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Magnet für Geheimnisse

Nancy Aris lässt eine historische Recherche in Wladiwostok fast zur Detektivgeschichte werden

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

Von Nancy Aris gab es vor zwei Jahren schon ein Buch im Mitteldeutschen Verlag: »Passierschein, bitte! Nachtnotizen aus Wladiwostok«. Darin war bereits davon die Rede, dass sie dort nach Spuren deutscher Kaufleute suchte. Hier nun ist aus dieser Suche ein Roman geworden, der stellenweise so spannend zu lesen ist wie eine Detektivgeschichte.

Das liegt wohl vor allem an der Person der Ich-Erzählerin. »Vielleicht hätten Sie Detektivin werden sollen und keine Historikerin«, bekommt sie von der gestrengen »Regentin des Lesesaals« im Staatlichen Archiv des Fernen Ostens auf Seite 227 zu hören. Da schaut diese Ljudmila Petrowna allerdings schon ganz anders drein als auf Seite 60. Anna Stehr ist dabei, ihr Herz zu gewinnen, so wie es ihr bei ihrer Nachbarin Tatjana, beim Hausmeister Wolodja, bei der Serviererin im Kaufhauscafé, ja eigentlich bei fast allen Leuten gelingt, mit denen sie zusammentrifft.

Beim Lesen mag man darüber nachdenken, worin ihr Zauber besteht. Tatkraft, wirkliches Interesse für den Anderen, Zuwendung, Hilfsbereitschaft - und wahrscheinlich hat es auch einen Reiz, wenn eine junge Frau aus Deutschland perfekt Russisch spricht. Nicht nur, dass sie ohne diese Sprache in Wladiwostok nicht so gut zurechtgekommen wäre, sie wäre überhaupt ein ganz anderer Mensch. Denn wer eine Weile in den russischen Alltag eingetaucht ist, der bringt etwas Eigenes nach Hause mit, der fügt seinem Wesen etwas hinzu.

Anna Stehr ist natürlich nicht Nancy Aris: Es ist ein Roman; manches ist auch fiktiv. Doch das Selbsterlebte kommt dem Buch zugute. Man merkt das an der Lebendigkeit, der Farbigkeit des Textes.

Wer Russland ein wenig kennt, wird begeistert sein, wie die Autorin das Leben dort in seinen Feinheiten erfasst, wie sie Menschen porträtiert - als Russinnen und Russen. Die Verständigung mit ihnen ist für die aus Deutschland Angereiste eine Freude. Und doch merkt sie an Kleinigkeiten ihre andere Mentalität. Dass es solche verschiedenen Mentalitäten überhaupt gibt, ist ja so vernachlässigt, unterdrückt im öffentlichen Bewusstsein. National, um Gottes willen, darin scheint schon der Keim von Nationalismus zu stecken. Wehret den Anfängen! Aber wenn man in einem anderen Land ist, werden einem die Prägungen eigener Herkunft umso bewusster. Fremde Sprachen zu beherrschen, gibt auch einen Zugewinn an persönlicher Identität.

Die Autorin war in Russland eben nicht nur Urlaubsgast. 1970 geboren, hat Nancy Aris in Berlin, Moskau und Wroclaw studiert. Ihre Dissertation hat sie, verbunden mit ausgiebigen Archivrecherchen in Moskau, über »Die Metro als Schriftwerk« und die »Geschichtsproduktion … im Stalinismus« verfasst. Heute ist sie stellvertretende Sächsische Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen.

Auch Anna im Roman hat es mit Akten zu tun. Sie soll dem Leben des Naumburger Buchhalters Adolph Dattan nachforschen. Dessen Enkel Siegfried Bornecker finanziert die Reise in der Hoffnung, dass Anna Genaueres über seinen Großvater herausfindet. Der hatte nach seiner Ankunft 1875 in Wladiwostok ein riesiges Handelsimperium mit aufgebaut.

Zunächst war er Buchhalter in der Firma Kunst & Albers, bald stieg er zum Geschäftsführer auf. 1914 verfügte Kunst & Albers über 30 Niederlassungen im Fernen Osten. Aber 1914 kam Dattan ins Gefängnis, wurde verbannt und hat fast alles verloren ...

