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Thilo Sarrazin darf wieder hetzen

Thilo Sarrazins neues Buch »Wunschdenken« wirkt wie das aufgewärmte Best-of früherer Pamphlete - kulturalistische Ideologie inklusive

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 5 Min.
Ex-Politiker Thilo Sarrazin (SPD) wettert in einem neuen Buch über Geflüchtete, Europa und den Euro. Als PR-Partner hat er dafür die »Bild« gewonnen. Das Blatt hilft ihm, kulturalistische Denkweisen zu verbreiten.

Thilo Sarrazin und die »Bild« bilden eine Symbiose: Wo immer der frühere SPD-Finanzsenator aus Berlin ein neues Projekt bewerben will, ist das Springer-Blatt zur Stelle. Wie schon vor sechs Jahren bei »Deutschland schafft sich ab«, ließ es sich die Boulevard-Gazette auch nun wieder nicht nehmen, Sarrazins neuestes Werk »Wunschdenken. Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik häufig scheitert« in Teilen als Vorabdruck zu veröffentlichen. Für beide Seiten eine Win-win-Situation: Während sich der rechte Buchautor mit SPD-Parteibuch über millionenfach gedruckte Aufmerksamkeit für sein neues Pamphlet freuen darf, bekommt die »Bild« die kalkulierte Scharfmacherschlagzeile frei Haus geliefert. Man beachte: Jenes Blatt, dessen Chefredaktion sich im vergangenen Jahr als publizistische Speerspitze der »Refugees Welcome«-Bewegung inszenierte.

Doch wer »Bild« genauer kennt, wird längst mitbekommen haben, dass die Haltung des Boulevardblatts sich stark an gesellschaftlichen Großwetterlagen orientiert. Einerseits geht »Bild« damit sicher, die Stimmung seiner Leserschaft widerzuspiegeln, doch anderseits war es nie wirklich so, dass das Blatt plötzlich zu jenen »linksgrünen Gutmenschen« wurde, über die traditionell im Hause Springer nur Hohn und Spott ausgegossen wird.

Immerhin muss man »Bild« zugestehen, dass sie ihre neuerliche Kurskorrektur in der Flüchtlingsfrage hübsch zu verpacken weiß: »WIR SCHAFFEN DAS NICHT!«, lässt sie Sarrazin in ihrer Mittwochsausgabe in Großbuchstaben brüllen. Geschickt spricht das Blatt von »Sarrazins Abrechnung mit der Großen Koalition« – gemeint ist aber Springers Abrechnung mit Berlin. »Bild« hat es schon immer verstanden, seine eigene politische Agenda als die der breiten Massen zu verkaufen. Wenn es wieder einmal heißt »Deutschland diskutiert über… « oder »Deutschland ist schockiert über...«, dann heißt dies übersetzt schlicht: »Bild« will etwas verlautbaren. Nicht anders verhält es bei der Zusammenarbeit mit Sarrazin. Oder warum druckt die Zeitung unkommentiert Buchauszüge eines des kulturellen Rassismus mehr als verdächtigen Skandalsautors ab? Derartig viel Werbung könnte sich kaum ein Verlag leisten.

Den wenigen nun bekannten Zeilen aus »Wunschdenken« lässt sich allerdings schon jetzt entnehmen, dass Sarrazin eine Art Best of seiner bisherigen Bücher zusammengerührt hat und uns nun in leichter Updatefassung als besagte Abrechnung mit der Großen Koalition verkauft. Erneut serviert uns der umstrittene Autor seinen Kulturalismus als Wissenschaft und wärmt wesentliche Behauptungen aus »Deutschland schafft sich ab« schlicht wieder auf. So schreibt er über Flüchtlinge aus muslimischen Ländern: »Sie stammen zumeist aus Ländern mit niedriger Bildungsleistung. Ihr kulturelles und kognitives Profil ähnelt dem der muslimischen Zuwanderer aus diesen Herkunftsländern, die bereits in Europa sind. Es ist daher anzunehmen, dass sie sich hinsichtlich Bildungsleistung, Arbeitsmarktintegration, Sozialleistungsbezug, Kriminalität und Anfälligkeit für fundamentalistisches Gedankengut ähnlich entwickeln.« Anders ausgedrückt: Sarrazin hält Integration von Flüchtlingen für eine Einbahnstraße und Leistung, die allein von Asylsuchenden zu erbringen ist. Überdies wären Geflüchtete aus vorwiegend muslimischen Staaten schlicht zu doof dafür, sich hierzulande einzuleben.

