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Tiger vor dem Comeback?

Zum ersten Mal seit 100 Jahren nimmt die Zahl der Großkatzen wieder zu, sagt der WWF. Einige Wissenschaftler zweifeln an der Zählmethode. Von Michael Lenz

Streiften im Jahr 2010 nur noch rund 3200 Tiger durch die Wälder Indiens, Südostasiens und Russlands, sind es nach aktuellsten Daten der Umweltorganisation WWF heute schon wieder 3890. Das 2010 in Sankt Petersburg geschlossene Abkommen zum Schutz der wild lebenden gestreiften Großkatzen zeige Wirkung, jubelte die Organisation anlässlich einer Konferenz der Tigerstaaten in Neu Delhi. Um dann so nebenbei einzuräumen, das kurz Tx2 genannte Ziel, bis 2022 die Zahl der Exemplare zu verdoppeln, sei noch in weiter Ferne.

Eine Gruppe von Forschern reagierte mit deutlicher Kritik auf den WWF-Bericht. Der sei »wissenschaftlich nicht überzeugend«, heißt es in der »Besorgten Stellungnahme« renommierter Tigerbiologen der Asia-Wildlife Conservation Society, des Tigerprogramms von Panthera und der Fakultät für Zoologie der Universität Oxford.

Die Wissenschaftler werfen dem WWF vor, für seine »Wohlfühlnachricht« den Tigerzensus auf der Basis »fehlerhafter Erfassungsmethoden« sowie »schwacher oder unvollständiger Daten« erhoben zu haben. »Sporadische Zunahmen von Tigern sollten durch statistisch robuste Methoden wie Kamerafallen oder DNA-Proben überprüft werden. Präzise wissenschaftliche Studien in Indien, Thailand und Russland zeigen, dass das möglich ist«, schreiben die Experten und fügen warnend hinzu: »Diese Studien zeigen aber auch, dass die Zahl der Tiger sehr langsam zunimmt und wahrscheinlich nicht den Level erreicht, der für eine Verdoppelung der Tigerzahl in freier Natur innerhalb einer Dekade notwendig wäre.«

Es sei daher unzulässig, Erfolge bei »Source«-Populationen in Indien sowie in »bestimmten Reservaten in Südostasien und Russland« zu verallgemeinern. Unter »Source«-Populationen werden solche mit einer positiven Wachstumsrate verstanden. Das Gegenstück nennen Wissenschaftler »Sink«.

Laut den WWF-Kritikern finden sich diese Source-Tigerpopulationen in weniger als 10 Prozent der bekannten Lebensräume, die auf insgesamt 1,2 Millionen Quadratkilometer - nur noch sieben Prozent des ursprünglichen Lebensraums der Panthera tigris - zusammengeschrumpft sind. In diesen Habitaten leben 70 Prozent der Tiere. »Außerhalb dieser ›Source‹-Räume finden sich riesige ›Sink-Landschaften‹, in denen durch Jagd wie auch durch den Druck von Landerschließungen Tiger und ihre Lebensräume verloren gehen.« In Kambodscha soll es nach jüngsten Erkenntnissen schon keinen einzigen Tiger mehr geben.

Eine Gruppe von US-Forschern untersuchte den Baumbestand in 76 Tigerschutzgebieten weltweit. Ein Resultat der im Fachblatt »Science Advances« (DOI: 10.1126/ sciadv.1501675) veröffentlichten Studie: Durch Abholzungen ist seit 2001 der Lebensraum für 400 Tiger und ihre Beutetiere verloren gegangen.

Die Studie zeigte aber auch, dass durch sorgfältiges Management der Gebiete der Trend zum Schwund der einzelgängerischen Raubtiere gestoppt und gar in sein Gegenteil verkehrt werden kann. Als Beispiel für erfolgreichen Tigerschutz führen die Wissenschaftler das »Terai-Arc-Landscape«-Projekt von Indien und Nepal an.

Die frohe Botschaft: Es gibt noch genug Land, um das Tx2-Ziel zu erreichen. Vorrausetzungen seien, so die Experten, präzise wissenschaftliche Daten, entschiedene Schutzmaßnahmen und ein entschiedener politischer Wille. Letztere Bedingung aber führt direkt zur schlechten Nachricht: Jährlich werden weltweit 750 Milliarden Dollar für Infrastrukturprojekte ausgegeben, darunter ein Highway mitten durch das »Terai-Arc-Landscape«-Projekt. Im Zweifel bleibt der Tiger auf der Strecke.

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