Dabei sieht sich Anna bald in einem Spannungsfeld, das wohl auch die Autorin sehr gut kennt: Einerseits ist »Demut vor dem Dokument« geboten, wie sie die Archivarin Ljudmila Petrowna einfordert, andererseits auch immer wieder ein Auf-der-Hut-Sein. »Das Nicht-Dokument, das verschwiegene, das vorenthaltene Dokument war mindestens genauso wichtig wie das, was man freiwillig ausgehändigt bekam. Wenn man genau schaut, welche Informationen vorenthalten werden, konnte das manchmal mehr helfen.« Und immer ging es dabei um Menschen.

Zudem gibt es Fälschungen, absichtlich gestreute Desinformationen. Ein ausgesprochen interessantes Kapitel im Roman gilt Edgar Sisson, der 1917 als Vertreter des »Commitee on Public Information« nach Petrograd kam. Um kurz nach dem Kriegseintritt der USA ideologisches Rüstzeug gegen Deutschland zu liefern, sollte Sisson Belege für eine deutsch-bolschewistische Verschwörung finden. Wie er Leute kennenlernt, die ihm da zuarbeiten, wäre ein Roman für sich, ein Thriller, den zu schreiben, man Nancy Aris durchaus zutrauen könnte.

Was dieser Sisson bekam, wurde in den USA in Umlauf gebracht und erfüllte wohl seinen propagandistischen Zweck. Inzwischen ist bekannt (aber dieses Wissen ist nicht allzu weit verbreitet), dass diese angeblichen Dokumente eine geschickte Collage von originalen Textfragmenten und Phantasiegebilden waren, erstellt von einem Mann namens Ferdynand Ossendowski, der aus persönlichen Gründen etwas gegen die deutschen Emporkömmlinge hatte und auch Adolph Dattan übel mitspielte. Wie sich indes später zeigte, war es nicht Ossendowskis Verleumdungskampagne, die zu Dattans Verbannung nach Narym, Kolpaschewo und Tomsk führte ...

Manches ist eben einfacher und komplizierter zugleich. Auch hat das Deutsche Reich in gewissem Maße tatsächlich die Bolschewiki unterstützt, um einen Sonderfrieden mit Russland zu erreichen. Übrigens floss ironischerweise ein Teil des Geldes nach Deutschland zurück - als Unterstützung der Bolschewiki für eine mögliche deutsche Revolution.

Ein Nebengleis? Anna ist eine, die nimmt jede Herausforderung an. Ob es der Verbleib ihrer Vormieterin Olga ist, die in kriminelle Geschäfte verwickelt war, oder Ljudmila Petrownas verschwundener Vater, den sie in den USA aufspürt. »Ich glaube, du bist ein Magnet für Verschwundengeglaubtes«, sagt Tatjana, die ihr inzwischen zur Vertrauten wurde.

Durch ihre Tatkraft, ja ihren Ehrgeiz ist auch mir beim Lesen diese Anna nahe gerückt. Sie denkt tiefgründig und manchmal auch um die Ecke, würde nie zu oberflächlichen, pauschalen Urteilen kommen, weil sie hinter geschichtlichen Vorgängen die Menschen sieht - mit ihren Idealen wie Adolph Dattan und auch mit »niederen Beweggründen«, wie es der Hausmeister Wolodja nennt: »Neid, Eitelkeit, Eifersucht, Gier«.

So sind ihre Forschungen zu Adolph Dattan detailliert und reichen bis ins Persönlichste. Aber die Gedanken, die sie sich darum macht bzw. die Nancy Aris beim Leser evoziert, greifen weiter. Interessant ist doch, wie Dattan, ein »russlandbegeisterter Visionär«, zu seinem Erfolg kam - nämlich nicht wie ein Kolonialherr, sondern im Miteinander mit den Menschen, die dort lebten. Beziehungen zum beiderseitigen Nutzen: Ohne dass es im Roman hervorgehoben werden musste, wird einem beim Lesen erneut bewusst, was für eine wertvolle Tradition das ist. Wie diese aufgebaut wurde, hatte allerdings immer mit Leuten zu tun, die Verbindungen knüpfen können, ja, denen das geradezu ein Bedürfnis ist - Menschen, zu denen Adolph Dattan und Anna Stehr gehören.

Nancy Aris: Dattans Erbe. Roman. Mitteldeutscher Verlag. 315 S., br., 14,95 €.

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