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Immer ihrer Zeit voraus

150 Jahre jung - von der Buchdruckergewerkschaft zu ver.di

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 4 Min.
Neben den Zigarrendrehern mit ihrem Vorleser in den ruhigeren Manufakturen galten die Buchdrucker als die Akademiker im Proletariat. Sie waren es auch, die eine der ersten Gewerkschaften gründeten.

Die aus fünf Organisationen gebildete Dienstleistungsgewerkschaft ver.di besteht erst seit 15 Jahren. Sie kann in diesem Frühjahr aber auf eine Tradition von 150 Jahren zurückblicken. Stichtag ist der 20. Mai 1866, an dem in Leipzig der überregionale Verband der Deutschen Buchdrucker aus der Taufe gehoben wurde. Aus diesem Anlass plant der ver.di-Fachbereich 8 (Medien, Kunst und Industrie) unter dem Motto »150 Jahre jung - von der Buchdruckergewerkschaft zu ver.di« derzeit zentrale, regionale und lokale Veranstaltungen sowie eine eigens eingerichtete Website.

Das Industrieproletariat litt Mitte des 19. Jahrhunderts unter miserablen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Dies war der Nährboden für erste Ansätze der Selbstorganisation. Es ist kein Zufall, dass Buchdrucker und Schriftsetzer, die als Facharbeiter belesen waren und einen Ruf als »Akademiker im Proletariat« genossen, mit als erste Berufsgruppe den Schulterschluss suchten. Schon in der Revolution von 1848 forderten Buchdrucker eine Verbesserung ihrer Lage. In den frühen 1860ern formierten sich erste lokale Verbände und Publikationen, so etwa in Berlin und Sachsen. In Leipzig, einer Hochburg der Druck- und Verlagsbranche, gaben Buchdruckergehilfen seit 1863 eine »Wochenschrift für Deutschlands Buchdrucker und Schriftgießer« heraus. Sie waren Mitinitiatoren des Buchdruckertags im Mai 1866, der die Gründung einer einheitlichen gewerkschaftlichen Organisation beschloss.

Die junge Gewerkschaft setzte sich unter großen Opfern für einen Tarifvertrag zur kollektiven Verbesserung der Einkommen und Arbeitsbedingungen ein. Als Reaktion auf die Gewerkschaftsgründung und Kartell gegen Unterbietungsspiralen und Dumpingkonkurrenz in der eigenen Klasse schlossen sich Druckereibesitzer 1869 im Arbeitgeberverband Buchdruckerverein zusammen. Schon 1873 kam es nach massivem Arbeitskampfdruck zum Abschluss des »Reichstarifvertrags der Buchdrucker«. Dieser erste Flächentarifvertrag war ein historischer Durchbruch für die junge Arbeiterbewegung. Er bestimmte Löhne und Zuschläge, Normen, einen Zehn-Stunden-Tag und paritätisch besetzte Schiedsverfahren. Allerdings war die Durchsetzung in vielen Betrieben schon damals alles andere als selbstverständlich.

Mächtige Impulse gingen von der Novemberrevolution 1918 aus. Sie brachte soziale und demokratische Zugeständnisse. Revolutionäre Gärung und erbitterte Streiks erfassten auch das grafische Gewerbe. Etliche organisierte Buchdrucker und Schriftsetzer legten damals auch steile Karrieren hin, so etwa die SPD-Politiker Paul Löbe, Philipp Scheidemann und Otto Grotewohl, der spätere DDR-Ministerpräsident. Ab 1930 gingen Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit einher mit einer massiven Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Unter der NS-Diktatur waren viele Druckereiarbeiter im Widerstand und der Verfolgung durch das Regime ausgesetzt.

In Westdeutschland öffnete sich die 1948 gegründete IG Druck und Papier (DruPa) 1951 für die Berufsgruppe der Journalisten (dju) und 1973 für den Schriftstellerverband (VS). Auch im sogenannten Wirtschaftswunder der alten BRD war tarifpolitischer Fortschritt ohne Streikbewegungen unmöglich. Die Wochenarbeitszeit in der Druckbranche wurde von 1956 bis 1965 von 45 auf 40 Stunden gesenkt. In den 1970er Jahren lösten technische Umwälzungen bundesweite Streiks für Rationalisierungsschutz aus. Dabei kam es auch zu Massenaussperrungen. 1984 war die relativ kleine IG DruPa noch vor der IG Metall treibende Kraft in einer erbittert geführten wochenlangen Streikbewegung für den Einstieg in die 35-Stunden-Woche.

Auch gesellschaftspolitisch war die DruPa, die sich im 1989 mit der IG Kunst, Kultur und Medien zur IG Medien zusammenschloss, über Jahrzehnte eine treibende Kraft. Sie stritt in Massenbewegungen für ein demokratisches Betriebsrätegesetz und gegen Atomrüstung, Notstandsgesetze, Berufsverbote und sozialen Kahlschlag.

Lang war in der »Männergewerkschaft« der Weg zur Gleichberechtigung von Frauen. Im ersten »Reichstarifvertrag für Hilfspersonal« von 1921 waren Hilfsarbeiterinnen gegenüber ihren männlichen Kollegen noch extrem stark benachteiligt. 1981 erstritten - begleitet von einer langen Kampagne - 29 Arbeiterinnen des Gelsenkirchener Fotounternehmens Heinze in einem für die BRD wegweisenden Prozess vor dem Bundesarbeitsgericht die Lohngleichheit. In der DDR konnten Frauen übrigens schon in den 1950ern als Schriftsetzerinnen arbeiten, in der BRD erst später. Ihrer Zeit voraus war die DruPa auch 1988, als sie in Wiesbaden ein spektakuläres »Tribunal gegen Flexibilisierung und ungeschützte Arbeitsverhältnisse« durchführte und lange vor den Schröderschen Hartz- und Agenda-Gesetzen die Prekarisierung der Arbeitswelt anprangerte.

Seit den 1990ern verschwanden durch technologischen Umbruch und kapitalistische Marktbereinigung viele Betriebe und Arbeitsplätze in der Branche. Nach langer Debatte war im Jahr 2001 der Übergang in die neugegründete ver.di unumkehrbar. Ein Wermutstropfen war gleich danach die Schließung der traditionsreichen Bildungsstätte in Springen (Taunus), in der schon die IG Druck und Papier Generationen von Funktionären geschult hatte. Die ver.di-Spitze beschloss 2015 wegen hoher Brandschutzkosten die Schließung der DruPa-Bildungsstätte in Lage-Hörste.

In der Druckindustrie hat sich die Zahl der Arbeitsplätze in 25 Jahren auf rund 115 000 halbiert. Die Digitalisierung verdrängt alte Berufe, Laptops und kompakte Geräte ersetzen riesige Maschinen. Die Tendenz zur Tarifflucht in Ost und West hält an. Vor diesem Hintergrund könnte ein Rückblick in die Geschichte der jüngeren Generation die Notwendigkeit von Kollegialität und Solidarität neu vermitteln.

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