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Vergessen und verzweifelt

Eine Serie von Suizidversuchen unter jungen Ureinwohnern erschüttert Kanada

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Kanada diskutiert erregt, zuletzt in einer Sondersitzung des Parlaments, eine Selbstmordwelle in einer Ureinwohnersiedlung. Seit September haben rund 100 Jugendliche und Kinder versucht, sich zu töten.

Kanada, das Land der großen Räume und Träume, aktuell ganz andere Probleme. In der Ureinwohner-Gemeinde Attawapiskat im Norden Ontarios haben seit September über 100 Menschen, vor allem Jugendliche, Selbstmord versucht. Der 2000-Seelen-Ort der James Bay, einer südlichen Ausbuchtung der noch größeren Hudson Bay, hat nichts von den tatsächlichen und vermeintlichen Verlockungen des Einwanderungslandes Kanada.

Es ist eine Siedlung der Trost- und Hoffnungslosigkeit, die nach der jüngsten Serie von Suizidversuchen das Bundesparlament in Ottawa zu einer Sondersitzung veranlasste. Im Sumpfland von Attawapiskat herrschen für die Bewohner, meist Angehörige der indigenen Bevölkerung, in dem Fall oft Indianer vom Stamm der Cree, unmenschliche Lebensverhältnisse: Menschen zusammengepfercht in Holzhütten, Containern oder Zelten, vielfach ohne fließendes Wasser, WCs und Strom, keine ordentlichen Straßen, nur eine behelfsmäßige Flugpiste, dafür geografische wie gesellschaftliche Isolation und Arbeitslosigkeit für sieben von zehn Personen.

Diese Situation ist nicht neu, vielmehr haben die Dorfältesten jetzt bereits zum fünften Mal in den letzten zehn Jahren den Notstand ausgerufen. Neu im Vergleich zu früheren Jahren ist die erschreckende Form, in der Menschen signalisieren, dass sie sich verlassen fühlen: Hatten am zweiten Aprilwochenende zunächst elf Jugendliche versucht, sich das Leben zu nehmen, kündigten zu Beginn der Folgewoche auf einen Schlag weitere 13 Personen ihren Selbstmord an. Anna Betty Achneepineskum von der Nishnawbe Aski Nation, einer indigenen Gemeinschaft, die 49 Kommunen im nördlichen Ontario vertritt, teilte nach dem schockierenden Wochenende mit, die Polizei habe ein neunjähriges Mädchen und zwölf weitere Personen ins Krankenhaus zur näheren Untersuchung eingeliefert, nachdem die 13 erklärt hatten, »einen Selbstmordpakt« geschlossen zu haben. Laut Gemeinderat versuchten im März 28 Personen, ihrem Leben ein Ende zu setzen, und seit vergangenen September über 100.

Im Oktober starb Sheridan Hookimaw, ein 13-jähriges Mädchen, an den Folgen ihres Suizidversuchs - aber auch daran, dass sie mit fast zwei Dutzend Verwandten in einer Zweiraumwohnung gelebt hatte und an Depressionen, Diabetes und Asthma litt. Verzweiflungstaten wie die Sheridans finden vor einem Hintergrund statt, der auch in anderen abgeschiedenen Siedlungen der Indigenen existiert: Fehlende Arbeitsmöglichkeiten und Freizeiteinrichtungen, Alkohol- und andere Drogenprobleme, kaputte Familien, hohe Kriminalität, kulturelle Entfremdung von den Traditionen ihrer Vorfahren bei gleichzeitiger Benachteiligung in der Öffentlichkeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass junge Ureinwohner durch Suizid sterben, ist kanadischen Angaben zufolge »fünf- bis sechs Mal größer als bei anderen Jugendlichen«.

Der seit November regierende Premierminister Kanadas, Justin Trudeau, ältester Sohn des früheren Premiers Pierre Trudeau (1968-1984), nannte die Lage in Attawapiskat »herzzerreißend«. Die Regierung werde sich dafür einsetzen, die Lebensbedingungen für alle indigenen Einwohner zu verbessern. Gesundheitsministerin Jane Philpott sagte im Parlament: »Es ist nicht zu akzeptieren, dass in einem reichen Land wie Kanada junge Leute an einen Punkt gelangen, an dem ihnen ihr Leben so wertlos erscheint, dass sie es beenden wollen. Wir müssen etwas dagegen tun.« Was und mit welcher Nachhaltigkeit, sagten weder Trudeau noch Philpott.

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