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Virus im Atomkraftwerk

Vorfall in Gundremmingen weckt weitere Zweifel an der Sicherheit der Kernenergie

Gefälschte Sicherheitstests, Stromausfälle, Druckabfälle - die Liste der Störfälle in den angeblich sicheren deutschen AKW ist lang. Nun wurde ein Computervirus gefunden.

Ein im bayerischen Atomkraftwerk Gundremmingen entdecktes Computervirus hat die Debatte über die Sicherheit in deutschen kerntechnischen Anlagen neu befeuert. Während ein IT-Experte das Risiko auch schwerer AKW-Unfälle durch mögliche Cyber-Attacken sieht, sehen Atomwirtschaft und Unionspolitiker keinen Grund zur Sorge. Die Schadsoftware sei bei der Vorbereitung der Revision im abgeschalteten Block B aufgefallen, hatte das dem Energiekonzern RWE gehörende Kraftwerk am Montagabend mitgeteilt. Die Software zielte demnach darauf ab, ungewollte Verbindungen zum Internet herzustellen. Eine Gefährdung des Personals oder der Bevölkerung habe es nicht gegeben. Dennoch seien die Aufsichtsbehörde und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik informiert worden.

Der betroffene Computer erstellt Steuerungsprotokolle für die Brennelementlademaschine des Kraftwerks. Diese hebt beispielsweise alte Brennelemente aus dem Reaktorkern und transportiert sie zum Lagerbecken. Der Betreiber betont jedoch, der infizierte Computer habe keinen Einfluss auf die Steuerung dieser Lademaschine. Spezialisten von RWE sollen nun herausfinden, wie das Virus in das Computersystem gelangte.

Offen blieb zunächst, ob es sich um einen gezielten Angriff auf das AKW handelte oder um einen Schädling, wie er immer wieder auf Büro- und Privatrechnern zu finden ist. Nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks könnte die Schadsoftware auf einem USB-Stick weitergetragen worden sein, den ein Mitarbeiter zuvor an einem Computer im Büro benutzt hatte. Noch ist der Infektionsweg nicht abschließend geklärt.

RWE betont, dass alle Maschinen im AKW, die direkt mit radioaktiven Elementen in Berührung kommen, ausschließlich analog gesteuert werden. So solle ein Einfluss von außen verhindert werden. »Alle sensiblen Kraftwerksbereiche sind entkoppelt und grundsätzlich redundant sowie manipulationsgeschützt ausgelegt«, so AKW-Sprecher Tobias Schmidt.

Die regionale Bürgerinitiative »Forum« verlangt nun Aufklärung darüber, wie lange die Software auf dem Rechner war. »2008 wurde das System nachgerüstet, wir fragen uns, ob das seitdem unentdeckt geblieben ist«, sagte »Forum«-Vorstand Raimund Kamm gegenüber »nd«. Er erinnert an einen spektakulären Zwischenfall im Block C vom vergangenen Jahr. Bei der Umsetzung eines Brennelementes im Lagerbecken hatte sich der untere Teil des Elements vom Kopf gelöst.

Unabhängig von dem konkreten Zwischenfall hält der Wissenschaftsjournalist und IT-Experte Peter Welchering die Gefahr von Cyber-Attacken auf AKW für »sehr konkret«. In neueren AKW seien die Leitrechner für die Kraftwerkssteuerung nicht ausreichend von anderen Computernetzwerken getrennt, sagte er dem Deutschlandfunk. »Das heißt, über Verwaltungsnetzwerke kann Schadsoftware auf die Leitrechner kommen und zum Beispiel das Kraftwerk herunterfahren, die Reaktorsteuerung manipulieren, die Kühlkreisläufe ausschalten, letztlich sogar den GAU herbeiführen«.

Keine Gefahr sieht dagegen Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU). »Die Kernkraftwerke in Bayern sind Hochsicherheitsanlagen. Das wird durch laufende Kontrollen der Anlagen gewährleistet«. In dasselbe Horn stößt der CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs. Er halte deutsche Atomkraftwerke für »absolut sicher«, sagte er in einem Interview. Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vor 30 Jahren hätten Deutschland und seine Nachbarländer die »richtigen Konsequenzen« gezogen und ihre Standards erhöht. Er sehe nicht, dass Sicherheitsaspekte vernachlässigt worden seien.

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