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Erlangen, Erdogan und der Erfolg der Mangas

Bei Deutschlands größtem Comic-Festival geht es dieses Wochenende auch um die Selbstbehauptung von Satire

  • Von Ralf Hutter, Erlangen
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein vielfältiges Ausstellungsprogramm macht das mittelfränkische Erlangen für vier Tage zu einem einzigartigen Comic-Museum. Im Zentrum stehen in diesem Jahr Comics aus anderen Kulturen.

Es ist nicht so, dass das mittelfränkische Erlangen mit seinen gut 100 000 Einwohnern provinziell wäre. Und es ist auch nicht so, dass der alle zwei Jahre in Erlangen stattfindende Comic-Salon, die wichtigste Veranstaltung für die grafische Literatur im deutschsprachigen Raum, politischen und ausländischen Themen gegenüber nicht aufgeschlossen wäre - ganz im Gegenteil.

Aber an diesem Wochenende hat es die Universitätsstadt in einem allgemeineren Sinn als bisher verdient, europaweit beachtet zu werden. Vielerorts werden die Fanatiker mächtiger, schamloser, brutaler, und das im europäischen Maßstab eher kleine Erlangen setzt ihnen etwas entgegen. In diesem Jahr enthält das Programm des Erlanger Comic-Salons eine Brisanz, wie sie ein Literaturfestival heutzutage kaum stärker bieten kann.

So ist eine der größeren der fast 30 Ausstellungen, die in diversen Erlanger Institutionen gezeigt werden, den türkischen Satiremagazinen gewidmet. Über ihre Lage unter dem bekanntermaßen satirefeindlichen Staatspräsidenten Recip Tayyip Erdogan und über türkische Comics allgemein werden ein halbes Dutzend Protagonisten auf Podien sprechen. Womöglich wird in der Türkei bald nach dem Namen »Böhmermann« auch der Erlangens bekannt.

Während den türkischen Karikaturisten bei ihrer Heimreise nach dem Festival nur mit mulmigem Gefühl alles Gute gewünscht werden kann, ist im französischen Fall die Katastrophe schon Realität geworden. Ein Vortrag und zwei Dokumentarfilme (von 2008 und 2015) widmen sich der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, deren Redaktion im Januar 2015 fast komplett ermordet wurde. Der zufällig überlebende Redakteur und Zeichner Luz wird für seine Reaktion auf den Anschlag, das nur vier Monate danach erschienene Buch »Katharsis«, einen Sonderpreis erhalten. Nach Erlangen wird er allerdings nicht selbst kommen.

»Was darf Satire?« ist das Thema einer weiteren Podiumsdiskussion, und die evangelische Kirche steuert eine Ausstellung und zwei Diskussionsveranstaltungen zum Verhältnis von Religion und Karikatur bei. In Erlangen wird also ein für jegliche Literatur fundamentales Thema ausführlich behandelt: die Meinungsfreiheit.

Verheerende gesellschaftliche Großkonflikte werden auch in einer weiteren Ausstellung sowie den damit verbundenen Podien behandelt. Zusammen mit dem Goethe-Insitut in Neu-Delhi ist Indien zu einem Schwerpunkt gemacht worden. Ein halbes Dutzend Zeichnerinnen von dort wird vor allem über Geschlechterverhältnisse und die indische Comic-Szene sprechen. Vielleicht ein Drittel aller frei veröffentlichten indischen Comics - also nicht in Zeitungen publizierte Arbeiten - behandle politische Themen, in letzter Zeit zunehmend »Frauenthemen«, sagten zwei der beteiligten Zeichnerinnen im »nd«-Gespräch. Soziales Engagement zeigt der Comic-Salon auch mit zwei Veranstaltungen zur aktuellen Massenflucht nach Europa.

Bei einem ganzen Dutzend von Terminen wird über das immer sichtbarere Segment der Online-Comics gesprochen, was sich übrigens auch in den Nominierungen für die Erlanger Festivalpreise widerspiegelt Mehrere Vorträge behandeln den Erfolg, den die aus Japan stammenden Mangas in den letzten 25 Jahren in Deutschland hatten. Und auch eine Zeitreise zum Anfang eines Klassikers gibt es wieder: Eine große Ausstellung mit seltenen Originalzeichnungen widmet sich dem einst in Belgien geschaffenen Westernhelden Lucky Luke - zu dessen 70. Geburtstag. Interessant an dieser Comic-Reihe sind nicht nur die berühmten historischen Personen, die der Zeichner Morris immer wieder einbaute. Witzig gerade für Erwachsene ist die permanente Parodie von Western-Klischees.

Ausgebaut hat der Comic-Salon sein Kinderprogramm. Zwölf Lesungen sowie diverse Zeichenkurse und eine interaktive Ausstellung sollen die Jüngsten locken. Am Sonntag wird das auf jeden Fall erschwinglich sein, da kostet die Kinderkarte nur einen statt sechs Euro. Die vielen Kindercomic-Lesungen kosten keinen Eintritt, sie finden in einer externen Ausstellung statt. Ab 14 Jahren sind neun Euro pro Tag für den Eintritt zu zahlen.

Veranstaltungsorte sind hauptsächlich das Erlanger Kongresszentrum Heinrich-Lades-Halle und das damit verbundene Rathaus, Rathausplatz 1. Informationen und Veranstaltungsplan im Netz unter: www.comic-salon.de

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