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Gegenwind gewohnt

Komponist Marc Sinan hat das Zensur-Zepter aus der Türkei zu spüren bekommen

Im besten Fall, so hatte er gehofft, würden seine Werke zur Völkerverständigung beitragen. Das mag kitschig klingen. Für jemanden, wie Marc Sinan, der für seine musikalischen Mammutprojekte durch die Welt reist, traditionelle Musik und ihren Künstlern nachspürt, ihre Musik aufnimmt, sie konserviert und mit nach Europa bringt und in seine zeitgenössischen Partituren einarbeitet, ist es das Wesen seiner Arbeit. Mit seinem dialogischen Anspruch ist er nun gescheitert, zumindest hochoffiziell an der türkischen Regierung. Die verlangte in der vergangenen Woche von der EU-Kommission, den Begleittext zu Sinans Werk »Aghet«, das den Völkermord an den Armeniern musikalisch verarbeitet, aus dem Netz zu nehmen, zweimal kam dort das Wort Genozid vor. Und so geschah es auch, der Text wurde gelöscht, dann doch wieder online gestellt, allerdings mit dem Zusatz, die Kommission sei für den Inhalt des Textes nicht verantwortlich. Gerne hätte die türkische Regierung auch die Finanzierung des Projekts von 200 000 Euro rückgängig gemacht, soweit kam es nicht. Die Türkei weigert sich bis heute, das Wort Genozid im Zusammenhang mit den bis zu 1,5 Millionen deportierten und getöteten Armeniern offiziell als solchen zu bezeichnen und verwendet in diesem Zusammenhang gerne die Wörter »behauptet« oder »angeblich«.

Sinan, der »Aghet« initiierte, ist 1976 geboren, Sohn einer armenisch-türkischen Mutter und eines deutschen Vaters und wuchs in der Nähe von München auf. Er studierte Anfang der 90er Jahre bei dem berühmten Gitarristen Eliot Fisk und dem mit Preisen überhäuften Joaquin Clerch Gitarre am Mozarteum in Salzburg. Von Fisk inspiriert, der mehrfach Musikunterricht in Gefängnissen und Altenheimen gab, sammelte Sinan im Januar 2000 bei einer Benefiztour durch 15 deutsche Städte Geld und ermöglichte damit 70 Waisenkindern in Gölcük bei Istanbul, die bei dem schweren Erdbeben 1999 ihre Familien verloren, eine musikalische Ausbildung. Als Assistent von Franz Halasz unterrichtete er bis 2003 an der Musikhochschule Augsburg eine der erfolgreichsten Gitarrenklassen Europas. Momentan hat er eine Gastprofessur am Whitman College im Bundesstaat Washington in den USA inne.

In seinen Werken hat sich Sinan vielfach mit dem Völkermord an den Armeniern auseinandergesetzt. Seine Großmutter hat das Massaker nur knapp überlebt. Ihre Geschichte verarbeitet er in »Aghet« (armenisch für Katastrophe, gleichzeitig Synonym für den Massenmord). Auch seine Werke »Hasretim - eine anatolische Reise«, »Dede Korkut« und »Komitas« beschäftigen sich mit dem ersten Genozid des 20. Jahrhunderts, bei dem im Übrigen das Deutsche Reich zum Zuschauer wurde. In »Komitas«, einem musiktheatralischen Projekt, das sich mit dem armenischen Komponisten Komitas Vardapet befasst, setzt Sinan musikalisch um, was politisch noch aussteht: Die Anerkennung des Völkermordes und die Aussöhnung mit den Armeniern. Komitas, der als Gründer der modernen klassischen Musik in Armenien noch heute verehrt wird, war einer der ersten armenischen Intellektuellen, die am 24. April 1915 aus Istanbul deportiert wurden. Er überlebte, starb aber 1935, schwer traumatisiert, in einer französischen Psychiatrie.

Gegenwind ist Sinan spätestens seit »Dede Korkut«, ebenfalls von der EU gefördert, gewohnt. 2014 protestierten das türkische Kultusministerium und die aserbaidschanische Regierung gegen die Aufführung, indem sie ihre Unterstützung für das Projekt zurückzogen. Eine beteiligte aserbaidschanische Musikerin war zusätzlich unter Druck gesetzt worden, erzählt Sinan später. Das alles, weil in einem Interview, das Teil der Komposition war, das Wort »Massaker« fiel, obwohl der Begriff im Zusammenhang mit den armenischen Massentötungen in der Türkei sogar verwendet wird.

»Aghet«, das bereits im November 2015 zum 100. Jahrestag des armenischen Genozids im Berliner Radialsystem - ohne offiziellen türkischen Protest - uraufgeführt wurde, ist nach »Hasretim« und »Dede Korkut« der dritte und letzte Teil einer Trilogie, in der sich Marc Sinan mit den Dresdner Sinfonikern der Geschichte und Kultur Zentralasiens und der Kaukasusregion widmet. Die Sinfoniker werden dabei von armenischen, türkischen, serbischen und deutschen Künstlern unterstützt. Einer der Komponisten ist der Brandenburger Helmut Oehring, der sein Stück »Massaker, hört ihr Massaker« beisteuert, bei dem Marc Sinan die E-Gitarre spielt. Das türkische Gezeter um den Begriff Genozid wirkt vorgeschoben, wie Oehrings Komposition nahelegt, der sich mit seiner Arbeit direkt an den türkischen Präsidenten Erdoğan wendet und ihm auch auf seiner Internetseite entgegenschmettert: »Tritt zurück Tayyip!«

Sinan ärgert am meisten, dass unter dem türkischen Protest die künstlerische Arbeit seines Ensembles untergeht, die nicht nur anklagen, sondern eben vor allem eins, versöhnen wollte. Geblieben ist ihm ein verunsichertes Orchester. Einige türkischstämmige Musiker des No-Borders-Orchestras, das für die geplanten Auftritte in Belgrad, Jerewan und auch in Istanbul dazukommt, überlegen angeblich, ihren Auftritt in Istanbul abzusagen. Am Samstag gastiert das Ensemble im Festspielhaus Hellerau.

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