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Mehr Kostas, weniger Nikolause

Dienstag vergangener Woche war wieder dieses Datum, an das viele sich nicht gerne erinnern. Ich aber erinnere mich noch, wie ich am 20. April 1985 morgens in die Dorfbäckerei jenes Ortes kam, in den ich wenige Wochen zuvor gezogen war, und mich wunderte, warum so viele nette ältere Herren im Sonntagsanzug und bei Würstchen und Bier um einen Tisch saßen, von dem eine feierliche Stimmung ausging. Und ich erinnere mich daran, dass ich die merkwürdige Begegnung kurze Zeit später dem Vater eines Freundes schilderte, der 1939 aus Polen zur Zwangsarbeit auf einen Bauernhof in eben jenem Ort, in dem ich mich niedergelassen hatte, verschleppt wurde. Der hat dann die Tochter des Bauern geehelicht und seinen Vornamen später von Jan in Johann geändert. Der erzählte mir an just jenem 20. April, dass die Herren im Anzug und mit dem mühsam unterdrückten Reflex, die rechte Hand schräg nach oben zu strecken, gute Freunde von ihm seien. »Aber das sind doch Nazis«, entgegnete ich ihm. Das wisse er, meinte er, aber erstens seien es ehemalige Mitschüler seiner Frau und zweitens seien sie die einzigen, mit denen er beim Bier über die Kriegszeiten reden könne.

Später konnte ich mich bei gelegentlichen Besuchen in der Bäckerei vergewissern, dass das nicht nur auf der Einbildung eines Alkoholikers beruhte, sondern die netten älteren Kameraden in der Tat sehr freundlich mit ihrem Saufkumpanen umgingen - so wie man eben in diesen Kreisen mit »seinem Polen« damals sprach. Und ich erinnere mich daran, dass ich das als junger Mensch für bizarr und ungeheuerlich hielt. Erst nach und nach reifte in mir die Erkenntnis, dass das Verhalten des alten Mannes nachvollziehbar war: Schließlich gab es sonst niemanden im Dorf, der sein Geburtsland Polen aus eigenem Erleben kannten; die Flüchtlinge, die nach 1945 in der 4000-Seelen-Gemeinde sesshaft wurden, kamen aus dem Sudetenland. Was ich aber gleich verstand, war, warum mein ehemaliger Mitschüler, der Sohn des Bäckers, in der Schule darauf bestand, dass er Nikolaus und nicht Niko genannt wird.

Die Zeiten ändern sich. Bei mir die Straße runter gibt es ein Café mit dem Namen »Nadia und Kosta«, benannt nach der Inhaberin und ihrem Mann. Die Vorfahren von ihr kamen aus einem nordafrikanischen Land, er ist der Sohn von griechischen Einwanderern. Die Vorfahren beider mussten nicht flüchten, sie haben ihre Länder verlassen, weil sie sich ein besseres Leben erhofften. Aus dem gleichen Grund also, aus dem ich vor 21 Jahren nach Berlin zog. Als Nadia und Kosta heirateten, wurde das im Café groß gefeiert. Noch Wochen danach schwärmten Frauen vom Kleid der Braut und der romantischen Kussszene mitten auf der Straße vor dem Café.

Warum ich das schreibe? Weil es in einer Zeit, in der sich manche inmitten eines politischen Rechtsrucks wähnen, gut ist, daran zu erinnern, dass es heute mehr Kostas und Nadias als Nikolause in Deutschland gibt.

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