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Die Notdurft der Anderen

  • Von Roberto De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.
Wir leben im totalen Markt. Alles ist Kundschaft und Anbieter. Dass es so ist, sieht man an den alltäglichen Kleinigkeiten. Wenn man zum Beispiel aus Scheiße noch Gold macht, dann hat man selbst die Notdurft marktkonformiert.
Kaum dass ich aus der Redaktion des »neuen deutschland« heraus war, Richtung Ostbahnhof lief, ärgerte ich mich. Vielleicht hätte ich doch noch aufs Klo gehen sollen. Jetzt war es zu spät, der Berlin-Trip ging weiter, uns schwebte der Kurfürstendamm vor. Kaum am Bahnhof Zoo angelangt musste ich aber endgültig austreten. Es gibt Dinge, die sind nicht verhandelbar. Sanifair stand schon bereit und ich zog den Bon meines morgendlichen Sanifair-Besuches am Alexanderplatz aus dem Geldbeutel, sodass ich statt eines Euro nur fünfzig Cent für das Entleeren der Blase blechen musste. Doch es funktionierte nicht. Der Angestellte des Klobetreibers, ein trolliger Berliner, klärte mich auf: »Det jeht bei uns nich, Meister.« Am Bahnhof Zoo sind wohl die Sanifair-Scheine von anderen stillen Örtchen nicht kompatibel. »Da können se sich wat oben für koofen, aber nu müssen se nen Euro hier rinnwerfen«, riet er mir und zeigte auf den Einwurfschlitz. »Großartig«, antwortete ich, »oben kaufe ich mir was zum Trinken und dann muss ich wieder pinkeln.« Der Berliner grinste und scherzte, dass »dat der ewige Kreislauf« sei.

Märkte und Nachfrage schaffen; Anschlussverwendung halt. Pinkeln und beim nächsten Einkauf einen Teil der Unkostenpauschale zurückbekommen und es wieder entwässern. Selbst der Toilettengang ist heute ein Business, für das man richtig Geld lassen muss, sofern man kein transportables Klo bei sich trägt. Die meisten Touristen und Pendler besitzen so eine utopische Vorrichtung nicht. Sie sind angewiesen auf gelegentliche Orte der Erleichterung. Gerade als Tourist auf Städtetour ist man über viele Stunden unterwegs, trinkt viel bei der Wärme und muss dem ewigen Kreislauf zu seinem natürlichen Recht verhelfen. Völlig unnatürlich, dass man dafür zur Kasse bittet. Das kann richtig teuer werden. Bei der Planung eines mehrtägigen Aufenthaltes in einer Metropole, sollte man neben Unterkunft, Verpflegung und Eintrittspreise auch noch einen Posten mit dem Label »Notdurft« in seine Kalkulation aufnehmen. Berlin hat uns rein notdürftig betrachtet einige Groschen gekostet.

Diese Entwicklung um die monetarisierte Notdurft ist gelebter Neoliberalismus. Klar, schon vor den Chicago Boys gab es Latrinensteuer. Geld stinke ja nicht, wusste schon der Schutzheilige von Sanifair und Co., der römische Kaiser Vespasian. Aber steuerpflichtigen Bürgern, die auf kommunalen Gehwegen wandeln, die von der Allgemeinheit gepflastert wurden, die in Bahnhöfen oder auf Autobahnen mal müssen, die auch vom Steuerzahler unterhalten werden, dann nochmals was aus der Tasche zu ziehen, das ist schon dreist. Als ob es kein gesellschaftshygienisches Interesse mehr gäbe, wonach nicht in jede Ecke und an jede Wand uriniert werden soll. Als sollten nur noch die für Hygiene sorgen, die es sich auch leisten können und wollen. Und wer nicht beim privaten Pissunternehmer blecht, der wandelt auf dem schmalen Grat zur Ordnungswidrigkeit zwischen Gebüsch und hinterm Baum.

1998 wurde die Notdurft im öffentlichen Raum privatisiert. Das ist schon eine geniale Geschäftsidee für ein Privatunternehmen, wenn man es recht bedenkt. Man macht das menschliche Grundbedürfnis nach Entledigung organischer Abfallprodukte zu einer Dienstleistung, für die man entrichten soll. Schließlich ist im Neoliberalismus alles Geschäft, was sich denken lässt: Menschliche Beziehungen, Gesundheit oder eben ein Arschvoll Scheiße. Alles lässt sich verwursten und rentabel machen. Man muss nur dreist genug sein. Und der Staat garantiert Marktvorteile, wahrt die Rahmenbedingungen, wie man das so schön nennt. Er verbietet das Urinieren in der Öffentlichkeit. Abschreckende Wirkung um den Kundenstamm für Sanifair zu erhalten. Als »Schutzmacht« braucht die Privatisierung den Staat dann doch noch.

2014 hat »Tank & Rast« und deren Unternehmenstochter Sanifair mit dem Pinkeln der Anderen einen Umsatz von 506 Millionen Euro erzielt. Das sind im wahrsten Sinne des Wortes feine Pinkel. Ansehnlicher sind die Toiletten ja zugegebenermaßen seither geworden. Aber für einen Augenblick der Erleichterung haben die alten heruntergekommenen Klos doch immer gereicht.

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