Werbung

Murmel, seufz!

Max Goldt liest in Neukölln

Zugegeben, das Verfahren hört sich skurril an: ein Comic in die Gattung des Kurzdramoletts übertragen, etwas Gezeichnetes also ins Medium des geschriebenen Wortes. Doch bei Max Goldt, der dieses künstlerische Verfahren in seinem neuen Buch anwendet, muss man sich ja keine Gedanken darüber machen, ob das gelingen kann, denn er hat ja das Privileg, zu jenen Künstlern gezählt zu werden, die noch nie etwas Schlechtes produziert haben. »Räusper« heißt das Buch und lässt dergestalt bereits im Titel anklingen, was Sache ist. Wenngleich das Räuspern auch, wie der Autor im Vorwort erläutert, »ein aus logopädischer Sicht stimmhygienisch bedenklicher Vorgang ist, dem man u.a. mit Joga-Übungen vorbeugen sollte«.

In »Räusper« sind viele Kurzdramen versammelt, die auf Comic-Strips beruhen, die Goldt in den letzten Jahren gemeinsam mit dem Zeichner Stephan Katz produziert hat. Das liest sich dann - beispielsweise in dem im Supermarkt spielenden Kurzdrama »Der Dreckskerl, der Pißfritz, die durchgeknallte Alte und die Jungs vom Streudienst« - wie folgt:

Der Mann: Nicht den Käse nehmen! Da hat wieder einer draufgepisst.

Die Frau: Wieder? Passiert das öfter?

Der Mann: Passiert eigentlich erstaunlich selten. Dabei wäre das doch eine tolle Art, Kapitalismuskritik zu äußern. Aber auf so was kommen unsere hiesigen Anarchoschlafmützen nicht.

Der Gestalter und Schriftsetzer Martin Z. Schröder, der auch für das minimalistisch-elegante Umschlagdesign von einigen von Goldts Büchern verantwortlich ist, hat speziell für dieses Buch sogar eine ganz neue Letter entworfen, um damit dem Leser jene Passagen anzuzeigen, die in den Comic-Vorlagen in den sogenannten Denkblasen zu finden waren.

Deutsche Großschriftsteller sind gegenwärtig dünn gesät. Und wie lange Handke und Walser uns noch mit ihren Buchstabenkonvoluten versorgen, steht in den Sternen. Also: Besser mal heute Max Goldt zuhören, solange es ihn noch gibt.

Max Goldt liest, 27.5., 20 Uhr, Heimathafenhafen Neukölln

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung