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Eine Hure ist 
eine Sexarbeiterin 
ist eine Arbeiterin

Über Pflege, Sex und Kapitalismus: Ein Gespräch mit 
einer linken Prostituierten

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Normalerweise frage ich mich nicht, was meine Interviewpartnerin vor unserem Termin gemacht hat. Mir gegenüber sitzt nun aber Stephanie Klee. Eine Hure. Ich greife zur Tasse, ein schneller Schluck rettet mich vor 
drohenden Tabubrüchen im kopfeigenen Kino. Kräutertee. Verdammt lecker.

Frau Klee, Sie sind Sexarbeiterin. Gäbe es ein Grundeinkommen, das für die Erfüllung aller Wünsche ausreicht: Würden Sie diese Arbeit trotzdem ausführen?
Ganz bestimmt.

Ihnen gefällt der Job.
Ja. Ich habe glücklicherweise viele andere Möglichkeiten, mein Geld zu verdienen, bin aber immer wieder zur Prostitution zurück gekommen. Ich tue meinen Kunden damit etwas Gutes. Wie eine Physiotherapeutin. Der Körperkontakt macht mir viel Freude.

Sie bezeichnen sich als Sexualassistentin. Was ist das für ein Beruf?
Ich biete sexuelle Dienstleistungen vor allem Menschen an, die in Einrichtungen leben, Senioren und Pflegebedürftigen, auch behinderten Männern und Frauen.

Wie kommt man auf so eine Arbeit?
Ich komme aus dem Bordell. Meine Kunden sind mit mir älter geworden und klappriger, dann haben sie mich gefragt: Kommst du mich auch zu Hause besuchen? Und dann: Kommst du mich im Altenheim besuchen?

Wie muss ich mir das vorstellen? Alte Menschen sagen ihrem Pfleger: Holt mir mal eine Hure?
Die Sexualität von älteren oder kranken Menschen ist ein großes Tabu. Angehörige und das Pflegepersonal gehen davon aus, dass Alte kein sexuelles Begehren mehr haben. Nach einer Prostituierten wird häufig erst dann gefragt, wenn es zu Übergriffen gekommen ist.

Was für Übergriffe?
Wenn der alte Herr beim Duschen einen erigierten Penis hat und die junge Pflegerin sich weigert, ihn weiter zu waschen, steigert sich seine Lust ins Unermessliche. Manchmal kommt es dann zu Übergriffen. Er will, dass sie ihn an bestimmten Stellen berührt. In der Einrichtung wird dann diskutiert.

Und dann werden Prostituierte angerufen? Passiert das oft?
Immer öfter. Es gibt heute mehr Alte. Sie erkennen ihre Rechte besser, setzen sie selbstbewusster durch. Früher wurde Sexualität mit Medikamenten heruntergefahren. Das ist Körperverletzung.

Sexualassistenz ist für Sie also eine Form der Pflegearbeit.
Das ist nur ein Segment der Prostitution. Es ist egal, ob ich als Domina im Studio, als Hure auf der Straße oder als Sexarbeiterin in einem Bordell arbeite. Bei der Sexualassistenz sieht man aber besonders gut, welche Kraft Sexualität inne hat.

Sex macht gesund?
Ein Beispiel: Ein älterer Herr mit Demenz hat sich nach seinem Einzug in eine Einrichtung zurückgezogen, sich nicht mehr gewaschen. Nachdem ich regelmäßig kam, stellte sich Zufriedenheit und Freude ein. Er hat sich wieder gepflegt, an der Gesellschaft teilgenommen.

Zahlen die Pflegekassen für Sex?
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie darauf aufmerksam werden, wie viel Geld sie dadurch sparen könnten. Der ältere Herr hätte von Pflegestufe drei auf Pflegestufe eins hochgestuft werden können.

Was ist, wenn jemand - aufgrund einer Spastik oder einer Lähmung - nicht in der Lage ist, sich selbst zu befriedigen?
Es fehlen noch entsprechende Gerichtsurteile, aber im Einzelfall ist das Sozialamt bereit, eine Sexarbeiterin zu bezahlen. Wenn ein Arzt bestätigt, dass eine starke Behinderung die Selbstbefriedigung verhindert und ein Psychologe bestätigt, dass das Fehlen von Sexualität bereits zu Beeinträchtigungen geführt hat.

