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Die Macht des gedruckten Wortes

Für die Literatur sollte das Jahr 1946 einen Neuanfang markieren - in Ost und West ist man an diesem Anspruch auf unterschiedliche Weise gescheitert. Von Christian Baron

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 6 Min.

Wer bestimmt, was in den Büchern steht, bestimmt damit auch, was die Menschen denken. Das mutet manchem sicher zu simpel an; in Deutschland aber hat dieser Gedanke eine lange Tradition. Über alle politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts hinweg behielt er seine Wirkmacht auf diesem Fleckchen Erde, dessen Bewohner es so gerne als »Land der Dichter und Denker« überhöhen. Dass sich ausgerechnet hier der größte Zivilisationsbruch der Menschheitsgeschichte vollzog, das stellte die Siegermächte nach 1945 darum gerade in der Literaturpolitik vor besondere Schwierigkeiten. Wie sollte man nur umgehen mit einer Kulturnation, die den Holocaust zu verantworten hat?

In den zwölf Jahren der Nazidiktatur hatten sich die Lesegewohnheiten der Bevölkerung in eine Richtung verändert, die den deutschen Geist - vorsichtig formuliert - nicht eben in gutem Licht erscheinen lässt. Das lag nicht nur, aber auch an den staatlichen Vorgaben - daran, dass viele Werke und Autoren verboten waren, und daran, dass Kunst als wertlos abgestempelt und ins Feuer geworfen wurde.

Wie gelegen kam den Kulturbeauftragten der Alliierten da diese eine wunderbare Autorin, die bereits 1942 ihren im besten Sinne antifaschistischen Roman »Das siebte Kreuz« im mexikanischen Exil veröffentlicht hatte, der nur zwei Jahre später in den USA mit Spencer Tracy in der Hauptrolle verfilmt wurde. In der sowjetischen Besatzungszone erschien das Buch schon 1946 im Aufbau-Verlag des Kulturbundes, avancierte schnell zum Bestseller und dessen Autorin, die sich Anna Seghers nannte, sollte nicht nur zur Großdichterin der DDR werden, sondern als weltberühmte Literatin auch deren kulturelles Aushängeschild.

Um ihr Werk, das die Geschichte einer spektakulären Flucht aus dem fiktiven KZ Westhoven erzählt, kam auch der an kommerziellen Erfolgen interessierte Westen Deutschlands nicht herum. 1948 veröffentlichte der Verlag Kurt Desch eine Lizenzausgabe, die sogar »Neues Deutschland« als »besonders wichtig« würdigte. Etwa zeitgleich erschienene, die jüngste Vergangenheit kritisch verhandelnde Bücher wie Theodor Plieviers »Stalingrad« oder Eugen Kogons »Der SS-Staat« wurden in Ost wie West gleichermaßen rezipiert. Lief also zumindest die literarische Aufarbeitung des Naziterrors vorbildlich?

Wie so oft, ist auch diesmal die Wahrheit komplizierter. Das zeigt der Historiker und Germanist Christian Adam in seinem neuen Buch »Der Traum vom Jahre Null«, in dem er »Die Neuordnung der Bücherwelt in Ost und West nach 1945« untersucht. Seine zentrale These: Die sowjetischen Besatzer übernahmen nach dem Krieg das bestehende Zensursystem unter umgekehrten inhaltlichen Vorzeichen; die französischen, britischen und US-amerikanischen Besatzer traten wiederum das verlegerische Erbe der Nazis an.

Mit dem Gesetz Nr. 191 legten die Siegermächte noch vor der endgültigen Befreiung vom Hitler-Regime den Grundstein dafür, dass das später in zwei verfeindete Lager separierte Land in einer repressiven Kulturpolitik vereint war. Die Weisung untersagte »das Drucken, Erzeugen, Veröffentlichen, Verteilen, Verkaufen und gewerbliche Verleihen von Büchern« ohne Erlaubnis der Militärregierung. Verstöße wurden hart geahndet: Allein 1946 sollen laut Adam rund 40 Buchhändler und Verleger zu Zwangsarbeit und Gefängnis verurteilt worden sein. Außerdem erstellten die Alliierten im selben Jahr ein »Verzeichnis der auszusondernden Literatur« - und dort fanden sich nicht nur einwandfrei als Nazis zu identifizierende Autoren. Indiziert waren etwa Gottfried Benn (»völkischer Schriftsteller«), Ernst Glaeser (»Renegat«) und Arnolt Bronnen (»Konjunkturschriftsteller«).

Für die westlichen Besatzungszonen stellt Adam eine »Fülle an Vermeidungsstrategien« fest. Hier habe die Verlags- und Literaturwelt nach einer kurzen Phase der »Auseinandersetzung mit den Opfern der Deutschen die Stilisierung der Deutschen zu Opfern als zentrales Anliegen entwickelt«. Schon der 1946 publizierte Gedichtband »De profundis« sollte »Stimmen des guten Deutschland« sammeln und kam für einen Lyrikband erstaunlich gut an: Von 10 000 Exemplaren der Erstauflage waren im Sommer 1948 bis auf 849 alle verkauft. Vielleicht, weil das Buch die Schuld der Deutschen marginalisiert und die »Katastrophe« als Voraussetzung für das Entstehen einer »besseren Welt« interpretiert.

