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Klappräder, U-Boote, alles

Auf Höchstspannung getrimmt, aber Konzessionen an den deutschen Sonntagsabendkrimi: Matthias Dell über den Bremer Tatort »Der hundertste Affe«

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Unter Traditionalisten gilt »Der hundertste Affe« bereits als die tausendste »Tatort«-Folge. Nach ARD-Geschichtsschreibung wird die erst im Oktober laufen und dann als Reminiszenz an den Anfang erneut ein »Taxi nach Leipzig« schicken – des Lamettas wegen gleich mit gleich zwei NDR-Ermittlerinnen (Lindholm, Borowski). Die abweichende Zählweise der »Tatort«-Ultras erklärt sich durch 13 Folgen, die der ORF Ende der achtziger Jahre mit Offizialvorspann und den seinerzeit aktuellen Ermittlern produzierte und die nur im österreichischen Fernsehen zu sehen waren – für Geschichte und Ästhetik der Krimireihe eine nicht uninteressante, frühe Extension, die Hype und Eventisierung des »Tatort« in den letzten Jahren vorwegahnte.

Laissez-faire ist nicht der Name, auf den die Markenpflege in der ARD hört, was das beliebte öffentlich-rechtliche Programm nickelig-konservativer agieren lässt als den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Der hat schon vor längerer Zeit die Länderspiele von DDR-Fußballern (oder solchen, die für die DDR und das wiedervereinigte Deutschland gespielt haben) in seine ewige Bestenliste integriert, auch wenn das philologisch wohl heikel ist und philosophische Fragen aufwirft: Kann ein Spiel, das gegen den DFB gemacht wurde, in den Annalen für DFB-Deutschland gezählt werden? Jürgen Croy, Torwart beim Sparwasser-1:0 der DDR gegen den späteren Weltmeister 1974, rangiert jedenfalls mit 102 Spielen zwischen dem Kaiser (103) und Icke Häßler (101).

Spaßvögel könnten nach Ansicht des aktuellen Bremer »Tatort« freilich auf die Idee kommen, erleichtert auszurufen: Thank God, zählt die ARD derart kleinmütig, denn so kann »Der hundertste Affe« (RB-Redaktion: Annette Strelow, Degeto-Redaktion: Birgit Titze) rasch vergessen werden, statt bei noch folgenden Jubiläen immer wieder als 1000. Folge firmieren zu müssen. Die Episode ist nämlich ein ziemlicher Quark, auch wenn man das Bemühen von Autor (Christian Jeltsch) und Regie (Florian Baxmeyer), das Geschehen in der internationalen Fernsehserienproduktion (hier: »24«, »skandinavische« Krimis) im Auge zu behalten, löblich ist.

»Der hundertste Affe« will, was die Schweißflecken auf dem Hemd von Steadyfriend (Oliver Mommsen) in der Exposition der Folge anzeigen: die Hitze der Arbeit, den Geruch des Hochdrucks. Relativ zufällig platzierte Zeitangaben-Inserts sollen Echtzeit-Atmo verbreiten (der Favorit ist die »15:03«-Einblendung, die handlungszeitgefühlt eine halbe Stunde nach Bildern erscheint, auf denen die Uhr schon auf 14:55 Uhr stand), die Kamera (Peter Joachim Krause) rückt mehrfach mit drei dynamisch blaulichternden Polizeiwagen aus, um den Ernst der Lage zu verdeutlichen: Vaterungeliebte Ökoterroristenlady (Friederike Becht) droht mit Trinkwasservergiftung, um die Sauereien der Chemieindustrie in fernen Ländern in die Metropolen des Westens zurückzubringen. Oder so ähnlich.

Dramaturgisch wird die auf Höchstspannung getrimmte Anlage allerdings bald von den Konzessionen an deutsche Sonntagsabendkrimis dementiert: Alles muss immerfort erklärt werden. Wenn etwa der Chemiker Render (der große Manfred Zapatka) etwas von einer Tochter sagt, wird auf das Stichwort die Ökoterroristenlady gezeigt, deren Tochtersein am Ende bei der Zusammenführung mit dem Vater doch eigentlich einen Effekt produzieren sollte.

Zapatkas Figur tut sich außerdem dabei hervor, sämtliche Motive ihres Handelns und alle Bewegungen in der Geschichte ausführlich darlegen, was in »Der hundertste Affe« fast als Parodie auf einen redaktionell gewünschten Mitteilungsdruck inszeniert wird – bei einer erzwungenen Pressekonferenz am Ende weigern sich (sic) die anwesenden Medienvertreter erst (vermutlich aus moralischen Gründen), das Geständnis über die beruflichen Sauereien aufzuzeichnen, was Render aber nicht davon abhält, seine Geschichte auch dann zu Ende zu erzählen, wenn die Handlung sich von der Pressekonferenz schon wegverlagert hat, ihm also niemand mehr zuhört außer der Zuschauerin vor dem Fernseher.

Dass das Zusammenspiel eines kindergartenhaft entworfenen Krisenstabs von gewissem Reiz wäre, lässt sich schwer behaupten. Barnaby Metschurats Cheffigur steht die Lächerlichkeit schon durch den Schnauzbart ins Gesicht geschrieben, nach einem Drittel des Films gesellt sich noch das Spiel mit einem Jojo als epigonalste Checkergeste dazu. Alle Informationen die Metschurats Leiter nicht sagt, werden von der irgendwie vorgesetzten Lürsen-Tochter (Camilla Reinschke) reingetragen in die Runde wie Bestellungen von einer Kellnerin – eine Idee von Sprechweisen und Hierarchien in solchen Zusammenhängen hat der Film nicht. Das zeigt nicht zuletzt die Erfindung einer BKA-Spurenermittlerin wie Linda Selb (Luise Wolfram), die Steadyfriends Love Life auf Vordermann bringen soll und daher als hundertste Ableitung einer sozial dysfunktionalen Spezialistin Langeweile verursacht. Gucken »Tatort«-Macher nicht, was andere »Tatort«-Schauplätze machen?

Ein Anlass, um mit jungen Leuten ins Gespräch zu kommen:
»Schick die Mail ab.«

Eine Gegenwartsbeschreibung, mit der man auf Stehpartys reüssieren kann:
»Ziemlich knifflig, würd ich sagen.«

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht:
»Beschwerden auf dem Dienstweg.«

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