Werbung

Gott, Gauck und die Genderfrage

Der Katholikentag bietet politischen Auseinandersetzungen Platz und ist so bunt und vielfältig wie nie

  • Von Max Zeising, Leipzig
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Neben der Auseinandersetzung zwischen dem Katholikentag und der Alternative für Deutschland hatte das Christentreffen in Leipzig noch mehr zu bieten.

Kaum ein Viertel der Plätze in der Arena Leipzig war am Donnerstagnachmittag besetzt - und das, obwohl hier gleich kein Geringerer als Bundespräsident Joachim Gauck sprechen sollte. Im Rahmen des diesjährigen Katholikentages hatte sich das deutsche Staatsoberhaupt angekündigt, um mit zwei Wissenschaftlern und der Direktorin der Berliner Caritas über die Frage zu diskutieren: »In welcher Gesellschaft wollen wir leben?« Eine bewusst allgemein gehaltene Fragestellung mit einem dazu passenden Diskutanten - denn wenn einer glaubt, sich über jeden tagespolitischen Kleinkrieg erheben und über den Dingen schweben zu können, dann Gauck.

Also saß der Präsident, der selbst evangelischer Pfarrer ist, ganz staatsmännisch in einem schwarzen Sessel vor grünem Hintergrund, auf dem das Motto der 100. Vollversammlung katholischer Gläubiger - »Seht, da ist der Mensch« - nicht zu überlesen war. Und sprach in gewohnter Seelenruhe und Standfestigkeit darüber, wie künftiges Zusammenleben gestaltet werden kann angesichts von globalen Problemen wie sozialer Ungerechtigkeit und der Bewältigung der Fluchtbewegung. »Es ist kein Sturm und auch kein Orkan, der die Gesellschaft momentan durchzieht«, versuchte Gauck, jeglicher Hysterie entgegenzuwirken, »es sind nur leichte Wellen.«

Die Katholiken wiederum freuten sich, Rat von höchster Stelle zu bekommen - von der politischen Elite des Landes. Das Publikum, augenscheinlich bestehend aus jüngeren und älteren Vertretern der weißen, gebildeten Mittelschicht, schien ganz angetan zu sein von den Aussagen des Staatschefs und applaudierte höflich. »Seht, da ist der Präsident« - so hätte das Motto des Katholikentages in diesem Moment auch lauten können.

Man sieht: Zwar ist der Katholikentag eine Basisbewegung und wird nicht von der Amtskirche organisiert - doch gänzlich fehlen durften die vielen hohen Herren und wenigen hohen Damen auch diesmal nicht. Papst Franziskus meldete sich zur Eröffnung am Mittwoch per Videobotschaft zu Wort. Auf den Podien diskutierten neben Joachim Gauck noch Bundesinnenminister Thomas de Maizière, Kanzleramtschef Peter Altmaier, Bundestagspräsident Norbert Lammert (alle CDU), Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (LINKE).

Heißt aber auch: Der Katholikentag bietet nicht nur religiösen, sondern auch politischen Auseinandersetzungen Platz. »Im Moment erleben wir in der größten Herausforderung unseres Landes Menschen, die wachsen, die nach einem Wertekanon agieren, der ihnen so bisher nicht bewusst war«, sagte Ramelow etwa über die Flüchtlingsdebatte. Nahles wiederum sprach sich für die Versteuerung von Reichtum aus. Und auch der Ausschluss von AfD-Politikern sorgt weiter für Wirbel - der Leipziger CDU-Fraktionsgeschäftsführer Ansbert Maciejewski warf dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken »fehlende Souveränität« vor.

Und: Das noch bis Sonntag andauernde Gläubigen-Treffen schafft es, nicht nur hochrangigen Politikern das Wort zu verleihen. Sondern auch einer Gruppe, die innerhalb der katholischen Kirche bisher unter extremen Diskriminierungen zu leiden hatte - den Homosexuellen. Die Initiative Kirche von unten, das Netzwerk katholischer Lesben und der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Homosexuelle und Kirche organisierten zusammen verschiedene Veranstaltungen, die zur Stärkung sexueller Vielfalt innerhalb der katholischen Kirche beitragen sollten - etwa »Wie leben Regenbogenfamilien?« und eine Diskussion zur Genderdebatte in der Kirche. Darüber hinaus betreiben sie als gemeinsamen Treffpunkt das »Zentrum Regenbogen«. Der Katholikentag ist so bunt und vielfältig wie nie zuvor.

Doch was hält LGBTI-Personen noch in der katholischen Kirche, die sexueller Vielfalt deutlich ablehnend gegenübersteht? »Wir sind halt christlich sozialisiert«, sagt Martin Gutfleisch vom »Zentrum Regenbogen« dem »nd« und klingt dabei gar nicht verbittert: »Die Kirche wird uns eben nicht los.« Jedoch übt Gutfleisch auch Kritik an der Institution. So hätte er sich gewünscht, dass Papst Franziskus, der im Bereich Wirtschafts- und Sozialethik gegenüber seinen Vorgängern ziemlich fortschrittlich argumentiert, sich auch in der Genderfrage »deutlicher positioniert« hätte.

Deutlich positioniert hat sich auf jeden Fall das Netzwerk »(K)Eine Million«, das ein Alternativprogramm zum Katholikentag organisierte. Am Freitag demonstrierte Die PARTEI in Connewitz, am Sonnabend lädt die Linksjugend in den »Garten der Lüste«, am Sonntag findet auf dem Augustusplatz eine Nudelmesse statt. Das Netzwerk hatte sich ursprünglich gegründet, um seine Kritik an der Finanzierung des Katholikentages durch Bund, Land und Stadt zum Ausdruck zu bringen. Ihm gehören die Politikerinnen Juliane Nagel (LINKE), Ute Elisabeth Gabelmann (Piratenpartei) sowie Organisationen wie der Lesben- und Schwulenverband Sachsen an.

Rosa - Dietz-Verlag

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen