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Folge 117: HÖNKELN

Lexikon der Bewegungssprache

In der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1987 kam es im Westberliner Stadtteil Kreuzberg zu großflächigen Plünderungen von Supermärkten und einer Reihe anderer Geschäfte. Autonome hatten zusammen mit Teilen der Bevölkerung zuvor die Polizei aus dem Kiez vertrieben und so bot sich die Chance, frei und bargeldlos, sprich: proletarisch, »nach Ladenschluss einzukaufen«, wie es später in der Agitation autonomer Gruppen hieß. In diesem Kontext machte kurz danach auch ein weiterer Begriff die Runde: hönkeln. Der Legende zufolge soll das Wort »Hönkel« am 1. Mai von Zivilbeamten der Polizei als Deckname Verwendung gefunden haben. Von einer Kreuzberger Wohngemeinschaft sei es dann aufgegriffen worden. Gegen den Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan im Juni 1987 formulierten anonyme Autonomistas ein Manifest, in dem es unter anderem heißt, dass der Hönkel »lebt (…) als sei der Tag gekommen«. Hönkel, so führten die VerfasserInnen aus, seien »die erklärten Feinde des Alltags, der Arbeit, der Ordnung des Löschpapiers«. Sie seien auch nicht mehr dazu bereit »zu warten, bis die Menschheit sich ändert, kurz: Sie sind die Büchsenöffner im Supermarkt des Lebens«. In diesem Sinne luden sie »Rebellinnen, Chaoten, Pyromanen, Jumperinnen, Jobber, Gelegenheitsdiebe, Plünderinnen und Outlaws« zu einer Woche des »Hönkel­Rausches« nach Westberlin ein. Und tatsächlich kam es dabei immer mal wieder zu Plünderungen. Später kam der Begriff noch einmal im Zusammenhang mit den besetzten Häusern in der Hamburger Hafenstraße auf. Bei der »Hönkel­Diskussion« wurde die Frage kontrovers verhandelt, ob es klug ist, direkt vor den Häusern parkende Autos zu knacken. Hönkel mag es noch heute geben, nur der Begriff, der hat die Zeiten nicht überlebt. mamo

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