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Das Milliardenspiel der Ausbeuter

Im College-Sport werden an US-Universitäten Milliarden Dollar umgesetzt, nur die Sportler bekommen keinen Cent

Hochschulsport ist ausnehmend populär in den Vereinigten Staaten. Millionen Fans sorgen für Milliardeneinnahmen der Universitäten. Doch die Stars auf dem Spielfeld sind vom Geldsegen ausgeschlossen.

Will Cherry und Niels Giffey tragen derzeit das gleiche Trikot. Der US-Amerikaner und der Deutsche spielen Basketball für Alba Berlin und versuchen, endlich mal wieder eine Meisterschaft in die Hauptstadt zu holen. Als beide vor einigen Jahren in den USA für ihre jeweiligen Universitätsmannschaften spielten, waren ihre Ziele noch ganz unterschiedlich. Cherry erreichte überraschend mit der University of Montana in vier Jahren drei Mal die »March Madness« genannten Playoffs, schied dort aber früh aus. Giffey gewann mit der University of Connecticut zwei Titel. Die »Huskies« gehören stets zu den Favoriten.

Wie unterschiedlich die Aussichten auf Erfolg auch gewesen sein mögen, eins wurde Giffey und Cherry sofort eingetrichtert. »Gleich in der ersten Woche haben sie mir die NCAA-Regeln erläutert: Ich durfte von niemandem Geld annehmen, auch meine Familie nicht«, erinnert sich Cherry. »Die Amateurregeln haben sie mir gleich nach meiner Ankunft erklärt«, weiß auch Giffey noch genau.

Die National Collegiate Athletic Association (NCAA) malt gern das Bild der Retterin von sich selbst. Nur sie würde junge Sportler vor den Ausbeutern der Profiligen schützen. »Das Amateurargument ist heuchlerisch«, schreiben hingegen Joe Nocera und Ben Strauss in ihrem jüngst erschienenen Buch »Indentured«. Schließlich sei die NCAA selbst Ausbeuter dieser junger Athleten.

Die NCAA organisiert den sogenannten College-Sport, also die Aktivitäten von mehr als 460 000 Athleten an fast allen Universitäten der USA, verteilt auf 24 Sportarten. Viele bleiben völlig unbeachtet: Ringen, Lacrosse oder Bowling etwa. Doch wenn American Football oder Basketball gespielt wird, schauen Millionen zu. Den Titel 2014 gewann Giffey vor fast 80 000 Fans im Stadion und 21 Millionen am Fernseher. Die NCAA macht damit viel Geld. 2010 zahlte der TV-Sender CBS für das 14-jährige Übertragungsrecht der »March Madness« elf Milliarden Dollar, also etwa 9,6 Milliarden Euro.

Die meist staatlichen Unis verdienen kräftig mit. ESPN zahlte ihnen für die Playoffs im American Football 7,3 Milliarden Dollar für zwölf Jahre. Die Texas University verdiente 2012 allein an seinem Footballteam 110 Millionen Dollar aus TV-Einnahmen und dem Verkauf von Marketingrechten. Trainer, wie Mike Krzyzewski von der Duke University, bekommen bis zu zehn Million Dollar jährlich. In vielen Bundesstaaten sind Collegetrainer die bestbezahlten öffentlichen Angestellten. Die Rutgers University kürzte 2014 wegen Überschuldung das Budget ihrer Bibliothek um 550 000 Dollar, doch der Footballtrainer bekam eine Gehaltserhöhung von 200 000 auf 1,25 Millionen Dollar.

Der Ökonom Dan Rascher schätzt, dass College-Sport pro Jahr 13 Milliarden Dollar umsetzt. Das wäre mehr als die lukrativste Profisportliga der Welt, die National Football League (NFL). Nur die Spieler, die bekommen keinen Cent davon. »Viele Schwarze wollen Sportprofi werden, um der Armut zu entkommen und die Familiengeschichte umzuschreiben. Der Weg dorthin geht für fast alle nur übers College«, sagt Cherry. Etwa 15 000 Footballer und fast 5500 Basketballer spielen in der obersten von drei Divisionen. Sie sind die Stars und sorgen für das Geld. »In meiner Uni-Kleinstadt waren wir die Stars. Jeder hat mich erkannt und wollte mir was schenken, aber ich durfte nichts annehmen«, erinnert sich Cherry.

Nur etwas mehr als fünf Prozent der Collegespieler schaffen es in die NFL oder die NBA. Vorher haben sie sich vier Jahre lang bis zu 50 Stunden in der Woche für ihren Sport aufgeopfert, wohl wissend, dass die Unis das von ihnen verlangten. Seminare, die parallel zu Trainingseinheiten oder Spielen stattfanden, waren tabu. Wegen Reisen zu Auswärtsspielen durchs ganze Land verpassten sie Examen. Viele belegten Kurse, die keinen pädagogischen Sinn hatten, außer die Noten hoch genug zu halten, um weiter spielen zu dürfen. Manche Kurse fanden gar nur auf dem Papier statt.

1989 gestand NFL-Star Dexter Manley vor dem US-Kongress, dass er an der Oklahoma State University durchs Studium gelotst wurde, obwohl er kaum lesen konnte. An 35 der 100 größten Sportunis, hatten Ende der 80er Jahre nicht mal 20 Prozent der Basketballer ihren Abschluss geschafft. Die NCAA schmiss zur Imagepflege alle Studenten aus ihren Statistiken, die an andere Unis wechselten oder früher als geplant das College verließen. Daraufhin stiegen ihre Abschlusszahlen so stark, dass Footballer und Basketballer plötzlich höhere Erfolgsraten als der Durchschnittsstudent hatten. Unabhängige Untersuchungen belegen allerdings, dass Sportler nach der Uni immer noch zu 17 Prozent seltener einen Abschluss in der Tasche haben als der Rest der Studentenschaft.