Sexarbeit wird in der feministischen Theorie als Care-Arbeit, als Sorgearbeit, diskutiert. Bei Sexualassistenz leuchtet das unmittelbar ein. In anderen Fällen vielleicht weniger.
Diese Unterscheidung ist unpolitisch. Da, wo es die betrifft, die alt und krank sind, die wir aussortiert haben, bei denen sich die Menschen vor einem Sexualverkehr angeblich ekeln - da ist es o.k.? Weil ich die Drecksarbeit für die Gesellschaft mache? Aber den Bäcker und den Ehemann darf ich nicht vögeln?

Was o.k. ist, ist eine andere Frage. Hier geht es darum, ob Sexarbeit immer Sorgearbeit ist.
Wo ist der Unterschied? Ob ich einen Menschen wasche und anziehe, oder ob ich mit einem Menschen Intimität austausche: Er braucht es! Beides. Und es macht mich glücklich, einem Menschen das zu geben, was er braucht.

Machen Sie Ihren Job, um Leute glücklich zu machen - oder um Geld zu verdienen?
Wir arbeiten alle für Geld. So ist das System, in dem wir leben. Aber bei Sexarbeit sieht das die Gesellschaft anders. Sie ist sauer, weil eine Hure, die - angeblich! - nichts gelernt hat, mehr Geld verdienen kann als eine Journalistin oder ein Arzt.

Wie viel Geld verdienen Sie?
Für meine Sexualassistenz nehme ich 210 Euro pro Stunde, inklusive der Mehrwertsteuer. Bei weiteren Besuchen gehe ich auch auf 160 Euro runter. Das hängt von den Anforderungen ab, manchmal muss ich erst einmal ein paar Dinge ausprobieren, zum Beispiel bei Demenzerkrankten. Ich finde die Bezahlung noch zu gering.

Zu gering? Ich verdiene weniger.
Naja, 19 Prozent Mehrwertsteuer gehen weg, dann die An- und Abfahrt. Am Ende lande ich bei 80 Euro, nach der Einkommenssteuer vielleicht bei 60. Aus kaufmännischer Sicht finde ich diese Arbeit nicht sinnvoll.

Das sehen viele Leute anders.
Wenn ein Rechtsanwalt ein Stundenhonorar von 600 Euro nimmt, sagt keiner was. Aber wenn ich 200 nehme, gelte ich als gierig. Man vergleicht mich mit der Ehefrau, die es umsonst macht.

Wieso ist der Verkauf der Ware Sex so ein Theater? Im Kapitalismus wird doch alles zur Ware. Wasser, Erziehung, Therapie.
Der Staat steckt Sexualität gerne in die Ehe und verknüpft sie mit Liebe.

Warum?
Das ist eine Frage des Patriarchats. Männer vögeln rauf und runter, aber was streng kontrolliert wird, sind ihre rechtlichen Nachfahren. Die Erben. Deshalb darf seine Frau mit niemandem verkehren, außer mit ihm. Nur dann hat er die Kontrolle über sein Erbe.

Es gibt umgekehrt den Vorwurf, Sexarbeit stärke das Patriarchat, weil sie sich um die Bedürfniserfüllung des Mannes dreht.
Ich sehe das nicht so. Wenn ein Mann seine Frau fragt: ›Schatz, möchtest du arbeiten gehen?‹ Und sie sagt: ›Ja gern, ich gehe anschaffen, bleib du zu Hause‹, dann ist das eine Umkehrung unserer bürgerlichen Gesellschaft.

Wie viele Frauen fragen Sexarbeit nach?
Nicht so viele. Frauen haben weniger Geld als Männer. Und es ist stärker stigmatisiert. Sie erlauben sich diese Dienste weniger.

Weil Frauen weniger Lust haben?
Weil sie so sozialisiert sind, dass sie Sex nicht frei ausleben sollen, sondern gefälligst mit einem Partner, den sie am besten noch romantisch lieben.

Wie viel kostet Sex mit einem Callboy?
Mehr als bei Sexarbeiterinnen. Prostitution mit einer Kundin läuft nicht in zehn oder 20 Minuten wie bei Männern, sondern über mehrere Stunden. Da geht es oft um Essen gehen, Kino oder Theater. Um Begleitung und Repräsentanz, erst dann auch um Sex.

Wie würde sich Sexarbeit in einer Gesellschaft entwickeln, die sich von kapitalistischer Ausbeutung befreit hat?
Arbeit gibt es ja auch in Gesellschaften, die nicht vom Kapitalismus geprägt sind. Prostitution würde sich verändern, aber es würde sie weiter geben. Sexualität ist ein Grundbedürfnis. Wie für die Versorgung mit Essen oder Erziehung muss es auch eine gesellschaftliche Lösung für die Erfüllung sexueller Bedürfnisse geben.

