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Alles für die heile Heterowelt?

Der Video-Streamingdienst Maxdome nimmt schwul-lesbische Filme aus dem Programm

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.
Von ursprünglich mehr als 400 queeren Filmen sind kaum mehr als zehn übrig: Das Online-Videoportal Maxdome hat seine schwul-lesbische Kategorie entfernt und einige hundert Filme gelöscht.

Wer Homophobie sät, wird einen Shitstorm ernten. Zumindest darin erweist sich der zurechnungsfähige Teil der «Crowd» im digitalen Raum immer wieder aufs Neue als verlässlich. Der Online-Streamingdienst Maxdome dürfte das nicht einkalkuliert haben, als er entschied, die Rubrik «Queer» komplett von seinen Seiten zu entfernen, um - so die offizielle Begründung - «familienfreundlicher» zu werden.

Wie das Magazin «Blu.fm» und «Heise Online» zuerst berichteten, hatte das Unternehmen sich dazu bereits Anfang April entschlossen, ohne die Kunden darauf hinzuweisen. Darum war die Nachricht erst jetzt bekannt geworden. Zuvor hatte Maxdome rund 400 Filme unter der Rubrik «Queer» im Angebot und damit ein echtes Alleinstellungsmerkmal im Streaming-Gewerbe. Die Konkurrenz von Amazon Prime und Netflix verfügte weder über eine solche Rubrik, noch ließen sich dort auch nur annähernd so viele Filme zu diesem Thema streamen.

Bei Twitter hagelte am Dienstag die Kritik auf Maxdome nieder. Der nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete Daniel Schwerd, der erst kürzlich von der Piratenpartei zur LINKEN gewechselt war, formulierte sein Missfallen besonders deutlich: «Mit Verlaub, was ist denn das für eine k*ck-reaktionäre Entscheidung?» Die Reaktionen anderer Nutzer reichten von «Die AfD hat jetzt einen eigenen Streamingdienst: Maxdome!» bis zu «Hätte ich den Scheiß abonniert, ich würde ihn kündigen. Wegen der Familienfreundlichkeit.»

Auch bei dem sozialen Netzwerk Facebook wandten sich am Dienstag verärgerte Nutzer an Maxdome, die das eindimensionale Familienbild des Unternehmens kritisierten. Darauf reagierte ein Maxdome-Vertreter: «Wir haben die Kategorie ›Queer‹ entfernt, nicht aber die Inhalte aus dieser Kategorie.» Die befänden sich unter der Rubrik «Romantik und Liebe‹ weiterhin im Angebot.

Die Kategorie, so die öffentlich kommunizierte Version des zum ProSiebenSat.1-Konzern gehörenden Video-Dienstes, sei nicht mehr verfügbar, »da wir Maxdome so übersichtlich wie möglich gestalten möchten. Maxdome steht für ein tolerantes Miteinander und es ist in keiner Weise unsere Absicht, jemanden zu diskriminieren. In unseren Augen ist es nicht notwendig, Inhalte mit ›Queer‹ zu markieren, die in die Kategorie ›Romantik und Liebe‹ gehören, egal auf welche sexuelle Orientierung Sie sich beziehen.«

Eine kurze Recherche mit dem Internet-Archiv »Wayback-Mashine« genügt jedoch, um nachzuweisen, dass diese Aussage falsch ist. Bei der Schlagwortsuche »Queer« erschienen noch im März mehr als 400 Filme. Davon sind bei der Eingabe des selben Schlagwortes nun kaum mehr als zehn übrig geblieben. Als Maxdome diesen Umstand nicht mehr leugnen konnte, teilte das Unternehmen am Dienstag mit, die Löschung der betroffenen Filme sei nicht aus politischen, sondern aus lizenzrechtlichen Gründen erfolgt.

Harald Petzold, der queerpolitische Sprecher der LINKEN im Bundestag, echauffierte sich im nd-Gespräch vor allem über die Begründung, man wolle das Angebot »familienfreundlicher« gestalten: »Damit diskriminiert die Unternehmensführung LGBTI-Menschen und ihre Familien. Im Jahr 2016 gibt es durchaus eine große Anzahl homosexueller Familien mit Kindern. Da ist die Gesellschaft anscheinend weiter als dieses Medienunternehmen.«

Wenn sich Maxdome wirklich um die »Familienfreundlichkeit« verdient machen wolle, so Petzold weiter, »müssten sie stattdessen alle Film- und Serienangebote mit erheblichem Einsatz von Gewalt, Drogen und Kriminalität aus ihrem Programm entfernen«. Der Linkspolitiker vermutet hinter der Entscheidung wirksame Beschwerden homophober Kunden, was sich aber ökonomisch rächen könnte: »Wer seine Kundschaft durch Löschen von Filmen verprellt, handelt nicht im Sinne des Unternehmens.«

Derart in die Defensive gedrängt, wehrte sich Maxdome am späten Dienstagnachmittag in einer Erklärung vehement gegen die Vorwürfe, das Unternehmen verbreite ein reaktionäres Familienbild: »Familien sind nach unserer Auffassung Menschen, die sich lieben - ganz unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder sexueller Orientierung«, schreibt der Online-Dienst auf seiner Homepage. Die Löschung queerer Inhalte sei ausschließlich auf kommerzielle Beweggründe zurückzuführen, die auf einer vergleichsweise geringen Nachfrage der entsprechenden Inhalte basiere.

Maxdome droht sogar mit juristischen Mitteln: »Vorwürfe, Content-Entscheidungen zugunsten der Ausgrenzung von Minderheiten zu treffen, möchten wir hiermit ausdrücklich zurückweisen. In diesem Zuge behalten wir uns rechtliche Schritte gegen jegliche Falschaussagen vor, die uns ein diskriminierendes Familienbild unterstellen.«

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