Die meisten Athleten können sich die hohen Studiengebühren nicht leisten und kommen nur durch Stipendien in den Genuss einer Hochschulbildung. Diese mussten lange Zeit jährlich erneuert werden. Wer sich verletzte oder die erhoffte Leistung nicht brachte, wurde ersetzt. Das Stipendium war dahin und damit die Chance auf den Abschluss. Kyle Hardrick, Basketballer an der University of Oklahoma verletzte sich 2009 in seinem ersten Jahr am Knie. Teamärzte sagten ihm, es wäre nichts Ernstes, er solle trotz Schmerzen weiterspielen. Als später ein Meniskusriss diagnostiziert wurde, strich die Uni das Stipendium und weigerte sich, die Operation zu bezahlen. Heute arbeitet Hardrick auf einem Ölfeld - noch immer unter großen Schmerzen. Ein Beispiel von Hunderten.

Eine Studie der National College Players Association (NCPA), die einst eine Spielergewerkschaft gründen wollte, kam 2012 zu dem Ergebnis, dass mehr als 80 Prozent der Spieler unterhalb der Armutsgrenze leben. Die Stipendien deckten nur die Studiengebühren ab. Essen, Kleidung und was sie sonst noch brauchten, mussten sie selbst bezahlen. Doch ein Nebenjob war ihnen von der NCAA verboten, ebenso wie die Annahme von Spenden. Sie würden dabei von ihrem Status als Sportstar profitieren, also kein Amateur mehr sein, hieß es zur Begründung. Footballspieler Ramogi Huma, Gründer der NCPA sagte einmal: »Wir riskieren unsere Körper und bringen der NCAA und unseren Unis viel Geld ein. Wir wollen das, was uns zusteht.«

Und die Ausbeutung endet nicht mit dem Abgang vom College. Auch danach verdienen NCAA, Fernsehsender und Unis noch kräftig an Ausstrahlungen alter Spiele und dem Verkauf von Trikots. Die Rechte an ihren eigenen Bildern hatten die Spieler zu Beginn ihrer Collegezeit an die NCAA abtreten müssen.

Gut 50 Jahre änderte sich nichts am Ausbeutungssystem, doch in den vergangenen Jahren verstärkte sich die Kritik von Sportjournalisten wie Buchautor Joe Nocera, Redakteur der »New York Times«. »Ich habe mal eine Seminararbeit zu dem Thema geschrieben. Darin habe ich gefordert, dass College-Sportler Geld verdienen sollten«, erzählt auch Will Cherry.

Einige Kollegen wollten sogar klagen. Manche Anwälte fürchteten jedoch, im Fall eines Sieges das Gesetz »Title IX« auszuhöhlen. Das schreibt Unis vor, ebenso viel Geld für Sportlerinnen auszugeben wie für die Männer. Davon profitieren vor allem Athletinnen im Fußball, Hockey und Volleyball, jene Sportarten, die an US-Universitäten nur von Frauen betrieben werden. Ihre Stipendien werden aus den Einnahmen der Basketball- und Footballsparten bezahlt. Müssten Spieler nun bezahlt werden, so die Befürchtung, bliebe weniger Geld für die Sportlerinnen übrig. Doch profitieren hier nicht irgendwelche Frauen von irgendwelchen Männern. Es sind oft Athletinnen aus der weißen Mittelklasse, die aus der (unbezahlten) Arbeit armer schwarzer Männer ihren Nutzen ziehen.

Ein weiterer Grund für das Ausbleiben vieler Klagen war Richter John Paul Stevens. Der hatte 1984 in ein Urteil des Obersten Gerichtshofs geschrieben: »Die Identifikation mit einer akademischen Tradition unterscheidet College Football von Profiligen und macht ihn populärer. Um die Qualität des ›Produkts‹ zu erhalten, dürfen Athleten nicht bezahlt werden.« Seitdem berief sich die NCAA auf dieses Urteil.

Erst 2014 hob Bundesrichterin Claudia Wilken diesen Grundsatz auf. Sie gab Ed O’Bannon Recht, einem früheren Basketballstar der University of California, Los Angeles. Die NCAA durfte ehemaligen Spielern nicht das Recht am eigenen Bild in Fernsehübertragungen oder Videospielen nehmen. Ein großer symbolischer Erfolg, da die Amateurregel nun angreifbar geworden war, doch aktuellen Spielern half er bislang wenig. Werbung dürfen sie immer noch nicht machen, und ein von Wilken vorgeschlagener Fonds, aus dem jeder Spieler 5000 Dollar im Jahr für Basisausgaben erhalten sollte, wurde von einem Berufungsrichter gekippt.

Eine Beteiligung der Sportler an den Fernseh- und Marketingeinnahmen ist noch immer nicht geplant. Dafür werden sie am Tag der Arbeit am Sonntag auch nicht demonstrieren. Zum einen wird der Labour Day in den USA erst im September begangen, und zum anderen gelten College-Sportler noch immer nicht als Angestellte, die eine Gewerkschaft bilden könnten, sondern nur als Studenten. Immerhin entschieden die größten Unis im Jahr 2014, Krankenversicherungen, Vier-Jahres-Stipendien und kleine Zusatzzahlungen für Essen anzubieten. Die Verbesserungen sind aber nur freiwillig. Die NCAA stellt es den Universitäten frei, sie anbieten. Entgegen aller Schwarzmalerei gingen jedenfalls weder die Einschaltquoten zurück, noch mussten Stipendien für Frauen gestrichen werden. Die Unis schlossen einfach noch lukrativere Fernsehverträge ab.

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