Werbung

Gestrandet 
in Libanon

Hoffnungslosigkeit in den Flüchtlingscamps 
nach fünf Jahren syrischem Bürgerkrieg – 
ein Gespräch mit Ärzte ohne Grenzen

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Mehr als anderthalb Millionen Syrer sind wegen des Bürgerkriegs ins Nachbarland Libanon geflüchtet. Marion Thimm ist Psychologin und hat für Ärzte ohne Grenzen von August 2015 bis Februar 2016 mehrere Flüchtlingscamps in Libanon betreut.

Fast scheint es, als gerieten die Flüchtlinge in Libanon in Vergessenheit. Wie gestaltet sich das Leben für die syrischen Exilanten?
Ihre Situation ist beinahe aussichtslos. In Beirut leben syrische Flüchtlinge vor allem mit Palästinensern in Camps, die Elendsquartieren gleichen. Auf dem Land sind sie in großen Zeltlagern untergebracht, mehr oder weniger eingeschlossen für sich. Sie erhalten nur selten öffentliche Unterstützung, insbesondere an medizinischer Hilfe fehlt es fast immer. Das liegt auch daran, dass das Gesundheitssystem in Libanon privat organisiert ist und den Flüchtlingen das Geld für teure Behandlungen fehlt. Es kommt häufiger vor, dass sie aus den Kliniken und Praxen weggeschickt und nicht behandelt werden.

Gibt es trotzdem Unterstützung?
Um die Syrer in Libanon kümmern sich vor allem das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) und internationale Hilfsorganisationen. Sie alle zusammen können aber nur die notwendigste Unterstützung leisten. Viele Menschen erhalten beispielsweise nicht die medizinische Versorgung, die sie eigentlich bräuchten, insbesondere, wenn es Komplikationen gibt. Problematisch ist außerdem, dass nur jene Flüchtlinge Anrecht auf eine medizinische Grundversorgung haben, die vom UNHCR registriert sind. Das sind bei weitem nicht alle Syrer.

Wir von Ärzte ohne Grenzen versuchen, die großen Lücken in der medizinischen Versorgung zu schließen. Vor allem kümmern wir uns um die Behandlung von Kindern, behandeln chronische Krankheiten und betreuen Frauen, wenn sie ein Kind gebären. In dem Lager Shatila im südlichen Beirut betreiben wir eine Geburtsklinik. Für die Flüchtlinge ist das gratis: Die ärztlichen Kosten für diese Behandlungen werden komplett übernommen. Das UNHCR bezahlt 75 Prozent, Ärzte ohne Grenzen 25 Prozent.

Die Weltbank hat Mitte April gemeinsam mit der UN ein neues Hilfspaket auch für Syrien geschnürt und will 141 Millionen Dollar für die Flüchtlingsarbeit in Libanon investieren. Ist dies ein überfälliger Schritt?
Die Bereitstellung von Mitteln ist absolut notwendig, sonst drohen die Flüchtlinge vollends zu verelenden. Libanon ist nur ein kleines Land, die Bevölkerung ist mit den Flüchtlingen in den letzten Jahren enorm angewachsen. Hinzu kommen mehrere Hunderttausend Palästinenser, die bereits seit Jahrzehnten in Libanon leben und auch auf Hilfe angewiesen sind.

Das UNHCR hat vor drei Jahren noch 32 Dollar pro Flüchtling im Monat an Lebensmittelzuschüssen ausgeben können, diese Hilfe ist dann drastisch gefallen und betrug zwischenzeitlich 13,50 Dollar. Derzeit liegt die monatliche Unterstützung bei 23 Dollar. Das ist ein positiver Trend. Aber dennoch wird es immer schwieriger, die Kosten für die Flüchtlinge zu übernehmen, weil die Gelder nach fünf Jahren syrischen Bürgerkrieges nicht mehr verlässlich fließen.

Wie sehen die Lebensumstände in den Lagern aus?
Die Beiruter Camps Shatila, Sabra oder Bourj el Barajne sind eigentlich für Palästinenser errichtet worden. Das sind einfache Zementbauten, die Häuser sind zugig, die Elektrik ist teilweise grob fahrlässig verlegt worden. Über den Straßen gibt es einen Wust an Kabeln. Jetzt leben dort auch noch viele Syrer – in Garagen und auf Dächern. Wenn man in den Sommermonaten von oben auf die Camps schaut, dann sieht man lauter Menschen auf den Dachterrassen. Wird es kälter, leben sie meistens in einer Kammer und müssen eine sehr hohe Miete bezahlen.