Fakten? Interessieren Sarrazin nicht. Schaut man sich mit den Syrern etwa die derzeit mit Abstand größte Flüchtlingsgruppe an, sucht von der Ausgangslage alles andere als eine bildungsferne Gruppe Zuflucht in Europa. So galt Syrien bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs im März 2011 als arabischer Bildungs-Vorzeigestaat. Für Kinder zwischen sechs und 15 Jahren galt nicht nur die Schulpflicht, sie wurde mit Quoten von 98 Prozent bei Mädchen und 99 Prozent bei Jungen sogar tatsächlich konsequent durchgesetzt. Mehr als zwei Drittel besuchten im Anschluss eine weiterführende Schule. Die Analphabetenrate liegt bei etwa fünf Prozent, was auch daran liegt, dass sich der Staat sein Schul- und Ausbildungswesen mit 15 Prozent Anteil am jährlichen Staatshaushalt einiges kosten ließ. Eine Erfindung des diktatorisch herrschenden Präsidenten Baschar al-Assad war dies freilich nicht. Er übernahm lediglich in weiten Teilen jenes System, welches die Franzosen während des Völkerbundmandates zwischen 1922 und 1943 bereits etabliert hatten. Assads richtige Entscheidung war es dann, diese modernen Prinzipien fortzuführen. Eine Untersuchung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Herbst 2015 stellt schließlich fest, dass syrische Geflüchtete formal gesehen eine überdurchschnittlich gute Schulausbildung im Vergleich zu anderen Asylsuchenden genossen haben.

Doch zurück zu Sarrazin: Dieser wärmt weiterführend tatsächlich seine alte Behauptung von den besonders fortpflanzungsfreudigen Zuwanderern/Geflüchteten auf. Aufgrund einer nicht näher erläuterten »Modellrechnung« kommt Sarrazin zu dem Schluss, dass jede Jahrgangskohorte von Flüchtlingen innerhalb von »zwei Jahrzehnten durch Familiennachzug und eigene Kinder auf das Fünffache« wachse. Doch was Sarrazin als »eindeutig und zwingende Logik« beschreibt, ist allenfalls Kaffeesatzleserei mit vielen Unbekannten. Niemand weiß tatsächlich, wie viele Geflüchtete in den nächsten Jahren nach Europa und Deutschland kommen werden. Genauso wenig lassen sich Aussagen darüber machen, wie viele Geflüchtete etwa aus Syrien in Deutschland bleiben, sollte der Bürgerkrieg beendet werden. In 20 Jahren sollte es doch hoffentlich bereits soweit sein.

Doch all diese Überlegungen beiseite geschoben, geht es Sarrarzin eigentlich im Kern nur darum, den von nationalistischen Kräften beschworenen Kulturkampf zu beschwören. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wirft er vor, sie habe einen internationalen Blick auf die Krise. Linke Kräfte wären froh, wenn dies so wäre. Sarrarzin schreibt: »Diese internationale Sicht Merkels hat möglicherweise das Wohl der Welt im Allgemeinen im Blick, kaum aber noch die Interessen Europas und schon gar nicht das Interesse der Deutschen an der Zukunft der eigenen Nation, dem Schutz ihres Lebensumfeldes und ihrer kulturellen Identität.« Wem solche Aussagen an kulturalistisches Gedankengut erinnert, wie es derzeit prominent von Vertretern wie dem AfD-Politiker Björn Höcke vertreten wird, der hat Sarrazins Ideologie nicht nur begriffen, sondern klar als des kulturellen Rassismus entlarvt.

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