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Aktivisten gegen Atomanlage

Gegner des geplanten Forschungsprojektes fordern Geld für sozial Schwache statt für die Atomindustrie

  • Von Sebastian Hachmeyer, El Alto
  • Lesedauer: 3 Min.
Boliviens Regierung will ein nukleares Forschungszentrums in El Alto bauen lasse. Kosten: über 300 Millionen Dollar. Schnell gab es kritische Stimmen. Eine Radiosendung soll Aufklärung schaffen.

Parcopata im 8. Bezirk El Altos befindet sich am äußersten Rand der zweitgrößten Stadt Boliviens. Die neuen Wohnsiedlungen sind Ausdruck rascher Urbanisierung. Häuser befinden sich in Konstruktion, Straßen sind noch nicht asphaltiert, es gibt kaum Autoverkehr. Auf den hiesigen Agrarflächen bauen die Anwohner Feldfrüchte an und schicken ihr Vieh auf die Weide. Neben dem Territorium für den Bau des laut bolivianischer Regierung größten nuklearen Forschungszentrums Südamerikas liegt das Wohngebiet »El Sol« - die Sonne.

Die Bühne zur Einweihung des Territoriums und zur Grundsteinlegung mit Vertretern des staatlichen russischen Atomkonzerns Rosatom steht auch gut einen Monat nach der Feier immer noch auf dem Gelände, auf dem das 15 Hektar große Forschungszentrum samt Hotels, Tennisplätzen und Schwimmbädern errichtet werden soll. »Das Forschungszentrum dient ausschließlich Zwecken der Gesundheit, Wissenschaft und Ernährungssicherheit«, sagt Stadträtin Wilma Alacona, die mit der Öffentlichkeitsarbeit betraut wurde.

Anders als in Mallasilla, der reicheren »Zona Sur«, wo das Forschungszentrum anfangs geplant war und die Ängste der Bevölkerung in einem öffentlichen Protest mündeten, sind die Anwohner Parcopatas, die sich Infrastrukturentwicklung und neue Arbeitsplätze erhoffen, eher positiv eingestellt: »Wir heißen das Projekt herzlich willkommen, weil es einen Fortschritt bedeutet, einen Blick nach vorn«, sagt ein Anwohner. Eine junge Mutter und Besitzerin eines kleinen Lebensmittelladens sagt: »Ich bin dafür, weil das Forschungszentrum neue Arbeitsplätze schafft und die Bolivianer sich fortbilden können«.

Auf die Frage zu den Risiken antwortet der Anwohner, dass die Mehrheit der hier lebenden Familien, die über die Atomtechnologie informiert sei, keine Angst habe und den Technikern vertraue. Die junge Mutter sagt, dass ihnen mitgeteilt wurde, dass man mit Vorsicht arbeiten werde und Experten am Werk seien, die alles unter Kontrolle hätten.

Carmen Capriles, Aktivistin der »Bürgerlichen Bewegung gegen die nukleare Bedrohung«, meint allerdings, die Regierung habe den Anwohner Parcopatas »Entwicklung« versprochen, was »auf längerer Sicht bedeutet, dass sie lediglich Tee und Sandwichs verkaufen«. Capriles sagt, die neue Verfassung verbiete in Artikel 344 die Internierung, den Verkehr und die Lagerung chemischer und nuklearer Abfälle. »Der Vertrag, der mit Rosatom unterzeichnet wurde, ist gegen die Verfassung«, so Capriles. Die Aktivisten riefen vergangene Woche eine regelmäßige Sendung im lokalen Radio Deseo FM mit dem Namen »Kalapurka Nuclear« ins Leben, um die Bevölkerung über die Atomenergie und deren Folgen zu informieren.

Die Auftaktsendung beinhaltete Berichte über die Katastrophe von Tschernobyl und den aktuellen Umgang der ukrainischen Regierung mit deren Langzeitfolgen. Ein Bericht über die Atomausstiegsdebatte in Deutschland soll folgen. Darüber hinaus wurde der politische Diskurs der bolivianischen Regierung in Bezug auf das einheimische Atomprogramm analysiert. Obwohl die Aktivisten der Atomtechnologie durchaus eine gewisse positive Nutzung im Bereich der früh-zeitlichen Krebserkennung zusprechen, seien die anderen Themenfelder in Bolivien eigentlich überflüssig, sagen die Kritiker. Schaue man sich die wachsende soziale Kluft zwischen arm und reich und die Probleme vieler sozialer Sektoren an, wäre die investierte Summe dort wesentlich besser aufgehoben. Grundsätzlich halte sich die Regierung wohl eine Hintertür offen, um auf lange Sicht zur industriellen Stromerzeugung überzugehen, vermutet Capriles.

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