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Erhards Traum ist aus

DIW-Chef Marcel Fratzscher warnt in seinem neuen Buch vor der Folgen wachsender Ungleichheit

Der frühere Bundeskanzler Ludwig Erhard versprach einst »Wohlstand für alle«. Doch ist das Versprechen hierzulande nur für einige wenige Privilegierte eingelöst worden.

Thomas Piketty machte Mitte 2014 den Aufschlag. Damals erschien die deutsche Übersetzung von das »Kapital im 21. Jahrhundert« des französischen Ökonomen. Seitdem ist die Debatte um die Verteilung nicht mehr nur eine Sache alternativer, linker Wirtschaftswissenschaftler, sondern das Thema der Ökonomenzunft.

Vor allem hierzulande scheint die Debatte über die zunehmende Spaltung der Gesellschaft zwischen arm und reich im Gang zu sein. Es vergeht gefühlt kein Monat, in dem nicht mindestens drei Studien über Armut und die Folgen der Reichtumskonzentration veröffentlicht werden. Nun hat Marcel Fratzscher mit seinem Buch »Verteilungskampf - Warum Deutschland immer ungleicher wird« nachgelegt. Auf rund 260 Seiten zeigt er faktenreich auf, wie sich Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten zum Schlechteren verändert hat.

Dabei gehört Fratzscher nicht gerade zu den linken Ökonomen hierzulande. Er ist der Chef des renommierten Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die konservative »FAZ« platzierte den Berliner Forscher vergangenes Jahr in ihrem Ökonomenranking auf Platz drei der wichtigsten Wirtschaftsforscher - hinter dem ehemaligen Chef des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, und Ernst Fehr vom Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Zürich.

Fratzschers Fazit: Ludwig Erhards Traum vom »Wohlstand für alle« ist endgültig ausgeträumt. »Deutschlands soziale Marktwirtschaft, wie wir sie über sieben Jahrzehnte gekannt haben und in der die soziale Sicherung aller Bevölkerungsgruppen gewährleistet war, existiert nicht mehr«, schreibt der DIW-Chef gleich am Anfang der Einleitung. »Die Vermögensungleichheit ist in Deutschland fast genau so groß wie in den USA«, so Fratzscher. Über 63 Prozent des Nettovermögens (Vermögen abzüglich Schulden) gehören mittlerweile den reichsten zehn Prozent, die ärmsten 40 Prozent verfügen »praktisch über keinerlei Nettovermögen« und während seit der Jahrtausendwende die durchschnittlichen Arbeitnehmerentgelte nur um lediglich sechs Prozent gestiegen sind, haben die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um knapp 30 Prozent zugelegt.

Dabei wird eine gute Ausbildung immer wichtiger, um überhaupt ein vernünftiges Einkommen zu erzielen. Fratzscher geht davon aus, dass durch den technologischen Fortschritt und die digitale Revolution die Jobs für die Mittelschicht immer rarer werden. Der Arbeitsmarkt wird sich weiter polarisieren in einige wenige gut bezahlte Stellen für hoch spezialisiertes Personal und einen großen Teil schlecht bezahlter Jobs für Geringqualifizierte.

Die zunehmende Ungleichheit hat für Fratzscher auch Folgen für die gesamte Volkswirtschaft. »Die OECD schätzt, dass durch den Anstieg der Einkommensungleichheit seit den 1990er Jahren die deutsche Wirtschaftsleistung heute um sechs Prozent geringer ist«, schreibt er. Denn auf Grund des Bildungssystems ungenutzte Talente in der Unterschicht sind letztlich auch ungenutztes Humankapital für die Unternehmen.

Fratzscher will aber nicht wieder stärker umverteilen. Zum einen wird ihm zufolge bereits so viel umverteilt, dass die Spitzenstellung Deutschlands bei der Ungleichheit der Markteinkommen auf ein internationales Mittelmaß bei der Ungleichheit der verfügbaren Einkommen schrumpft. Zum anderen profitierten von vielen Maßnahmen gar nicht die Ärmsten am meisten, sondern die Wohlhabenden und die Mittelschicht. Das Recht auf einen Kita-Platz könnten etwa Akademikereltern viel häufiger wahrnehmen als bildungsferne Familien.

Das Rezept des DIW-Chefs heißt also, vor allem in eine gute Bildung für alle zu investieren, so dass arm und reich künftig die gleichen Chancen auf einen guten Job bekommen sollen. So soll die Kluft zwischen den Markteinkommen geschlossen und eine Umverteilung obsolet werden. Dabei übersieht Fratzscher jedoch, dass auch künftig wohl eine Reihe von Jobs notwendig sein werden, für die es keine umfangreiche Bildung braucht und diese auch nicht honoriert wird. Wer fragt zum Beispiel den Kellner im Restaurant nach seinem Hochschulabschluss?

Zudem stellt sich Fratzscher etwa auch nicht die Frage nach einem fairen Lohn. Für ihn ist es vorausgesetzt, dass »produktive« Angestellte mehr verdienen als »unproduktive«. Doch ist es gerechtfertigt, dass zum Beispiel Investmentbanker ein Vielfaches einer Krankenpflegerin verdienen, obwohl der gesellschaftliche Nutzen von letzterer Arbeit für viele Menschen höher angesehen ist? Insofern bleibt Fratzscher leider an vielen Stellen noch zu sehr im mainstream-ökonomischen Denken verhaftet.

Marcel Fratzscher »Verteilungskampf - Warum Deutschland immer ungleicher wird«, Hanser Verlag 2016, 263 Seiten, 19,90 Euro

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