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Wahrhaftig wie ein kalter Gott

23. April: Welttag des Buches, 400. Todestag von Shakespeare und Cervantes

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.
Der britische Dichter William Shakespeare starb am 23. April 1616, ebenso wie der spanische Literat Miguel de Cervantes. Welch weitere treffliche Fügung, dass auch der Welttag des Buches auf den 23. April fällt.

Es muss dunkel werden, damit wir die Sterne sehen - Finsternis schafft Helle. Es muss eine Panne geben, damit wir erkennen, wie etwas funktioniert. Und dass die Liebe ewig ist, zeigt sich daran, dass jeden Moment irgendwo eine Liebe stirbt. Schönes wirres Leben. Am schönsten: wenn wir mittendrin sind, ohne dabeisein zu müssen. Denn mit vielen Leuten teilt man zwar Raum, nicht aber Zeit - Zeitgenossenschaft kommt von tiefer, von weit früher her. Was einen hält, das trägt einen fort - und das ist, je älter man wird, immer weniger die Gegenwart. Veränderung der Welt? Ihr Wesenskern gut? Vorsicht! Heiner Müller schrieb, wir seien nicht bei uns, solange Shakespeare, der größte Dramatiker dieses Planeten, noch immer unsere Stücke schreibe.

William Shakespeare starb am 23. April 1616, ebenso wie Miguel de Cervantes - der Spanier freilich schon nach dem gregorianischen, der Brite noch nach dem julianischen Kalender, also in Wahrheit erst zehn Tage später als Cervantes. Welch weitere treffliche Fügung, dass auch der Welttag des Buches auf den 23. April fällt. Eine geballte Einladung! Um das Fabulierende gegen das Faktum zu beschwören, die Phantasie gegen den Sachzwang, die Poesie gegen die Phrase, das Freie gegen das Festgelegte.

Shakespeares Unsterblichkeit. Dies bedeutet: Du bist roh und rein zugleich, bist treue Seele und Verräter. Du bist begrenzt, aber in dir ist doch alles denkbar. Das gute Böse, das böse Gute. Du magst gewinnen noch und noch - irgendwann stehst du mit deiner Kläglichkeit dem Universum gegenüber, und zwar sehr allein. In Gemälden der Angst ist Shakespeare am stärksten. Und im Porträt des Menschenwerks, das keine Erlösung kennt. Was in den Epochen seit jeher überlebt, ist ja nicht unbedingt die höhere Vernunft oder die größere Kraft, sondern vor allem der längere Atem. Der kann leider auch stinken. Denn wie fügt sich alles? Indem es gegeneinander kämpft: das Erhabene gegen das Niedrige, das menschlich zutiefst Ehrsame gegen das menschlich zutiefst Grausame. Nie getrennt, sondern ineinander verfilzt, und oft ist das Edle die größere Lüge als das Dreckige. Reizloser ist es sowieso. Die Menschen lassen es gern links liegen.

Lear: Gewinnt alles, aber erst im Schock, da ihm alles genommen wurde - der Mensch sieht sich immer unvorbereitet für die Aufklärung über den eigenen Zustand. Richard III., Macbeth, Titus Andronicus, Coriolanus, Jago: Man muss bloß regelmäßig die Gespräche mit dem eigenen Gewissen ausschlagen, und man wird womöglich sehen (freiwillig mit Blindheit geschlagen), wie schnell man weiter und noch weiter kommt, hoch und noch höher und also an den Abgrund. Im Dienste einer Sache - die stets die gleiche bleibt, wie jeweilig anders sie auch hieß und heißt. Nicht von Bosheit wird die Kälte der Menschen diktiert, so Shakespeare, sondern von Feigheit. Es ist die Feigheit eines nickenden, folgsamen Ichs. Das eigentlich ganz anders sein möchte. Schau dich doch nur um. Pass aber auf, an manch einer Wand hängt ein Spiegel.

Ja, Miguel de Cervantes Saavedra, mit dessen »Don Quichote« sich die Geburt des modernen Romans vollzog, steht ebenbürtig neben Shakespeare. Er ist das Enkelkind eines schlimmen straffen Inquisitionshelfers. In der Seeschlacht von Lepanto, die 40 000 Tote fordert, gerät er in die Fänge von algerischen Piraten. Immer wieder scheiternde Fluchtversuche - welch eine Energie des Trotzes. Erst nach fünf Jahren Gefangenschaft die Entlassung. Zurück in Spanien, wird er Nachrichtenagent für König Philipp II., gerät unter Mordverdacht, kommt erneut ins Gefängnis und wird zweimal von der Kirche exkommuniziert. Die Hoffnungen des Schriftstellers auf reiche Gönner, die er in zahlreichen Widmungstexten hochleben lässt, erfüllen sich nicht. Lope der Vega beherrscht die Szene, Cervantes flackert nur als kleines Licht. Ein früher Beleg, wie wenig das miteinander zu tun haben kann: Größe und Ruhm, Bedeutung und Popularität, Geist und Geltung.