Vor allem die 50er Jahre waren in der jungen Bundesrepublik, so Adam, im Westen »das Jahrzehnt des Schweigens über die Shoah«. Daran vermochte auch das 1950 erstmals in Deutschland erschienene »Tagebuch der Anne Frank« nichts zu ändern, das in der DDR viel beachtet wurde und in der BRD zu grotesken Fälschungsvorwürfen gegen den Vater der Autorin führte. Strukturell wirkte dieses Verdrängen im Westen jahrzehntelang fort. Bis zu einem empörten FAZ-Artikel im Jahr 2009 galt an Universitäten eine Literaturgeschichte als Standardwerk, als deren Mitherausgeberin Elisabeth Frenzel fungierte, die eine wichtige Mitarbeiterin des NSDAP-Chefideologen Alfred Rosenberg war und Literaten wie Kurt Tucholsky, Irmgard Keun oder Klaus Mann gar nicht erst beachtete.

Im Osten traten die neuen Machthaber 1945 mit deutlich pädagogischerem Impetus an. Dabei erhielt die Literatur eine herausgehobene Bedeutung: Bis Dezember 1946 vergab die Sowjetische Militäradministration 55 Lizenzen an Verlage, die binnen anderthalb Jahren mehr als 25 Millionen Bücher drucken konnten. Der Autor Arnold Bauer berichtete beim Ersten Deutschen Schriftstellerkongress 1947 von seinem Eindruck, »als gedeihe inmitten unseres gewaltigen Trümmerfeldes und unserer verstümmelten Industrie nur ein Produktionszweig: die Herstellung bedruckten Papiers«.

Exilautoren nahmen dann auch im östlichen Teil des Landes eine viel größere Stellung ein. Neben Seghers fanden auch Brecht, Zweig und Becher dort ihre literarische Heimat. Was nicht verhindern konnte, dass gerade im Segment der Unterhaltungsliteratur mit dem Beginn der 50er Jahre auch in der DDR tradierte Erzählmuster wiederkehrten. Adam nennt hier vor allem Harry Thürk, den der »Spiegel« nicht umsonst als »Konsalik des Ostens« verspottete. In den Werken beider Männer wirken alte und stereotypisierte Bilder des Fremden fort - das konnte »der Russe« sein oder eben »der Jude«.

Dem »ND« schien der erfolgreiche Thürk bisweilen nicht linientreu genug zu agieren. Ende März 1958 schulmeisterte Franz Hammer den verkaufsträchtigen Autoren: »Von einem sozialistischen Schriftsteller erwarten wir, wenn er einen Roman des Zweiten Weltkrieges schreibt, dass er seiner sozialistischen Haltung unverkennbaren Ausdruck verleiht - und dass er auch etwas, zumindest im Keime, von den Kräften deutlich werden lässt, die auf deutscher Seite der faschistischen Barbarei heroischen Widerstand boten.« Zugleich versuchte sich die Staatsführung des einsetzenden Literaturschmuggels zu erwehren, der in der DDR verbotene Bücher kursieren ließ.

Auch dazu hatte das »ND« eine klare Meinung. Als »Erzieher und Fürsorger« sei man machtlos, wenn »der Bonner Staat« keine »Gesetze gegen das Laster« verabschiede. Denn dadurch gelangten, so der nicht genannte ND-Autor in einem Artikel vom 24. Oktober 1955, »Schmöker und Schundfilme« nach Osten, welche »die Jugend auf das Killerhandwerk in der NATO-Söldnerarmee« vorbereiteten. Der Lesehunger des Publikums blieb, und das brachte Buchhändler häufig in ernsthafte Schwierigkeiten. Buchhandlungen, die wirtschaftlich reüssierten, wurden von der Staatsführung sofort verdächtigt, unter der Ladentheke verbotenen Lesestoff direkt vom dämonisierten Klassenfeind an unbedarfte DDR-Bürger vertickt zu haben - selbst dann, wenn sie zweifelsfrei nachwiesen, dass ihr Erfolg auf politisch erwünschten Bestsellern wie »Nackt unter Wölfen« von Bruno Apitz oder »Wundertäter« von Erwin Strittmatter basierte.

Am Ende führte die DDR gerade in den Anfangsjahren also das Verständnis von Literatur der NS-Zeit als der Partei bedingungslos dienende Propaganda fort. Derweil breitete sich in der BRD ein lange andauerndes Schweigen über die Naziverbrechen aus, weil weder die Eliten noch die Masse ein Interesse an der Aufarbeitung des Geschehenen hatten. Verbunden waren beide Seiten über alle ideologischen Differenzen hinweg darin, dass sie ihren Staat jeweils noch immer als »Land der Dichter und Denker« sahen und das Buch darin, wie Christian Adam es treffend formuliert, seine Bedeutung als »Kern der kulturellen Identität« behalten konnte.

Christian Baron, Jahrgang 1985, ist Volontär beim »nd«.

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