Wie »Bild« einen alten Nazi-Skandal ausbuddelte

Ein elf Jahre altes Video über drei CDU-Nachwuchspolitiker aus Berlin sorgt für Wirbel, weil der Springer-Verlag es so will

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.
Drei CDU-Jungpolitiker aus Berlin sorgten vor elf Jahren für einen Skandal, als sie ein Video mit Nazi-Sprüchen und Hakenkreuz drehten. Nun bastelt »Bild« aus der Geschichte einen erneuten Skandal, der allerdings keiner ist.

Manchmal würde man als Journalist bei den Kollegen der »Bild«-Zeitung gerne Mäuschen in den morgendlichen Redaktionssitzungen spielen. »Lasst uns irgendwas mit Nazis und Hakenkreuzen machen«, hat da vielleicht ein Kollege in die Runde geworfen. Ihr Interesse an längst alltäglichen rechtsradikalen Straftaten hat das Springer-Blatt jedoch nicht entdeckt, schließlich würden gewöhnliche Nazis mit ihrer Allerwelts-Schmiererei auf Schulhöfen und Asylunterkünften für »Bild« kaum eine Schlagzeile hergeben. Wenn schon Nazis als Thema, dann wenigstens mit Namen von semiprominenten CDU-Nachwuchspolitikern.

»DER CDU-NACHWUCHS UND DAS NAZI-VIDEO«, titelte die Berlin-Regionalausgabe am Mittwoch. Und was der geneigte Boulevard-Freund zu sehen bekommt, enthält alle Zutaten für einen handfesten Skandal. Oder um es mit den Worten der »Bild« zu sagen:

»Sie gehören zu den Jungstars der Berliner CDU, sind in jungen Jahren schon weit gekommen [...] Die drei Freunde mit CDU-Parteibuch holt jetzt die Vergangenheit ein – ein Video aus dem Jahr 2005 von einer Reise der Schüler-Union nach Riga, das Bild exklusiv vorliegt.«

Im Folgenden beschreibt das Boulevardblatt die tatsächlich verstörenden Szenen des dreiminütigen Videos. Die drei CDU-Nachwuchspolitiker spielen eine Art Talkshow, halten eine Anstecknadel mit Hakenkreuz in die Kamera und klopfen antisemitische Sprüche über den »jüdischen Bolschewismus«. Über das Niveau des Inhaltes muss wohl niemand ernsthaft diskutieren. Die Drei hielten rechtsradikales Gedankengut damals offenbar für eine witzige Angelegenheit.

Für den Vorfall – wie gesagt, aus dem Jahr 2005 – mussten die drei Betroffenen Konsequenzen ziehen, wie »Bild« auch korrekterweise berichtete. Die drei Politiker zeigten Reue, der heutige Abgeordnetenhauskandidat Lukas Krieger zog sich sogar für mehrere Jahre aus der Partei zurück. »Mein Auftreten aus dem Video aus 2005 ist geschmacklos, der schwerste Fehler meines Lebens, den ich bereue. Obwohl es weder heute noch damals meiner Überzeugung entsprach, habe ich selbstverständlich akzeptiert, dass ich die CDU verlassen musste«, so Krieger.

Eine entscheidende Frage lässt »Bild« allerdings in ihrer aktuellen Berichterstattung schlicht unbeantwortet: Warum buddelt das Blatt einen elf Jahre alten Skandal gerade jetzt wieder aus? Exklusiv ist an dem Videomaterial nämlich nichts. Bereits im Jahr 2008 berichtete Bildblog.de über den Mitschnitt, über den die Kollegen von Springer damals zwar als »geheimens Videoband« selbst schon einmal berichteten, es aber wohl nie selbst in Händen hielten, da Bildblog einige inhaltliche Fehler in der Berichterstattung nachweisen konnte. Wenn »Bild« also »exklusiv« schreibt, will die Redaktion damit lediglich wohl zum Ausdruck bringen, dass jemand in der Redaktion irgendwie an den »Skandalfilm mit braunen Parolen« gekommen ist, obwohl der vor Jahren längst ausführlich von Journalisten analysiert wurde.

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