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Das Jesiden-Camp von Diyarbakir

Sie flohen vor dem IS-Terror und fanden Zuflucht bei den Kurden. Eine Reise in den Südosten der Türkei

Rund 1500 Jesiden leben nahe der Kurdenmetropole Diyarbakir in einem Flüchtlingscamp. Ohne Freiwillige und lokale Behörden gäbe es diese Zuflucht nicht - der türkische Staat erkennt das Camp nicht an.

»Von allen Camps, in denen ich gewesen bin, ist dieses hier das beste.« Azad Xanî sitzt bei einem Tee in seinem improvisierten, aber komfortablen Zelt. »Man kann sich hier gut einrichten«, erzählt der Jeside. Der erste Winter sei hart gewesen, aber man habe gelernt, die Böden besser befestigt und jetzt bleibe die bescheidene Unterkunft auch bei Regen oder Schmelzwasser trocken.

Azad Xanî lebt in einem Flüchtlingslager in der Türkei. Allerdings in einem Lager, das nicht vom türkischen Staat betrieben wird, sondern von der links regierten Stadtverwaltung der Kurdenmetropole Diyarbakir. Azad Xanî und seine Familie leben zusammen mit anderen Jesiden, derzeit noch etwa 1500, etwa 20 Minuten von der Stadt im Südosten der Türkei entfernt.

Als der sogenannte Islamische Staat im Sommer 2014 im Irak immer weiter vorgedrungen war, wurden zehntausende Jesiden in die Flucht gezwungen. Erst in die Berge des Shengal-Gebirges. Dort waren sie eingeschlossen, ein Genozid durch die dschihadistischen Milizen drohte. In einer extremen humanitären Notlage mussten sie ausharren, bis Kämpfer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und der syrischen Volksverteidigungskräfte (YPG) einen Korridor freikämpften, durch den sie abziehen konnten.

Viele tausend der aus dem Shengal Geflüchteten kamen über Umwege in Diyarbakir an. Dort funktionierte die Stadtverwaltung ein ehemaliges Ausflugsgebiet zu einem Flüchtlingscamp um. Über 5000 Flüchtlinge zogen zunächst in das Camp ein.

Im Camp wohnt auch Rayan Haji. Der 14-Jährige ist mit seiner Familie schon in vielen Lagern gewesen, bevor er hierher kam. Vier Sprachen spricht er fließend: Englisch, Arabisch, Kurmanji und Indisch; etwas Türkisch kann er auch schon. »Dabei habe ich nie ein Wörterbuch in der Hand gehabt«, sagt Rayan Haji stolz. Später will er Dolmetscher werden. »Dafür will ich mit meiner Familie nach Europa, dort in die Schule gehen und dann zur Universität.«

Der Wunsch, in die EU auszureisen, ist bei vielen hier vorhanden. Dass heute nur noch etwa 1500 Jesidinnen und Jesiden im Shengal-Camp sind, liegt nicht an den Gastgebern. Ironischerweise stellt sich die Situation hier exakt umgekehrt dar als in Europa. Die kurdische Befreiungsbewegung sieht die Jesiden als Kurden und möchte, dass sie bleiben. »Was wir essen, sollen auch unsere Brüder und Schwestern hier essen können«, erzählt Ali, ein älterer Aktivist, der extra aus Deutschland nach Kurdistan zurückgekehrt ist, um im Camp zu helfen.

Ali ist selber Jeside, hat Verwandte im Camp und scheint auch alle anderen zu kennen. Er und andere Freiwillige bemühen sich, im Lager eine lebenswerte Situation zu schaffen. Es gibt Sportmöglichkeiten, die Grundversorgung ist gewährleistet, martialische Sicherheitskräfte wie in Deutschland gibt es nicht.

Dennoch mangelt es an einigem: Das größte Problem ist die medizinische Versorgung. Im Camp gibt es zwar eine Apotheke und mehrere sporadische Behandlungszimmer. Für schwerere Erkrankungen, die eine Behandlung im Krankenhaus notwendig machen, sind sie komplett auf die Hilfe solidarischer Ärzte angewiesen. Der Grund dafür ist der Status des Camps: Der türkische Staat erkennt es nicht an. Die Bewohner haben also keinen legalen Status in der Türkei und bekommen somit auch keine Krankenversorgung. Auch Nahrungsmittel, Kleidung und andere humanitäre Güter gibt es keine von der Regierung. Alles, was es im Camp gibt, wurde von der Bevölkerung gespendet.

Obwohl sich die kurdischen Aktivistinnen und Aktivisten, unterstützt von der Stadtverwaltung, redlich bemühen: Das Ziel für die meisten ist Europa. Die Jesiden, zutiefst verängstigt durch das Erfahrene, möchten mehrheitlich aus der Region weg. Sie wissen um die Gefahren des Weges und sie wissen auch, wie es in Europa um Flüchtlinge steht - dennoch wollen sie nicht bleiben. Zu groß ist die Angst vor neuen Massakern. Diejenigen, die bleiben wollen, hoffen auf die kurdische Befreiungsbewegung und darauf, dass diese irgendwann Shengal endgültig befriedet. Dann wollen sie zurück, ihre Heimat wieder aufbauen.

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