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Bringt mich von hier fort

Dota Kehr und Band

Auf ihrem neuen Musik-Album »Keine Gefahr« will die Liedermacherin Dota Kehr nur noch Erdenbürgerin sein, allein das solle noch in ihrem Pass stehen. Ihr Lied »Grenzen« hinterfragt, warum Menschen diesseits und jenseits von Sperrzäunen so unterschiedlicher Wert beigemessen wird, warum die einen entrechtet werden, nur weil sie nicht in Europa geboren wurden. Dem seien Grenzen zu setzen. Sie thematisiert die Tragödien im Mittelmeer und will eben selbst staatsunangehörig sein.

Dota und ihre Band, bestehend aus Jan Rohrbach, Janis Görlich und Jonas Hauer, bestechen durch stilistische Vielfalt, hohe musikalische Experimentierkunst. Neben einem Mix aus Jazz, Folk, Bossa Nova, Pop kommt diesmal auch elektronischer Sound zum Einsatz. Ein Musiktitel wie »Vergiftet« fällt wie »Warten auf Wind« auf der Vorgänger-CD »Wo soll ich suchen« durch rasantes Tempo auf und dürfte nebenbei auch radiotauglich sein. Schon 2014 wurde Kehr für ihre deutschsprachigen Liedtexte mit dem Fred-Jay-Preis ausgezeichnet. Die Leichtigkeit, Poesie und der Wortwitz ihrer Texte wurden gewürdigt.

Die neue CD wartet mit verspielten wie subversiven Texten auf, die verschiedenste Assoziationen zulassen. Sequenzen aus Tagträumereien und Alltagsbeobachtungen wechseln sich ab mit gesellschaftskritischen Zugängen. Humorvolle Ironie kommt beim Titel »Rennrad« zum Tragen; zum Glück muss die Katze nicht verkauft werden für den neuen Liebhaber.

Dota Kehrs Wortkunst leiht wie schon auf früheren Alben auch ökologischen Ambitionen ihre Stimme. »Da ist ein Schwirren in der Luft.« Sie muss von dannen vor Elektrosmog und klagt: »Alles ist vergiftet hier«. Da wird verklappt, verkippt der Dreck oder Sorbit, Nitrat, Nitrit und Glutamat finden sich in der täglichen Kost. »Falsche Farben, schau, sie lügen!« In skurriler Montage zeichnet sie ein beklemmendes Bild unseres morbiden Industrialismus.

Lebensphilosophie wie Konsumkritik finden sich zum Beispiel im Lied »Nah«, wo es heißt: »Bring keine Schätze, mach keinen Gewinn/ bring kein Zeug mit, das du sparst!/ Nein, bring kein Geld! Bloß komm aus der Welt/ zurück, genauso wie du warst.«

Ein Titel wie »Die Diebe« verblüfft und wirft die Frage auf, wie der Text wohl gemeint sein kann … Gewiss, Sicherheit kann auch Ballast sein, die Angst vor Einbrüchen verunsichern und sie ist real, nur der Freiheit des Diebseins das Wort reden? Aber vielleicht ist es auch ganz anders gemeint und der Rezensent nur zu schwerfällig, es zu verstehen.

Am Schluss der CD versteckt sich unangekündigt nach vielen Minuten Stille noch ein dreizehntes Lied über ein Monster, das sein riesenhaftes Ohr an der anderen Seite der Wohnungstür angelegt hat. Vielleicht ist es derzeit ganz friedlich und eingehegt, auch wenn es sich nicht satthören kann. Aber was ist, wenn es wütend werden würde? Vielleicht verhält es sich anders, wenn es selbst abgehört wird?

Dota Kehr: Keine Gefahr (Kleingeldprinzessin Records/Broken Silence)

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