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Und dann zogen Flüchtlinge in unsere WG

Von nd-Leserin Monika Haberland, Dresden

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Vor zwanzig Jahren wurde in unserem Hochhaus die ehemalige Gaststätte im Erdgeschoss zur Senioren-WG umgebaut. Seit vier Jahren lebe ich dort. Es gibt fünf Einraumwohnungen und eine Zweiraumwohnung, ein gemeinsames Wohnzimmer, eine große Küche für alle, zwei rollstuhlgerechte Bäder, einen geräumigen Flur und ein Gartengrundstück mit Pavillon zum Grillen. Natürlich hat jede Wohnung ihr eigenes Duschbad und eine kleine Küchenzeile, so dass jeder sich auch selbst versorgen kann.

Jeden Tag treffen wir uns um zwölf zum Mittagessen. Für gewöhnlich kocht Helga für alle, montags koche ich, um Helga einen freien Vormittag zu verschaffen. Die anderen Mahlzeiten nimmt jeder in seiner Wohnung ein, außer mittwochs, da vespern wir gemeinsam im Wohnzimmer und ich schreibe das Protokoll über alle besprochenen Themen. Es ist eine perfekte Kombination aus Privatsphäre und Gemeinschaftsgefühl.

Im vergangen Jahr standen zwei Wohnungen leer, weil Wilhelm verstorben und Angelika zu ihrem Freund gezogen war. Als im Juli ein Maler die Zimmer renovierte, freuten wir uns, weil das die Chance erhöhte, bald neue Bewohner werben zu können. All die Jahre war es üblich, neue Kandidaten zum Kaffee einzuladen und sich gegenseitig kennenzulernen. Nur wenn alle Bewohner mit dem oder der Neuen einverstanden waren, konnte er bei uns einziehen. Auch ich musste mich vor vier Jahren dieser Prozedur unterziehen.

Am 30. Juli 2015 wurde die Eingangstür unserer WG von außen aufgeschlossen und zwei Herren von der Stadt erschienen. Sie wollten die zwei Zimmer besichtigen, weil dort Flüchtlinge einziehen sollten. Wir waren sprachlos. Wir leben wie eine Familie zusammen, da kann man uns doch nicht ungefragt Fremde zuweisen. Gottfried rief mehrmals bei unserem Vermieter an und schrieb auch einen Protestbrief. Aber wir bekamen keinerlei Kontakt und schon gar keine Antwort.

Dann wurde Hausrat geliefert: Betten und Bettwäsche, Schränke, Tische, Stühle und Geschirr. Als Brigitte das sah, weinte sie, denn sie hatte fünf Kinder groß gezogen aber nie hatte ihr jemals irgendwer neue Möbel oder anderes geschenkt.

Und dann kamen sie. Zuerst die schwangere Jasmin aus Somalia, ein paar Tage später Momena aus Eritrea mit dem fünf Tage alten Bilal. Wir merkten sofort, dass sie Hilfe brauchten. Wir halfen beim Anschließen der nach und nach gelieferten Kühlschränke, Waschmaschinen und Elektroherde. Wir besorgten Gardinen, Gardinenstangen und Kinderwagen. Durch Spenden bekam jede einen Fernseher. Und wir gewannen eine Journalistin im Ruhestand, die unseren Flüchtlingen Deutschunterricht erteilte.

Als Bilal vierzig Tage alt war, feierte Momena ein traditionelles Fest, zu dem wir alle eingeladen waren. Inzwischen war auch ihr Mann Gimal eingetroffen. Und auch Jasmins Mann Nasir war endlich da. Im Oktober wurde Jasmins Tochter Naagag geboren. Sowohl Gottfried, als auch ich waren häufig mit unseren neuen Mitbewohnern unterwegs, um sie zu Ämtern, Behörden und Ärzten zu begleiten. Zweimal sorgte ich dafür, dass Momena und Jasmin ins Krankenhaus aufgenommen wurden, einmal wegen einer nässenden Kaiserschnittnarbe und ein andermal wegen einer Mastitis.

Als auch Naagag vierzig Tage alt war, wurde wieder gefeiert. Bald schon gab es zwischen uns ein kleines Ritual. Momena oder Jasmin klopften abends an meine Tür und brachten mir einen Teller afrikanisches Essen. Meist waren es Nudeln oder Reis mit scharfen roten Saucen. Und ich beschenkte sie dann mit deutscher Küche.

Mit Freude sehen wir die beiden Babys aufwachsen. Wenn man sie anspricht und ihnen die Wange tätschelt, lachen sie übers ganze Gesicht.

Dieses Frühjahr ist Dorle in ein Pflegeheim gezogen. Wieder steht ein Zimmer frei, und wieder interessiert sich die Stadt für die Wohnung. Diesmal sind wir vorbereitet, wenn die nächsten Flüchtlinge zu uns ziehen.

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