In unserer Gesellschaft leben viele Sexarbeiterinnen in unsicheren Verhältnissen. Wäre eine soziale Absicherung nicht besser? Eine Regulierung der Sexarbeit?
Aber bitte nicht durch das geplante Gesetz! Das so genannte »Prostituiertenschutzgesetz« entmündigt. Es zwingt uns zu Gesundheitsberatungen und zur Registrierung.

Was ist falsch daran?
Das ist sinnlose Kontrolle. Bei der Gesundheitsberatung geht es nicht nur um sexuell übertragbare Krankheiten, sondern um Schwangerschaft, um Ernährung, Drogen. Wie würden Sie es denn finden, wenn Sie, bevor Sie für das »neue deutschland« arbeiten dürfen, auch so eine Beratung über sich ergehen lassen müssen?

Solche Beratungen gab es an unserer Schule, als ich 16 war.
In der Schule geht es ja auch um das Lernen und Erziehen. Wir sind volljährig.

Für Therapeutinnen gibt es doch auch Vorschriften. Psychoanalytikerinnen müssen eine Analyse abschließen, bevor sie praktizieren dürfen.
Das ist ein Berufserfordernis. Aber was will denn das Gesundheitsamt mir alter Hure jedes Jahr immer neu erklären?

Sie werfen dem Staat Bevormundung vor?
Es geht ja noch weiter. Alle zwei Jahre muss ich mich neu registrieren lassen. Und kriege dann einen Ausweis, einen Hurenpass. Mit Foto. Die Behörde entscheidet, ob ich selbstständig genug bin. Sonst kann mir der Ausweis auch verweigert werden. Ein enormer Einschnitt in die Berufsfreiheit!

Was sollte der Staat stattdessen tun?
Die Professionalisierung von Sexarbeiterinnen fördern. Ich habe zusammen mit der Deutschen Aidshilfe das Programm »Profis« mit aufgebaut. Deutschlandweit bilden wir Trainer aus, die in Bordellen Workshops anbieten. Die Fortbildung für Huren müsste ausgebaut werden.

Wären reguläre Beschäftigungsverhältnisse eine Lösung für die Unsicherheit von Sexarbeiterinnen?
Ein Angestelltenstatus ist völliger Schwachsinn. Die Flexibilität ist ein wichtiger Bestandteil von Sexarbeit. Wenn eine Mutter von der Kita angerufen wird, weil das Kind krank ist, kann sie das Bordell sofort verlassen. Das macht sie in der Bäckerei drei Mal und dann wird sie gefeuert.

Zumindest ist sie in der Bäckerei sozial abgesichert.
Sexarbeiterinnen sind fast immer Selbstständige, wir zahlen in die Sozialkassen ein. Seit 2002 haben wir einen gesetzlichen Anspruch auf unseren Lohn. Und wir sind frei. Ich kann entscheiden, welche Aufträge mich interessieren und welche nicht. Ich bin gerne selbstständig. Mal gehe ich bis an den Rand meiner Kräfte, mal mache ich lieber frei.

Was haben Sie heute so gemacht?
Ich war bei einem Kunden im Seniorenheim. Ich war müde und kam zu spät. Er saß beim Mittagessen, ein demenzerkrankter Herr. Er erkannte mich erst nicht, ich winkte ihm zu. Dann kam er zu mir herüber. Wir saßen gemütlich auf einer Bank und sprachen nett miteinander.

Hatten Sie Sex?
Klar! Im Zimmer kam der Kunde nach 15 Minuten zum Orgasmus. Danach haben wir gekuschelt, miteinander gelacht, nackt im Bett. Es war sehr nett!

Später am Abend telefoniere ich mit einem Kunden von Stephanie Klee. Max ruft mich an, er will anonym bleiben. Er liebe Wellness-Wochenenden, erzählt er mir, am liebsten mit Massage, Whirlpool, manchmal mit Sex. Wie in eine andere Welt einzutauchen sei das. Entspannung pur. Aber wenn er in einer Beziehung sei, privat, interessiere ihn Sex mit Prostituierten nicht. Er küsse gerne, kuschele und unterhalte sich gerne, genieße die menschliche Nähe. Bei bezahltem Sex fehle ihm eine ganze Menge. Leider habe er gerade aber keine Freundin. Ich überlege, Max zu fragen, ob er körperlich oder geistig in irgendeiner Form eingeschränkt ist. Ich frage mich, ob ich das wissen muss.

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