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Im Kletterbunker in Humboldthain

Höhlenforschung und Geschichtsexkursion in surrealer Kulisse

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Der Verein »Berliner Unterwelten« erkundet schon lange den ehemaligen Nazibunker - Bewunderung für die Bauherren äußern sie nicht.

Steine liegen auf dem Boden, kleine Stalaktiten hängen von der Decke, in der Luft schweben wirre Knäuel aus Wurzeln. Erst nachdem sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, merkt man, dass man in keiner natürlichen Höhle ist. Die »Steine« sind Ziegel. Die Decke ist aus Beton. Die »Wurzeln« sind die verrostete Armierung. Man befindet sich in einem überdimensionierten Bunker, der trotz mehrerer Sprengversuche noch steht.

Der Volkspark Humboldthain am Gesundbrunnen: Oben auf einem Berg steht ein merkwürdiger Betonklotz mit Aussichtsplattform und Kletterwand. Eine Führung des Vereins »Berliner Unterwelten« verrät, dass es in Wirklichkeit gar keinen Berg gibt. Die Anhöhe ist ein Betonklotz, teilweise mit Erde aufgeschüttet. Nur die Spitze des Baus guckt heraus. Es handelt sich um die Reste eines massiven Flakturms, 1941 bis 1942 von Zwangsarbeitern errichtet.

Eine unscheinbare Tür nahe der Spitze führt ins Innere der Ruine. Nur wer ein Ticket hat, wird in den Berg eingelassen. Ein Schild weist darauf hin, dass Besucher nur mit dem richtigen Schuhwerk willkommen sind.

Drinnen sind zehn Grad, es ist feucht und dunkel. Durch ein kleines Loch in der mehr als zwei Meter dicken Wand kann man gerade noch den Sonnenuntergang sehen. Seit 1990 ist der Bunker komplett zugemauert - nur für Fledermäuse gibt es winzige Öffnungen - sie hausen hier im Winter.

Auf einer breiten Wendeltreppe geht es eine Etage hinab. Plötzlich bricht die Treppe ab. In einer großen Halle angekommen, zeigt sich die unvollendete Zerstörung: Die Südseite des Betonmonsters wurde gesprengt - die Nordseite jedoch nicht, aus Sorge um die direkt angrenzende Bahnstrecke Deswegen neigt sich jede Decke von Norden nach Süden nach unten. Eine Orientierungshilfe in der Dunkelheit.

Mehrmals die Woche geht eine »Tour 2« durch die oberen Etagen. Nur zweimal im Monat, zwischen April und Oktober, führt die exklusive »Tour E« durch den kompletten Bunker.

Es ist wie bei einem begehrten Popkonzert: Am 1. März um null Uhr werden die Tickets fürs komplette Jahr im Internet angeboten. Nach wenigen Minuten sind sie ausverkauft. Ein Sprecher des Vereins bittet daher darum, »auf keinen Fall die Tour E zu bewerben«. Aber der Reporter hatte diesmal Glück und war letzten Donnerstag dabei. Einem Paar aus der gleichen Gruppe gelang das erst nach drei Jahren.

Die vier Guides, in orangene Warnwesten tragen, kontrollieren zunächst bei Allen, ob sie knöchelhohe Wanderschuhe tragen. Auch starke Taschenlampen und Handschuhe sind ein Muss - Schutzhelme werden vom Verein ausgeteilt. »Berliner Unterwelten« führt 300 000 Menschen pro Jahr durch Atomschutzbunker und weitere unterirdische Bauten der Hauptstadt.

Liest man auf der Website Überschriften wie »Welthauptstadt Germania«, kann der Verdacht aufkommen, man habe es mit Menschen zu tun, die in ihrer Freizeit in SS-Uniformen Weltkriegsschlachten nachspielen. Doch die Guides haben ein distanziertes, oft belustigtes Verhältnis zur Materie. So macht sich ein israelischer Guide auf einer Führung durch den Atomschutzbunker im U-Bahnhof Pankstraße immer wieder über den wahnsinnigen Plan lustig, dass ein paar tausend Berliner den Atomkrieg in einem Bahnhof überstehen sollten. Und auch im Nazi-Bunker ist keine Bewunderung für die Bauherren erkennen. Im Gegenteil erfährt man, dass die stolze Anlage während des gesamten Krieges gerade mal 23 Bomber abschießen konnte. Die meisten Führungen werden in verschiedenen Sprachen angeboten. Doch auch hier ist die »Tour E« besonders - damit es keine Missverständnisse bei Anweisungen gibt, müssen die Teilnehmer Deutsch sprechen können.

Der Keller ist so weit eingesackt, dass man nicht mehr aufrecht stehen kann. Zu sehen sind verrostete Antennen, frühere Radaranlagen. Daneben Hinweisschilder in Fraktur - bis zu 50 000 Menschen suchten im Bunker Zuflucht, obwohl er nur für 15 000 konzipiert war. Auch ein winziger See hat sich gebildet. Von der Decke hängt ein Paternoster, mit dem einst Hitlerjungen Granaten zu den Flakgeschützen auf die Ecktürme brachten.

Nach dem Krieg sollte der Bau für »Germania« genutzt und mit Sandstein verkleidet werden. An eine Nachnutzung als künstlicher Berg und Freizeitpark wurde wohl nicht gedacht.

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