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»Besser als Wagner!«

Filmkomponist Hans Zimmer über klassische Musik und Filmmusik ohne Bilder

Sie sind seit April auf Europa-Tournee. Gibt es Stücke, die als Soundtrack gut funktionierten, aber live sehr schwer zu spielen sind?

In der Tat. Da ist ein sehr populäres musikalisches Thema in »Gladiator«, bei dem alle denken, es sei das Hauptthema. Für meine Tournee habe ich es gecancelt - doch meine Musiker beknieten mich dann förmlich: »Lass es drin! Es erklingt sogar bei Hockeyspielen!« Also musste ich eine Lösung finden, es zu orchestrieren. Das Thema von »Illuminati« ist eigentlich von der Struktur her ein Rock ’n’ Roll-Track - und so klingt es auch auf der Bühne am besten. Genauso wie »Fluch der Karibik«.

Bei Ihren Konzerten werden keine Bilder aus den Kinofilmen im Hintergrund eingespielt. Warum?

Die Bilder haben doch die Besucher ohnehin im Kopf. Hier soll die Musik für sich sprechen. Wenn Ex-The-Smiths-Mitglied Johnny Marr auf der Bühne steht und die Gitarre bei »Inception« spielt, bedarf es auch keiner Filmbilder mehr. Für ihn habe ich den sehr elektronischen Score zu Christopher Nolans Science-Fiction-Film in erster Linie geschrieben. Es gibt auf der Bühne schon genug zu sehen: 20 Musiker und ein 70-köpfiger Chor.

Und Sie an den Keyboards!

Das lasse ich mir natürlich nicht nehmen, obwohl ich mich keinesfalls in den Vordergrund drängen will.

Woher rührt Ihre große Leidenschaft für Percussioninstrumente? Sie setzten afrikanische Rhythmen ja sogar in der Superman-Verfilmung »Man of Steel« ein.

Ich komme vom Rock ’n’ Roll und wollte herausfinden, wie man das Schlagzeug im Film unterbringen kann. Aber Drums im Film funktionieren irgendwie nicht so richtig, also musste ich ein bisschen etwas Neues erfinden. Ich meine, dass meine »afrikanischen Rhythmen« eigentlich keine richtigen afrikanischen Rhythmen sind, sondern südamerikanische. Musik ist eine Weltsprache. Ich bin beileibe kein Musikhistoriker, ich »erfinde«. Zur Zeit von »Im Glanz der Sonne« traf ich 1992 zufällig den südafrikanischen Musiker Lebo M. in einer Autowaschanlage in Los Angeles, wo er arbeitete. Ich holte immer meinen kompositorischen Rat zuerst bei ihm ein. Er brachte auch den afrikanischen Chor in meinem Soundtrack zu »Der König der Löwen« unter.

Welches war Ihr erstes eigenes elektronisches Instrument?

Mein erster Synthesizer war der monophone analoge EMS VCS 3 aus dem Jahr 1969, zwar tragbar, aber ohne Keyboard und enorm kompliziert, weil auch kein Instruktionsplan dabei war. Ich habe all mein damaliges Geld investiert, um es überhaupt benutzbar zu machen. Das war mir eine gute Lehre: Mach, das es funktioniert! Und so verhält es sich bei mir auch mit den Soundtracks, wenn der Film nur ein geringes Budget hat. Bei »12 Years a Slave«, der auf einem Vier-Noten-Thema für Violine und Cello basiert, hatten wir nur vier Musiker, und es funktionierte im Film sehr gut.

Muss man beim Komponieren eine kindliche Neugierde bewahren?

Ich habe den Verdacht, dass ich nie wirklich arbeite, sondern nur spiele - wie ein große Kind.

Sie haben auch Musik für Kinderfilme wie »Lauras Stern« geschrieben. Schreiben Sie diese Musik mit dem gleichen heiligen Ernst wie Sie es für ein erwachsenes Publikum tun?

Natürlich. »Der König der Löwen« habe ich für meine Tochter, die damals fünf Jahre war, geschrieben. Und auch für meinen verstorbenen Vater. Man sollte die kindliche Wahrnehmung stets ernst nehmen - bei allem Spaß, den die Disney-Filme machen. »Der König der Löwen« ist ein sehr ernsthafter Score, wenn man von den spaßigen Parts eines Elton John einmal absieht. Ich habe ja ein regelrechtes Requiem im Mittelteil geschrieben.

Einen Ihrer besten Scores schrieben Sie zu »Der schmale Grat« von Terrence Malick. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit ihm, der wie einst Stanley Kubrick ein ausgeprägtes Musikverständnis hat?

Wir kannten uns schon vorher. Terry hatte sich 20 Jahre nach »In der Glut des Südens« entschlossen, wieder einen Film zu machen. Wir sprachen ein Jahr über das Konzept der Musik, auch über die Stücke, die nicht von mir in »Der schmale Grat« waren wie die sanft dahinfließenden Klangströme des estnischen Komponisten Arvo Pärt. Er wollte auch Teile aus Richard Wagners »Das Rheingold« verwenden - und ich war größenwahnsinnig genug, um ihm zu sagen: »Das kann ich noch besser machen!« Wir hatten wirklich ernsthafte Auseinandersetzungen über Musik. Und auch wenn Terry sich versöhnlich gab, werden wir wahrscheinlich nicht wieder zusammenarbeiten.

Mit Christopher Nolan und Ridley Scott aber arbeiten Sie immer wieder zusammen.

Es freut mich, dass sie mich immer wieder als Komponist einsetzen. Der Entwurf für »Gladiator« war komplett anders als der fertige Film. Wenn man einen Roman liest, entwickelt jeder für sich seinen Film im Kopf. So ist es auch bei mir, wenn ich vorab ein Skript lese, um die Musik zu schreiben.

Könnten Sie sich vorstellen, auch für einen »Star Wars«-Film den Soundtrack zu komponieren, falls das John Williams einmal nicht mehr machen würde?

Nein, dazu bin ich zu sehr Fan! Ich will den neuesten John-Williams-Score hören, genauso verhält es sich mit Ennio Morricone. Obwohl ich mit klassischer Musik aufgewachsen bin, habe ich bis auf Bernard Herrmann und Ennio Morricone nicht viel mit Filmkomponisten der alten Generation am Hut. Die beiden aber liebe ich.

Hans Zimmers Europa-Tournee führt ihn noch in folgende deutsche Städte: Berlin (20. April, Mercedes-Benz Arena), Oberhausen (22. April), München (26. April) und Köln (28 April).

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