brecht/Eislers »Die Maßnahme« unter proletarischen Vorzeichen. Als befände sich der hiesige Bürger in den »Golden Twenties«, in denen die Massenunterhaltung Triumphe der Ablenkung feierte und gleichzeitig die revolutionäre Arbeiterbewegung ihren Kulturanspruch unüberhörbar geltend machte.

Sind diese Extreme wieder virulent? Mitnichten. Die Komische Oper wird ihren Jux weiter machen (sie macht auch anderes, besseres) und die Philharmonie der »Hochkultur«, was immer das Kaninchen im Parkett darunter versteht, ihre unabänderliche Reverenz erweisen. Alle proletarisch-revolutionäre Tradition ist den Kulturmächtigen der kapitalistischen Welt keinen Pfifferling wert. Das war so und ist so geblieben. Jeder kann natürlich davon zehren und etwas wiederbeleben, was ihm wichtig dünkt. Grund um so mehr für die Gemeinheit, etwas wie die »Maßnahme« als kommunistischen Schnee von gestern zu denunzieren und arschkalt zu verlachen. Daran dürfte sich vorläufig nichts ändern. Trotzdem, jede Erinnerung ist wichtig, jedes Modell kann weitere nach sich ziehen. Aufgeben gilt nicht.

Wer hätte jedoch gedacht, dass die »Maßnahme« sogar mal zurückkehren würde an seinen Aufführungsursprung, zumindest virtuell. Der war nämlich im Dezember 1930 die alte Philharmonie. Die gibt es zwar nicht mehr, aber um so schöner, dass dieses hochpoetische, den Hoffnungen der Oktoberrevolution in Russland entsprungene Lehrstück nun im Kammermusiksaal des Hans Scharoun-Baus aufs Würdigste wiederholt worden ist. Mit einer geballten Ladung an Chören aus allen Ecken der Hauptstadt, an die 300 engagierte Laiensängerinnen und Sänger, mit einem nicht minder engagierten Bläserensemble plus Klavier, Pauken und Schlagzeug, mit der so bewährten wie exzellenten Eisler-Interpretin Winni Böwe und einem Agitatoren-Quartett aus jungen Schauspielern, die mit den Chören und Instrumentalisten das Lehrstück in den Rang der Tragödie führten.

Der Kammermusiksaal platzte aus den Nähten. Schon die Chöre nahmen fast ein Drittel des amphibischen Raums ein. Marcus Crome leitete die Aufführung. Die szenische und Produktionsleitung hatte Fabiane Kemmann inne. Gefördert wurde das Ganze durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Ein kühnes Projekt. Die Idee dazu entstand 2013. Absolviert wurde in Abständen ein wechselvoller Probenprozess. Die Probe ist eines der Kernstücke der Brechtschen Lehrstückkonzeption. Die Mitwirkenden sollen vor allem lernen. Was lehrt die »Maßnahme«? Sie lehrt, sich richtig zu verhalten im Untergrundkampf, selbst in extremen Ausbeutungssituationen seinen Mitgefühlen nicht nachzugeben, sondern die Ausgebeuteten über ihre Lage aufzuklären. Die Figur des jungen Genossen, inexistent als leibhaftige Person, so die Spielstrategie, ist zentral. Sie ist Verursacher, Auslöser, Treibsatz des Konflikts. Das Agitatoren-Quartett aus Moskau gibt dem Kontrollchor, eine Art rechtfertigendes Parteigericht. Sie hätten ihren Jüngsten erschießen und in die Kalkgrube werfen müssen, damit er verbrennt. Denn er habe sich in extremer Lage kenntlich gemacht, bei den Operationen schwere Fehler begangen, indem er Mitgefühl gezeigt habe für die Kulis und Textilarbeiter, und schließlich die Gruppe in Lebensgefahr gebracht. Die Agitatoren wiederholen das Geschehene und bringen den Spielern wie dem Publikum Situationen nahe, in denen Fehler begangen werden können, und sie zeigen die Folgen solcher Fehler.

Im konkreten Aufführungsfall ist die Rundbühne im Kleinen Saal das Manöverfeld der Vier. Sichtbar in der Mitte die weißen Umrisse des Toten. Die Szenen wechseln rasant ab mit den Chorpartien. Montagehaft der Ablauf. Schriftbilder zeigen oben die Texte der Vier und die Songtexte. Fast überpräsent wirkt der gewaltige Kontrollchor. Dessen Texte blieben gelegentlich unverständlich. Auch schwierig, die Gruppen immer zusammen zu halten. Gegen Ende trat eine Gebärdenchor hinzu. Warum?

Groß der Chor »Ändere die Welt, sie braucht es« mit der in brechtfeindlichen Kreisen als höchst anstößig empfundenen Zeile, dass die Niedrigkeit mit Niedrigkeit zu tilgen sei. Das Gewaltproblem beherrscht von Anfang an das Stück. Ausbeutungsfreie Verhältnisse ohne Gewaltanwendung durchzusetzen, sei ein Unding, besser: ein Denkprodukt der Herrschenden selbst. Bei den Songs der Winnie Böwe - bedeutend ihre Leistung - blieb leider manches Wort im Schwall der Bläser stecken. Vielleicht fand sich am Ende zu wenig Zeit, die rechten Balancen zu proben.

Die westdeutsche Germanistik hatte das Stück, das Brecht später wegen der vielen Anfeindungen - Eislers Schwester Ruth Fischer etwa betrachtete es als Vorausnahme der Moskauer Prozesse - für Aufführungen sperrte, nur gelesen und nicht verstanden. Es galt ihnen als kalt und gewalttätig. Also »stalinistisch«. Das geht bis heute. Verständlich ist das Stück allerdings nur mit der Eislerschen Musik. Schon die Trauerode am Anfang mit großem Chor und Instrumentalbegleitung weist auf die Tragödie hin.

Geschichtlich gesehen probten die Autoren mit ihrer »Maßnahme« den Aufstand gegen die Auslöschung des Rätegedankens in der UdSSR. Reale Gefahren, beruhend auf struktureller Deformation und Gewalt, traten um 1930 in Sowjetrussland immer klarer zu Tage. Das Stück opponiert dagegen, und es transportiert zugleich eine ungeheure Trauer. Eisler komponiert auf den lastenden Zwang, den jungen Genossen mit seinem Einverständnis in die Kalkgrube zu werfen, eine von Bachschen Ausdrucksformen geleitete Passionsmusik.

Trotz mancher technischer Abstriche durften die Hörer in der Philharmonie eine Tragödie von Shakespearescher Größe erleben. Diese offenbart sich vollends im Patt am Schluss. Ein Patt im Schach verhindert das Mattsetzen. Im Finale haben die Vier zehn Minuten Zeit, nachzudenken vor den Gewehrläufen. Keiner weiß einen Ausweg, keiner hat eine Lösung. Die Ausübenden, Sänger/Spieler, wissen es nicht, das Publikum desgleichen. Ernst Bloch verschärfte zu Brechts Zeiten die Fragestellung noch, indem er den gewaltsamen Tod des »roten Helden« als vergleichsweise schweren Tod beschrieb. Je menschlicher die Verhältnisse, desto schwerer wiege der Tod jedes Einzelnen. Glück erwarte ihn im Leben, nicht im Himmel. Gelehrt wird mit der »Maßnahme« ein Ethos, das auf Verhinderung, nicht auf Verherrlichung des Tötens abzielt.

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