Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Hartz IV: Formulierungshilfen für den Sozialabbau

Bundesregierung schickt Textvorschläge an Fraktionen von SPD und CDU/CSU / LINKE-Chefin Katja Kipping: »Bundestagsfraktionen zu Befehlsempfängern degradiert« / Geplante Änderungen wirken sich zulasten der Sozialleistungsbezieher aus

Berlin. Die Linkspartei-Vorsitzende Katja Kipping hat auf ihrer Homepage ein Schreiben der Bundesregierung an die Bundestagsfraktionen von SPD und CDU/CSU veröffentlicht, das »Formulierungshilfen« für Änderungsanträge des Hartz-IV-Gesetzes enthält. Kipping findet es »erschreckend, dass die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD zu Befehlsempfängern der Bundesregierung degradiert werden, die Formulierungshilfen der Bundesregierung in Anträge umsetzen sollen«.

Die Inhalte waren bereits am Montag bekannt geworden. Sie sehen überwiegend Verschlechterungen für Betroffene vor: So sollen Dauerbezieher von Hartz IV künftig länger Ein-Euro-Jobs verrichten können. Die Förderdauer soll für solche Langzeitarbeitslose verlängert werden, die innerhalb der letzten zehn Jahre insgesamt neun Jahre Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende bekommen haben.

Die Betroffenen sollen außerdem nach Ablauf der Höchstdauer von 24 Monaten erneut und auch wiederholt bis zu zwölf Monate in Arbeitsgelegenheiten gewiesen werden können. Das sind meist Ein-Euro-Jobs. Denn den Betroffenen sei es »auch bei guter Konjunktur kaum möglich, vom Aufbau der Beschäftigung zu profitieren und auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen«, so der »Formulierungsvorschlag«.

Derzeit dürfen erwerbsfähige Leistungsberechtigte in einem Zeitraum von fünf Jahren nicht länger als insgesamt 24 Monate Ein-Euro-Jobs zugewiesen werden. Dadurch soll verhindert werden, dass die Chancen der Betroffenen auf dem normalen Arbeitsmarkt kleiner werden.

Katja Kipping sieht in den Ideen der Bundesregierung nicht etwa eine Rechtsvereinfachung, sondern eine »Repressionsverschärfung«. So sollen »diejenigen, die sich der Zwangsverrentung widersetzen, per gesetzlich vorgeschriebenem Leistungsentzug dazu genötigt werden«.

Die Zahl der geförderten Jobs für Langzeitarbeitslose ging in den vergangenen zwei Jahren um mehr als ein Drittel zurück. Sie sank von knapp 140.000 auf unter 90.000. Von den rund 84.000 Stellen im Dezember 2015 waren 76.000 Ein-Euro-Jobs. Die Zahl der registrierten Hartz-IV-Bezieher, die länger als ein Jahr ohne Job sind, ging im gleichen Zeitraum nur um 1,4 Prozent auf etwa 927.000 zurück.

Die Formulierungen, meint Kipping, seien Beispiele für sprachliche Beschönigung. Was Rechtsvereinfachung heiße, bedeute in Wahrheit: »Müttern mit Hartz IV soll der Lebensunterhalt für ihre Kinder gekürzt werden weil das Kind ein paar Tage beim umgangsberechtigten Vater ist, der kein Hartz IV bezieht. Davon mal abgesehen, lässt sich der monatliche Lebensunterhalt nicht tagegenau aufschlüsseln, weil viele Dinge, wie Spielsachen, Kleidung usw. immer da sein müssen. Auch das Essen kann man nicht tagegenau portioniert kaufen.«

Auch der LINKEN-Rentenexperte Matthias W. Birkwald kritisierte die Regierungspläne: »Mit dem Beschluss zur sogenannten Flexi-Rente will die Bundesregierung das Arbeiten über die Regelaltersgrenze hinaus attraktiver machen.« Gleichzeitig verschärfe sie die Praxis der Jobcenter, ältere Arbeitslose ab 63 auszusortieren und aufs Abstellgleis zu schicken. »Widersprüchlicher kann Politik nicht sein«, sagte Birkwald.

Die Grünen-Arbeitsmarktexpertin Brigitte Pothmer warf Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) ein falsches Spiel mit älteren Arbeitslosen vor. »Sie hat ihnen Arbeit und Teilhabe versprochen. Stattdessen kommt sie jetzt mit der verschärften Zwangsverrentung.« Das DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach wiederum sagte, schon heute seien zu viele gezwungen, aus Hartz-IV-Bezug vorzeitig mit hohen Abschlägen in Rente zu gehen. Die Zwangsverrentung müsse abgeschafft werden. dpa/nd

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln