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Zu Dir oder zu mir?

An sich habe ich ja nichts gegen das Älterwerden. Aber dass junge Menschen mich zunehmend in der Kneipe, in der U-Bahn oder auf der Straße einfach so siezen, das macht mich allmählich fertig. Ich bin doch einer von euch! Seht ihr das denn nicht? Haben wir dafür damals auf den Flokatis herumgelungert und selbst gestrickte Pullover getragen, um jetzt plötzlich wie ein Schalterbeamter von irgendwelchen dahergelaufenen Hipstern gesiezt zu werden?

Echte Vertraulichkeit gibt es nur noch mit Paketboten. Die duzen mich alle. Sicher, sie gehören auch zweifellos zu meinem engsten Umfeld. Ich sehe sie öfter als die besten Freunde. Weil ich meistens zu Hause bin und im Erdgeschoss wohne. »Heiko, ich hab da wieder was fürs Haus«, sagen sie, oder auch gerne: »Heiko, nimmste auch für die 605? Die lassen mich nich rin.« Wie könnte ich meinen engsten Vertrauten einen Wunsch abschlagen? Dafür höre ich mir auch gern anschließend das Geschimpfe der Nachbarn an, sie seien die ganze Zeit zu Hause gewesen. Was sind das nur für Menschen? Mich siezen und dem Paketboten mangelnde Gewissenhaftigkeit unterstellen!

Manchmal allerdings kommt es doch vor, dass selbst ich unterwegs bin. Dann ist es immer eine Herausforderung, anschließend meine Pakete in der Nachbarschaft einzusammeln. Ein Zusteller begrüßte mich neulich, ungelogen, mit den Worten: »Heikolein, wo warste am Freitag? Da habe ich die Pakete vorne beim Jesus abgegeben.« Anschließend musste ich mir die Pakete beim Palmblatt-Café abholen, dem Laden der Pfingstcharismatiker im Vorderhaus. Ein anderer Bote dagegen schreibt als Empfänger auf den Benachrichtigungsschein immer nur »Heiko«. Neulich musste ich zum Auslösen in das Modellbaufachgeschäft geschlagene fünf Blöcke weiter. Ich fragte nach dem Paket für Heiko und wurde von dem Jungspund hinterm Tresen misstrauisch gemustert. »Heiko?«, fragte er, »kennen wir uns?« Aber dann suchte er mein Paket heraus, in dem sich irgendwas befand, was ich bestellt hatte, weil ich es sonst umständlich in einem Laden hätte kaufen müssen, der vermutlich nur halb so weit entfernt gewesen wäre wie das Modellbaugeschäft.

Auf dem Rückweg traf ich die Nachbarin aus der 605, die gerade vergeblich von meiner Wohnung zurückkam, wo sie ein Paket abholen wollte. Das gab ein Hallo.

Ich bin ja mal gespannt, wie das weitergeht. Der Versandhaushandel wächst beständig, bald wird es zum festen Ritual, dass alle, wenn sie abends nach Hause kommen, erst einmal eine Wanderung durch die Nachbarschaft unternehmen, um ihre Pakete einzusammeln. Das Kunststück wird darin bestehen, die betreffenden Nachbarn auch in ihren Wohnungen anzutreffen, weil die ja schließlich selbst irgendwo auf der Pirsch sind. Aber immerhin, so kommt man sich näher. Vermutlich lernen sich die meisten Paare inzwischen längst auf Vermittlung des DHL-Boten kennen. »Gehen wir zu dir oder zu mir?« - die Fragen bleiben dieselben, nur die Antworten haben sich geändert: »Wo stehen die Pakete denn heute?«

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