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Gern mit ein bisschen Pathos

MEINE SICHT

Das mit dem 1. Mai ist so eine Sache. Um kaum ein Datum wird in der radikalen Linken so viel gestritten, gezerrt, gezetert und genörgelt. »Mit dem 1. Mai ist kein Blumentopf zu gewinnen«, sagte einmal ein Aktivist. Schon klar: Die einen latschen morgens verantwortungsbewusst ihre gewerkschaftliche Pflichtroute ab, die anderen zerstreiten sich über Sinn und Unsinn revolutionärer Militanz auf den Straßen Kreuzbergs. Und am Ende schreien sie alle, dass die politischen Inhalte verloren gegangen sind.

Welche wären das? Den Gewerkschaften geht es um vieles: Keine Spaltung zwischen Geflüchteten und alteingesessenen Lohnabhängigen, also keine Ausnahmen beim Mindestlohn, und ein bisschen mehr Rente und weniger Geschlechterungleichheit. Dem Myfest geht es ums Saufen oder darum, den Boden zu halten (»Hold your ground«), was jawohl gelungen scheint. Denn die Revolutionäre 1. Mai-Demo darf wegen des Festes wieder nicht nach Kreuzberg 36 und macht der Polizei deshalb eine Kampfansage. Und inhaltlich? Wurde im Bündnis wohl am meisten über die Gruppe »F.O.R. Palestine« gestritten, die für Israel und Palästina eine Einstaatenlösung fordert und der Antisemitismus vorgeworfen wird. Und mit einer Diskussion über Israel und Palästina, nun ja, damit ist wirklich kein Blumentopf zu gewinnen.

Szenebrei am 1. Mai? Nur scheinbar. Denn wer zwei Schritte aus dem linksradikalen Streitsumpf und gewerkschaftlichen Bratwursteln heraus tritt, sieht den 1. Mai in voller Pracht: Von morgens bis abends gehören die Straßen denen, die eine Stadt für alle wollen. Den 1. Mai hat die Linke für sich gewonnen und alle, die an dem Tag ungestört feiern und demonstrieren, tun es unter der Frühlingssonne der Solidarität. Der Blumentopf ist längst in linken Händen, an diesem einen Tag im Jahr. Das kann man gern feiern. Mit ein bisschen Pathos.

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