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Bis zum Donnerschlag

Das Rundfunk-Sinfonieorchester und Anna Vinnitskaya musizierten alle drei Klavierkonzerte von Béla Bartók

Eine große Könnerin auf ihrem Instrument präsentierte sich. Die Vinnitskaya ist jung, schön, selbstbewusst und weiß, diese Vorzüge unprätentiös auszustellen. Nun hat sie in der gut besetzten Philharmonie en suite die Soloparts der drei Klavierkonzerte von Béla Bartók gegeben, begleitet vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski. Kaum zu bemessen jene Hirn- und physische Anstrengung, welche aufzuwenden ist, diese ungewöhnliche Werkfolge möglichst fehlerlos vors Publikum zu stellen. Anna Vinnitskaya spielte auswendig und schien, als der Befall endete, verfasst, als wäre kaum Gravierendes mit ihr passiert. Kein Schweiß perlte. Es kamen Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, Konzerte von einer sinnlich-geistigen Höhe, die, wann immer man ihnen begegnet, staunen macht.

Schon das 1. Konzert von 1926, wie die anderen dreisätzig, verlangte seinerzeit den Pianisten fast alles ab. Es beginnt mit scharfen Basstönen im Klavier, das Orchester erwidert sie und treibt alsbald zur Eile. Polyrhythmische Abläufe konterkarieren konventionelle periodische Bauformen. Rhythmen des seinerzeit modischen Jazz nimmt die Faktur willig auf und gibt ihnen symphonischen Schliff. Da quirlen die Finger der Anna Vinnitskaya über die Tastatur, da setzen Bläser und Klavier zum Sprunge an, um zu landen in Flüssen weiterer Ruhelosigkeit.

Ist die Pianistin außergewöhnlich zu nennen? Russische Konservatorien entlassen jährlich Spielerinnen dieses Formats. Das hat Tradition. Und die meisten Absolventen spielen Tradition, die einschlägigen internationalen Wettbewerbe diktieren das: Bach, Literatur der Wiener Klassiker, Schubert, Tschaikowski, Glinka, Schumann, Chopin, Rachmaninow, wenn’s hochkommt Skrjabin und Schostakowitsch, und bleiben zumeist dabei.

Anders Anna Vinnitskaya, ihr gehört mehr als den meisten anderen das 20. Jahrhundert. Annas Stern schoss geradlinig auf, was kein Nachteil sein muss. In der Obhut ihrer Eltern, beide Pianisten, kann das in Noworossisk geborene Kind sein Talent entwickeln. Bald studiert das Mädchen am Rachmaninow-Konservatorium Rostow am Don, ab 2002 an der Musikhochschule in Hamburg. Der berühmte Jewgeni Koroljow ist dort ihr Lehrer. Schnell wird sie selbst Professorin für Klavier an dem Haus und unterrichtet. Die Stunde naht, wie die begabtesten Fußballer einzusteigen in das Weltgetriebe konkurrierender Talente mit den dazugehörigen Bezahlmodi. Anna versteht es, als zu den ersten zählende Solistin Stufe für Stufe zu erklimmen. Die Frager nach ihr werden immer mehr, und der Kreis der Territorialität, in der sie als Solistin auftritt, weitet sich.

Mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (rsb) hat sie schon manch gute Erfahrungen gemacht. Dessen Chefdirigent lernt sie 2012 in Genf kennen. Fortan gastiert sie in Abständen bei dem Klangkörper. Sie erhält Preise, spielt viel Literatur des vorigen Jahrhunderts: Rachmaninow, Medtner, Prokofjew, Schostakowitsch, Ravel etc. An der Triade der Bartók-Klavierkonzerte in einem Ritt sich solistisch hervorzutun, kann als der bisherige Höhepunkt ihrer Entwicklung gelten. Drei verschieden Kleider hatte sie an dem Abend mit seinen zwei Pausen an, eines schöner als das andere. Und jedes Mal, wenn sie zum Flügel schritt, ging ein Raunen durch das Publikum. Das gehört eben zum Geschäft.

Ungleich wichtiger, wahrnehmen zu dürfen, wie rasant sie die Kadenz im Allegrosatz des zweiten Konzerts nahm, einem Satz, in dem die Bläser ihre schründigen, bellenden Parts haben und die Streicher schweigen. Elegant und einfühlsam musiziert schien genauso der zweite Satz Adagio - Presto - Adagio desselben Konzerts. Das Gebilde reiht kontrastierende Abschnitte auf. Leise Streicherflächen wider die Liaison von Pauken und Klavier, die Horngruppe wird vernehmlich, ein Paukendecrescendo beendet den Satz.

Der dritte Satz indes beschenkte die Ohren mit vollends perkussiven Klavierkaskaden der Vinnitskaya und mit peitschender Motorik durch die Gesamtheit des rsb. Das Adagio religioso des dritten Konzerts, komponiert im Todesjahr des Komponisten 1945, darf nicht vergessen werden. Anna Vinnitskaya gab den Klavierpart des Satzes fern jeden Sentiments, klar, bestimmt, durchaus energisch. Schließlich das Allegro vivace desselben Konzerts, in dem alle Rivalität zwischen Solo und Tutti aufgehoben scheint und der Galopp zu dem höchste Energien versammelnden Finales seinen Lauf nimmt.

Die Leute mussten nach dem Donnerschlag der letzten Takte für Zehntelsekunden erst mal einatmen.

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