Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Alltag im Osten

Gläsers Globus

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 3 Min.

Als meine Nachbarin ihren Geburtstag feierte, ließen sich ihre Brüder und Schwestern sowie Söhne und Töchter entschuldigen, denn sie mussten sich in ihren sektiererischen Initiativen engagieren. Immerhin war ihr Mann dabei, der früher beim Patentamt gearbeitet hat. Doch weil viele Menschen im Sicherheitsdienst arbeiteten oder sich in sektiererischen Initiativen dagegen engagierten, wurde nichts mehr patentiert. Er arbeitete ziemlich bald für den Staatssicherheitsdienst, wurde vom Verfassungsschutz übernommen, doch bald kam sein Hühnerwahnsinn dazwischen.

Seiner Frau erging es ähnlich. Damals hatte sie eine Stelle als Buchbinderin gefunden, wo sie unförmige Sammelalben für Streichholzmutationen bastelte. Doch weil so nach und nach die EG-Normen durchgesetzt wurden, sahen die Streichhölzer mit zunehmender Zeit gleich aus. Das war für alle Sammler von Streichholzmutationen ein Ärgernis. Ihre Geschwister und Kinder hatten Arbeit. Damit das so blieb, sagten sie für die Geburtstagsfeier ab.

Bei meinem Nachbarn machte sich der Hühnerwahnsinn bemerkbar, er warf die LPs von Roland Kaiser aus dem Fenster. Danach griff er sich die »Die größten deutschen Schlagererfolge der letzten 20 Jahre« und trennte mit einem scharfen Messer den ersten Titel ab. »Sieben Fässer Wein.« Er schenkte diesen Vinyl-Ring seiner Frau. Sie schrie: »Und wat is mit der andern Seite? Jetz fehlt der Anfang von Christian Anders.« Nun stritten sie sich darüber, wer den ersten Schlager herausgebracht hatte, der über sechs Minuten ging. Christian Anders mit »Wer liebt, hat keine Wahl« oder Frank Schöbel mit »Wie ein Stern in einer Sommernacht«.

Sie imitierte einen schizophrenen Geflügelmann, worauf der Sittich schön sang. Mein Nachbar schlug mit der flachen Hand auf den Käfig, der Insasse wurde nervös, denn diese Schikanen hatte er nicht verdient. Erst band ihm mein Nachbar an den Käfig, indem er ihm eine Wollfadenschlinge um sein Bein fingerte, dann befestigte er einen Fingerhut vor seinem Schnabel, und nun bebte sein Käfig. Wie lange würde sich sein Gefieder noch sträuben?

Mein Nachbar meckerte auf alle Arbeitgeber und meine Nachbarin auf alle Ausländer. Ich fragte, wann es Kaffee und Kuchen gäbe. Als wir aßen und tranken, fragte er mich: »Wie jeht’s? Haste Arbeit?« Ich antwortete: »Ach, ick bin doch intellektuell.« Er guckte irritiert: »Ja, und als wat arbeiteste?« Nun löcherte sie mich: »Wie jeht’s? Haste ne Freundin?« Ich erwiderte: »Ach, ick bin doch pervers.« - »Ach so.«

Bald räumte er die Kaffeetafel ab und begann, den Abendbrottisch zu decken. Plötzlich klingelte es an der Tür. Alle Brüder und Schwestern, sowie Söhne und Töchter, betraten die Wohnung, und ich verließ sie. Herzlichen Glückwunsch!

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln