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London macht Corbyn Hoffnung

Labour hat mit Sadiq Khan bei der Oberbürgermeisterwahl in der britischen Hauptstadt gute Chancen

  • Von Ian King, London
  • Lesedauer: 3 Min.
Dem Konservativen Boris Johnson droht das Aus. Im Kampf um das Bürgermeisteramt in Großbritanniens Hauptstadt liegen die Sozialdemokraten von Jeremy Corbyn laut Umfragen vorn - ein Lichtblick für die Labour Party angesichts anderer anstehender Wahlen.

David Cameron hat einen neuen Feind: Im Unterhaus wetterte der britische Premier am Mittwoch gegen den Labour-Politiker Sadiq Khan. Er habe mit radikalen Moslems eine Plattform geteilt, sei als Londoner Oberbürgermeister in spe untragbar. Vor dem wegweisenden Referendum über die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU stehen am 5. Mai Wahlen in mehreren Landesteilen an. Im walisischen Regionalparlament fürchtet Labour als traditionelle Mehrheitspartei Verluste, in Schottland gar ein Debakel, denn Nicola Sturgeons Scottish National Party (SNP) bekommt Oberwasser. Die englischen Kommunalwahlen könnten Labour weitere Probleme bereiten. Aber in der Hauptstadt sieht Oppositionschef Jeremy Corbyn einen Lichtblick.

Vor vier Jahren machte der Konservative Boris Johnson bei der OB-Wahl klar das Rennen. Aber seitdem haben die Tories in der Hauptstadt weniger zu melden. Trotz landesweiter Verluste gewann Labour 2015 sieben Londoner Wahlkreise hinzu, lag mit 1,5 Millionen Stimmen vor den Konservativen mit nur 1,2 Millionen. So gesehen, müsste der Labour-Bannerträger Khan, ein früherer Menschenrechtsanwalt und bekennender Moslem, klar siegen. Und in der Tat führt er in der neuesten Umfrage mit 11 Prozentpunkten.

Das ließ den Tory-Gegenkandidaten Zac Goldsmith nicht schlafen. Der Millionärssohn, der sich gern umweltbewusst gibt, führt aus lauter Verzweiflung eine Negativkampagne. Wähler in reichen Vororten sollen mit Angstparolen mobilisiert werden. Auch ethnische Gruppen werden gezielt angesprochen: Hindus und Sikhs beispielsweise mit der Botschaft, ein OB Khan würde in Verbindung mit dem Linken Corbyn ihren Familienschmuck besteuern. Khan sei auβerdem mit dem Tootinger Imam und angeblichen islamistischen Extremisten Suliman Gani befreundet.

Nur: Tooting ist Khans Wahlkreis. Dort besucht er alle Religionsvertreter und hat sich klar gegen Antisemitismus positioniert. Goldsmith selbst ist dagegen bei Veranstaltungen mit dem angeblich »abstoβenden« Gani fotografiert worden. So konnte Khan den Spieβ umdrehen und warf Goldsmith vor, nicht-weiβe Londoner gegeneinander aufzuhetzen und damit den Frieden in der Stadt aufs Spiel zu setzen. Labours Yvette Cooper ging noch einen Schritt weiter und warnte vor »nacktem Rassismus« des Konservativen.

Der Sohn eines pakistanischen Busfahrers Khan lässt sich durch Tory-Provokationen nicht aus der Ruhe bringen. Seine Familiengeschichte beweise die Zauberkraft des Londoner Schmelztiegels. Er habe nichts gegen Millionäre, die ihr Geld redlich erworben und besteuert hätten, hier seien keine linken Experimente zu erwarten. Vor allem den Häuserbau will Khan fördern, nicht im Luxusbereich, sondern damit LehrerInnen, KrankenpflegerInnen oder Feuerwehrleute es sich wieder leisten könnten, in der Hauptstadt zu wohnen. Auch auf das zweite Hauptproblem, die mangelhaften öffentlichen Verkehrsmittel, hat der Labour-Vertreter eine praktische Antwort: Einfrieren der Wucher-Fahrpreise.

Traditionell kann sich kein OB-Kandidat im ersten Wahlgang durchsetzen. Laut Dave Hill vom linksliberalen »Guardian« wird der bekennende Anti-Europäer Goldsmith zweite Präferenzstimmen des rechten Kandidaten Peter Whittle (United Kindgom Independence Party) für sich verbuchen können, aber Khan werde in gleichem Maβe von Anhängern der Grünen und Liberalen-Kandidatinnen, Sian Berry und Caroline Pidgeon, Zweitstimmen ernten. Damit sei Khan klarer Favorit. Auch bei der gleichzeitig stattfindenden Bezirkswahl zur Londoner Assembly – die Versammlung kontrolliert den Haushalt des Bürgermeisters – habe Labour die Nase vorn. Nur ein Fragezeichen sieht Hill: Jüngere Linkswähler könnten wegen allzu groβer Selbstsicherheit den Urnen fernbleiben, ältere Konservative seien wahlfreudiger.

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