Shakespeare hatte da mehr Glück. Das Globe Theatre in London war Prozedur und Pissbude zugleich. Aufführungen für zweitausend Leute. Edle und Elende, Beutelschneider und Bürger. Von nahen Stätten grüßten die aufgespießten, übel riechenden Köpfe hingerichteter Unholde. Auf der Bühne musste jeder Schauspieler für sich selber kämpfen. Ausgestattet mit seinem Rollentext, nicht mit dem gesamten Stück. Erklärt sich von daher die Kraft noch der geringsten Shakespeare-Figur? Schließlich musste jeder Auftritt einer Explosion gleichen - ein Durchsetzungsgewaltakt gegen ein rüpelndes, räudiges Publikum. Es kam nicht auf Sinn, es kam auf die Sekunde an. Theater als frühe Liaison von Arte und RTL 2.

Shylock, Falstaff, Mohr Othello, Romeo und Julia, Viola, Prospero - sie stehen wie das Kind in Brechts »Kreidekreis«. Das Kind sind wir. An unseren Armen ziehen Gott und Satan, ein Oben zerrt, ein Unten; es zerrt der Glaube und der Unglaube. Und nichts fügt sich und nie wieder zum Ursprungsbild einer Unschuld - die doch auch nur das Produkt einer überschäumenden Phantasie war. Das Genie aus Stratford-upon-Avon schuf Gestalten so, wie einzig ein Gott handwerken kann. Der zwar Schöpfung betreibt, aber nicht mitleidet. Ja, so wahrhaftig wie Shakespeare kann man den Menschen wohl nur fassen, wenn man kein Erbarmen mit ihm hat - man müsste sonst vor Erkenntnis irr werden.

Das Überschäumende bei Cervantes dagegen, etwa in seinem »Don Quichote«, besteht aus purer Erbarmenskraft. Gewiss, Don Quijote und Sancho Pansa sind zwei, die bei ihren Kollisionen mit der Realität ebenfalls heftig Prügel beziehen - auch hier ist Gewalt die hohe Schule der Wirklichkeit. Aber der alte Ritter, der nur immer einsteckt, doch nie aufsteckt - er führt jedes Unglück ad absurdum. Kraft seiner Einbildungsgabe, kraft seiner nicht zu tilgenden Seelenheiterkeit und einer Existenzfreude, die jede aufkommende Dämonie grandios beschämt. So viel Bösartigkeit zu erleben, so viel Leid - aber welch unbesiegbare Nachsicht und eine in der Geschichte des europäischen Großromans einmalige Großherzigkeit. So entwaffnend freundlich, wie man sich das Verhältnis wünschte zwischen dem Begüterten und der Güte, oder zwischen den Hartgesottenen und den Weichgesotteten, oder zwischen einer herrschenden Position und der sie nur immer anherrschenden Opposition, oder zwischen den Deutschen und ihrem Deutschland.

Gustave Flaubert bescheinigte dem Buch farbigste Wege, »die doch nirgendwo beschrieben werden.« Das genau ist Cervantes’ Zauberkraft! Mit geringst ausgeschnittener Wirklichkeit unsere Phantasie auf Hochtouren zu bringen. Leere schafft den Mythos, nicht Fülle. Eine Lehre für jeden politischen Programmatiker: Zukunft nicht allzu sehr vergegenständlichen! Es gibt für das Leben nichts Verletzenderes als Vorwegnahme, Vorhersage. Wer eine Sache zu sehr ausmalt, hat ihr schon geschadet. Selbst Gott bekommt Porträtiertwerden nicht.

Gedanken zum Feiertag für das Lesen. Warum der 23. April? Es ist der Georgstag. Am Namenstag dieses Volksheiligen wurden in Katalonien Rosen und Bücher verschenkt. Was ist das Aufschlagen eines Buches denn überhaupt? Nichts weniger als ein Aufruhr gegen das Gefüge, in dem wir aufgefordert sind, nur immer standesgemäß zu existieren und demzufolge zu veröden. Lesen eröffnet ein Wunder. Das sogar alles Böse verwandelt, ohne - o Trauer! - dies Böse vertreiben zu können. »Doch putzt die Trauer es so ungemein,/ Dass jeder sagt, so nur kann Schönheit sein.« Shakespeare.

Uwe Neumahr: Miguel de Cervantes - Ein wildes Leben. Biografie. Verlag C. H. Beck München. 394 S., geb., 26,95 €. Miguel de Cervantes: Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda. Aus dem Span. von Petra Strien. Die Andere Bibliothek Berlin. 596 S., geb., 42 €.

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