Gibt es Konkurrenz zwischen syrischen und palästinensischen Flüchtlingen?
Das ist ein schwieriges Thema. Man muss sich die Perspektive der Palästinenser vergegenwärtigen: Sie lebten bereits vor dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs zusammengepfercht in den Camps. Dort grassiert schon lange eine hohe Arbeitslosigkeit, es gibt nur eine sehr schlechte und sehr teure medizinische Versorgung. Dann wird plötzlich Hilfe für andere Notleidende bereitgestellt, die ihnen aber verwehrt wird. Natürlich führt das zu Spannungen. Aber trotz allem gibt es relativ wenige offene Konflikte in den Camps. Sollte der Konflikt in Syrien weiter anhalten, wovon ja auszugehen ist, und die Unterstützung für die Flüchtlinge nachlässt, ist die Gefahr groß, dass mit dem Elend auch die sozialen Auseinandersetzungen zunehmen werden.

Die libanesische Journalistin Patricia Khoder hat in einem Gastbeitrag für den »Tagesspiegel« unlängst davor gewarnt, in Deutschland ähnlich viele Flüchtlinge wie Libanon aufzunehmen. Können Sie diese Haltung nachvollziehen?
Die Situation in Deutschland ist nicht mit der in den syrischen Nachbarstaaten zu vergleichen, das ist klar. Der Libanon ist mit der Aufgabe deutlich überfordert, so viele Menschen aufzunehmen und adäquat zu versorgen. Auch wir von Ärzte ohne Grenzen sind mit unserer Arbeit, die wir in Libanon leisten, zeitweilig überlastet. Die Zahl der Patienten, die wir etwa in der Geburtsklinik in dem Camp in Shatila betreuen, sprengt sämtliche Kapazitäten. Eigentlich müssten wir unsere Angebote stark ausweiten, was aber zulasten unserer Arbeit in anderen Ländern gehen würde. Solche Beispiele lassen sich überall finden. Es gibt so viele Mittellose, die Unterstützung benötigen, dass ich persönlich denke: Vielleicht ist es sogar unmöglich, mit dieser Herausforderung adäquat umzugehen.

Gibt es trotzdem noch Hilfsbereitschaft in Libanon?
Sicher gibt es die. Libanon gilt trotz des Bürgerkrieges 1976 bis 1990 stets als weltoffen, Christen und Muslime bildeten immer wieder gemeinsame Regierungen. Aber das Land hat viele spezielle Probleme – wie beispielsweise die Müllkrise, die zu erbitterten Protesten geführt hat. Das Land weiß nicht mehr wohin mit den Abfällen und ist teilweise dazu übergegangen, sie im Meer zu entsorgen. Es gibt zudem seit fast zwei Jahren keinen Präsidenten mehr. Das Land steckt selbst in einer ausgeprägten politischen Krise.

Ist für Syrer die Flucht nach Europa ein Ausweg?
Die meisten haben sicherlich den Traum, irgendwann in ihre Heimat zurückzukehren. Die Menschen haben es sich schließlich nicht ausgesucht, nach Libanon zu gehen, müssen dort aber ausharren. Es herrscht in den Camps eine unglaublich depressive Atmosphäre, die Ausweglosigkeit ist greifbar. Viele Syrer sind extrem erschöpft, nicht nur körperlich und psychisch, sondern auch finanziell. Flüchtlinge sind in Libanon sehr eingeschränkt, dürfen beispielsweise nicht überall arbeiten. Männer sind meistens auf dem Bau beschäftigt; Frauen und Kinder verkaufen auf den Straßen alles Mögliche. Oder sie betteln. Sie haben fast immer nur sehr geringe Einnahmen und können es sich nicht leisten, nach Europa zu flüchten. Die Schlepper verlangen schließlich viel Geld.

Wer dennoch versucht, weiter nach Europa zu gelangen, weiß, dass die Fahrt auf dem Meer gefährlich ist. Viele wagen es aber trotzdem, vor allem deshalb, weil das Leben in Libanon für sie immer bedrohlicher wird: Frauen werden oft belästigt, außerdem haben sie Angst, ihre Kinder raus zum Arbeiten auf die Straße zu schicken. Für Männer ist dagegen die Gefahr groß, auf einer Baustelle zu verunglücken. Die Arbeitsplätze sind nämlich nur selten gesichert.

Welche Schritte müssen unternommen werden, um die Situation zu verbessern?
Natürlich brauchen die internationalen Hilfsorganisationen eine verlässliche und dauerhafte finanzielle Unterstützung. Das ist zwingend notwendig. Andererseits sollten auch Staaten ihrer Verantwortung mehr gerecht werden. Aber die Menschen, die um jeden Preis versuchen, nach Europa zu gelangen – an die müssen wir auch denken. Die lassen sich nicht von Restriktionen oder riskanten Überfahrten abhalten. Das hat man schon oft gesehen. Sie brauchen sichere Fluchtwege. Damit sie nicht auf die Dienste der Schlepper angewiesen sind.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen