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Reise zurück in die Gegenwart

Die Ukraine - eine Fahrt durch den Alltag eines verwundeten Landes.

  • Von Halina Obuchowa
  • Lesedauer: 7 Min.

Drei Jahre war ich nicht in der Ukraine, in meiner Heimat. Drei lange Jahre, die das Land erschütterten. Protest auf dem Maidan, Aufruhr in Straßen und Köpfen, Krimbesetzung, Krieg im Donbass, Terror.

1700 Kilometer im Fernbus nach Kyiw. In der Morgendämmerung erreichen wir die polnisch-ukrainische Grenze. Schmiergeldsammelaktionen für die ukrainischen Zöllner waren früher üblich. In den Grenzorten gibt es sogenannte Zöllnerprachtstraßen. Unser Gepäck wird aber ohne Bakschisch rasch durchleuchtet und wieder verstaut. Eine Infotafel warnt Passagiere, Schmiergeld zu zahlen. Es drohen Gefängnisstrafen.

Der Morgen ist grau, ruhig und verschlafen das Land. Ich klebe an der Fensterscheibe und sauge gierig die Landschaft ein, die geduckten Häuser. Keine Spur vom Krieg. Vor Kyiw nimmt der Verkehr zu. Trubel und Lärm bestimmen den Freitagnachmittag in der Hauptstadt. Menschenmassen drängeln wie gewohnt. Ich bin ein wenig enttäuscht. Alles so normal. Als wäre nichts geschehen. Kann man nach alldem ruhig weiterleben, lachen und freundlich sein? Heute liegen noch 180 Kilometer bis zu meinem Ziel Cherkassy vor mir. Aber ich werde später noch ein paar Tage Kyiw besuchen.

Im Bus sitzen nun vor allem Studenten, die zum Wochenende entspannt nach Hause fahren. Die meisten sind mit Smartphones beschäftigt. Wir passieren Dörfer. Bauern bieten Obst, Gemüse, Honig und Sonnenblumenöl an. Es gibt keine Kolchose mehr. Die Bauern bekamen ihr Land zurück, was ihnen während der Kollektivierung weggenommen wurde. Das Problem indes: Nur wenige konnten eine eigene Wirtschaft aufbauen. Viele verpachteten ihr Land an neue Großbauern.

Es ist stockdunkel, als der Bus in Cherkassy ankommt. Ich nehme ein Taxi. Meine Schwester wohnt am Rande der Stadt. 45 Hrywna - zweieinhalb Euro - zeigt das Taxometer. Ich gebe 50: »Stimmt so.« Der Taxifahrer lehnt das Trinkgeld ab. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Am nächsten Tag fahre ich zum Basar in die Stadt. Der Basar ist reich an frischem Gemüse, Obst und Fleisch. Teuer sind Fleisch, Speck und Wurst. Umgerechnet drei bis vier Euro das Kilo. Traumhafte Preise für diese Qualität. Nicht aber für die meisten Einheimischen. Das Existenzminimum in der Ukraine liegt etwa bei 1500 Hrywna. Trotzdem hungert kaum einer. Fast alle Familien in den Städten haben Verwandte in Dörfern. Die Schwarzerde beschenkt den Fleißigen reichlich. Und die Ukrainer haben eine heilige Beziehung zum Boden. Jeder Quadratmeter wird liebevoll bepflanzt und gepflegt. Nicht umsonst ist das Land inzwischen zum drittgrößten Weizenproduzenten und Exporteur von Getreide in der Welt geworden - nach den USA und der EU. Das spürt der Käufer auch in den Supermärkten. Fast alle Lebensmittel kommen aus einheimischer Produktion.

Auf dem Zentralen Platz vor der Stadtverwaltung liegt eine Gedenkstätte für die im Donbass gefallenen Kämpfer. Ein hoher Preis für die Selbstbestimmung. Der Krieg scheint hier weit entfernt. Abends indes dringt er über den Bildschirm in die Wohnzimmer. Auch über die Reformen wird berichtet, über korrupte Staatsdiener, Rechtsanwälte, Politiker. Das findet den Beifall der Menschen. Aber die Reformen lassen sich Zeit. Ungeduldige verlangen harte Strafen, kurze Prozesse, sogar die Todesstrafe. Was würde dann aber mit der Demokratie, für die sie auf die Straße gingen? Und die Oligarchen spielen ihre eigenen Spiele. Auch Präsident Poroschenko laviert, trennt sich nicht von seinem Kapital.

Die Menschen auf der Straße quälen andere Sorgen. Im Mai verteuerte sich das Gas schon wieder. Diese Maßnahmen gehören zum von der EU geforderten Reformpaket. Für einkommensschwache Familien gibt es zwar Subventionen, viele verunsichert und ärgert dies trotzdem. Manch Illusion schmilzt in der Realität dahin. Der Weg zu den Reformen wäre wohl leichter, wenn der in Westeuropa schon fast vergessene Krieg im Osten nicht wäre. Andererseits wird das von der Regierung gern vorgeschoben, um den geringen Fortschritt zu entschuldigen.

Holprig sind auch die siebzig Kilometer auf der Landstraße nach Schpola. In diesem Städtchen habe ich einst gearbeitet. Zu Sowjetzeiten freute man sich dort, dass Lenin in seinem Artikel »Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland« Schpola als billigen Arbeitsmarkt erwähnte. Hier ist der geografische Mittelpunkt der Ukraine. Aber auch eine Art geistiges Zentrum ist diese Gegend. Der ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko wurde in der Nachbarschaft geboren.

Wirtschaftlich bestimmte seit 1851 die Zuckerfabrik die Stadt. Die fette Schwarzerde in dieser Region bietet den Rüben besten Nährboden. Ein anderer wichtiger und langjähriger Arbeitgeber in Schpola war das Werk für Ersatzteile. Dort wurden aber keine Teile für Mähdrescher produziert, sondern Waffentechnik. Nachdem im Juli 2014 bei Donezk ein malaiisches Passagierflugzeug von einer BUK-Rakete abgeschossen wurde, fanden Aktivisten heraus, dass dieses unscheinbare Werk eine Filiale und Zulieferer des Moskauer Rüstungskonzerns »Metrowagonmasch« für die Produktion dieses Flugzeugabwehrsystems war. Noch nach dem Abschuss wurden diese Teile weiter geliefert. Nach heftigen Diskussionen und Veröffentlichungen in den ukrainischen Medien und der hiesigen Lokalzeitung »Schpoljanski Wisti« wurde die Produktion eingestellt und das Werk in ukrainisches Staatseigentum überführt.

Die Redaktion der »Schpoljanski Wisti« war übrigens meine erste Station als Journalistin. Nun, nach Jahren, besuche ich meinen alten Arbeitsplatz. Kein bekanntes Gesicht finde ich in den kleinen, schummrigen Redaktionsräumen. Nur die Schreibtische sind tatsächlich noch dieselben, auch der, an dem ich früher saß. Das nennt man wohl Déjà-vu. Die neuen Kollegen fragen mich aus. Wie ich und die Deutschen auf die Ukraine schauen und und und. Als ich mich verabschiede, drücken sie mir einen Packen Zeitungen in die Hand.

In der Stadt kennt mich niemand mehr, und so fühle ich mich völlig frei. Ich will meine schwer erkrankte Cousine besuchen. Sie war viele Monate im Krankenhaus. In der Ukraine kann so etwas den Bankrott bedeuten. Es gibt keine Krankenpflichtversicherung. Der Aufenthalt im Krankenhaus ist kostenlos, doch alle Medikamente muss man selbst bezahlen. Das kann sehr teuer werden. Aber ihre Schwestern halfen. Bloß ihr Bruder, der lange schon in Russland lebt, weigerte sich. »Ihr, Ukrainer, kreuzigt kleine Kinder und erhängt sie an Bäumen«, schockte er seine Schwester. Durch viele Familien geht heute so ein Riss. Gekämpft wird im Osten, das Leid herrscht im ganzen Land. Die Gefahr indes schloss die Menschen zusammen, erzeugte eine ungeahnte Solidarität, Hilfsbereitschaft und Stärke. Wohl zum ersten Mal entdecken die Ukrainer ihre Identität. Auch ich spüre dieses Gefühl. Es lag wohl tief in jeder Seele, wartete und reifte.

Wieder in der Hauptstadt fallen mir nur wenige Touristen auf. Auf dem Chreschtschatyk, Kyiws Prachtboulevard, sitzen junge Mütter mit ihren Kindern auf Bänken. Der Unabhängigkeitsplatz, der Majdan, ist still. Ungewöhnlich. Die Instytutska-Straße, wo die blutigen Majdan-Kämpfe stattfanden, ist jetzt eine Gedenkstätte für die im Februar 2014 von - noch immer nicht bestraften - Scharfschützen erschossene »Himmlische Hundertschaft«. Tatsächlich fielen mehr als hundert - Tage und Monate später. Von zahlreichen Fotos schauen mich Gesichter an: junge und ältere, Männer, aber auch Frauen sind dabei. Arbeiter, Lehrer, Journalisten, Kraftfahrer, Studenten, Juristen, Theaterleute, eine Ärztin, eine Rentnerin. 18, 35, 52, 70 Jahre alt. Auch das Bild des Abgeordneten Wolodymyr Rybak aus dem Donbass entdecke ich. Rybak hatte gegen das Hissen einer Fahne der separatistischen Volksrepublik Donezk auf der Stadtverwaltung von Gorlowka protestiert und war Tage später mit aufgeschlitztem Bauch in einem Fluss gefunden worden. Manche Leute legen Blumen nieder, andere stehen stumm vor einem Bild mit Tränen in den Augen. Das alles sollen Faschisten sein, wie es viele Menschen nicht nur in Russland glauben? Ich spüre einen Kloß im Hals.

Ich gehe weiter durch meine Lieblingsstraßen, vorbei an meiner Almamater hoch zum Sophienplatz mit seiner Kathedrale. Wie schön ist Kyiw geworden: restauriert, gepflegt, besonnen, selbstbewusst. Ich betrachte die Menschen, suche in ihnen etwas Besonderes, Rebellisches. Doch alle sind so alltäglich, normal. Noch ein paar Feierabendeinkäufe, telefonieren, auf den Bus warten. Mir fällt auf: Die meisten von ihnen sprechen ukrainisch. Das war nicht immer so. Kyiw ist ihre Stadt, die Ukraine ist ihr Land. Sie wollen in diesem Land leben, wie sie es für richtig halten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Einst war auch ich hier zu Hause, inzwischen bin ich nur eine Besucherin - eine von Millionen, die kommen und gehen.

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