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»Morgen sind wir drüben«

Trotz Hightech-Abschottung wagen Menschen von Marokko aus die Flucht nach Europa

  • Von Fanny Kniestedt, Tanger
  • Lesedauer: 7 Min.

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Nur wenige Kilometer Wasser und Zaun trennen afrikanische Flüchtlinge von europäischem Boden. Im Nordosten von Marokko begeben sie sich immer wieder auf die letzte Etappe zu Spaniens Exklaven.

Vom Hafen Tangers aus sieht man die Berge Andalusiens. Mehrmals täglich überquert der Katamaran für 37 Euro in einer halben Stunde die Meerenge von Gibraltar. Doch man muss nicht einmal den afrikanischen Kontinent verlassen, um nach Europa zu gelangen. Die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla sind Städte an der nordafrikanischen Küste.

An jener befindet sich auch Tanger im Nordosten Marokkos. Seit Jahrhunderten ist die Stadt durch ihre geografische Lage Zentrum von Handel und Austausch zwischen Afrika und Europa. Seit den 90er Jahren ist sie zudem Ziel vieler Migranten vor allem aus West- und Zentralafrika. Wenn es die Menschen bis in den Norden Marokkos geschafft haben, trennen sie »nur« noch 14 Kilometer Sund oder vier sechs Meter hohe Zäune von ihrem Ziel.

Seit 2005 schirmen Ceuta acht Kilometer, Melilla zwölf Kilometer lange Doppelstahlzäune, NATO-Stacheldraht auf der Oberkante, Wachtürme, Scheinwerfer, Bewegungsmelder, Stolperdrähte, Infrarotkameras, die Force Auxiliaries auf marokkanischer und die Guardia Civil auf spanischer Seite ab. Im Zuge der Nachbarschaftspolitik erhielt Marokko von der Europäischen Union zwischen 2007 und 2013 zwei Milliarden Euro, die mit diplomatischen Auflagen einhergingen. Dazu gehörte auch, illegale Migration zu unterbinden. Im April 2015 wurde beschlossen, noch einmal 244 Millionen Euro bis 2020 für Satellitensuchsysteme, Offshore-Sensoren und Drohnen auszugeben.

Zahlen darüber, wie viele Menschen es sind, gegen die »gekämpft« wird, schwanken je nach Quelle zwischen 25 000 und 40 000. Die Fluktuation der Kommenden und Gehenden lässt keine zuverlässigen Angaben zu. Zudem ist die Dokumentation durch die marokkanischen Behörden bei Razzien und Festnahmen intransparent und nicht selten geschönt. Für die spanische Seite lässt sich aber sagen: Im Jahr 2013 erreichten noch 2000 Menschen die Exklave Melilla. Vergangenes Jahr waren es nur noch 200. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International unternimmt ein Afrikaner durchschnittlich 60 Versuche, bis er es auf die andere Seite schafft.

Die fortschreitende Aufrüstung der Grenzen hat das Land am Rande Europas zu einem Ort der Gestrandeten gemacht. Seit der »Migrationskrise« gibt sich Marokko wieder redlich Mühe, sich der EU als »guten Partner im Kampf gegen illegale Migration« zu präsentieren. Razzien und Deportationen sind an der Tagesordnung. Legal eine Wohnung zu bekommen, ist quasi unmöglich. Geld verdienen die meisten als Tagelöhner oder Bettler. Die Stimmung unter Marokkanern gegenüber Migranten ist rassistisch aufgeladen. Beide Lager lehnen sich gegenseitig ab. Der Beschluss, Marokko als sicheres Herkunftsland einzustufen, ignoriert daher auch die Lebenssituation jener Menschen, an der die europäische Abschottungspolitik ihren Anteil trägt. Und so dreht sich auf den Straßen im Migrantenviertel Boukhalef in Tanger oder in den Waldcamps alles um die letzte Etappe. So wie bei Boumsang, Paul, Luis, Awa und Hussein*.

Wo hört »der Migrant« auf, wo fängt »der Schlepper« an?

Boumsang, 28, ist erst seit einem Monat in Tanger. Trotzdem haben er und seine vier Mitstreiter alles selbst organisiert. »Hier in Boukhalef gibt es eine eigene Informationsstruktur. Die Erfahrenen beraten die Unerfahrenen. Die Grenzen zwischen einem Freundschaftsdienst und einer Dienstleistung sind fließend. Denn jeder hat ja dasselbe Ziel.« Boumsang hatte sich entschieden, aus dem Norden Kameruns wegzugehen, weil er, so wie viele hier, seine Familie unterstützen möchte. Er will seinen Beitrag leisten. Die Umstände der Reise, sagt er, waren eine Herausforderung. Denn Boumsang ist ein recht zartbesaiteter Typ. Seine Schiebermütze verleiht ihm etwas von einem Künstler. Aber er wisse nun, dass er viel stärker sei, als er immer von sich dachte. Und so habe er zwar Respekt, aber keine Angst vor dem, was heute Nacht auf ihn zukommt. »Wenn das Wetter mitspielt, sind wir morgen drüben«, sagt er zuversichtlich.

»An den Zäunen herrscht Krieg«

Paul, 27, ist da abgeklärter. Während des Jahres, das er in Marokko lebt, hat er elf Fluchtversuche unternommen. »Das erste Mal habe ich es über den Zaun vor der Exklave Ceuta probiert. Aber das ist völliger Wahnsinn«, sagt der Senegalese, der äußerlich hervorragend in die Nachtclubs dieser Welt passt. »An den Zäunen herrscht Krieg. Das meine ich wortwörtlich.« Es werde immer nur von der Attacke im Februar 2014 gesprochen, bei der durch spanische Grenzsoldaten offiziell 15 Menschen starben. »Aber zu Weihnachten vergangenen Jahres sind mindestens sieben Leute gestorben. Es kommt regelmäßig vor. Das kriegt nur keiner mit, weil es auf marokkanischer Seite passiert. Erst kurz vor der Attacke sind zwei Ivorer in dem Waldcamp vom Militär ›ausgeräuchert‹ worden. Der Tod der Leute wird hingenommen. Jeder, der hier länger ist, kennt jemanden, der gestorben ist. Ob auf dem Wasser oder an den Zäunen«, sagt er nüchtern.

Die einzige Macht, die die Menschen haben, sind ihre Videos und Bilder. Doch damit es keine Beweise gibt, nehme das Militär ihnen die Handys weg. Deshalb habe er es die anderen zehn Male per Boot versucht. »Einmal habe ich während des Paddelns den Halt verloren und bin ins Wasser gefallen«, sagt Paul. Er weiß sehr genau, wie viel Glück er hatte, es wieder zurück geschafft zu haben. Seine Erlebnisse motivieren ihn, die Überfahrten mitzuorganisieren, seine Erfahrung verleiht ihm Ansehen. Mittlerweile kennt er viele Schmuggler, gibt ihnen Empfehlungen zur Belastbarkeit der Boote, verhandelt Preise und gibt Sicherheitsworkshops für die auch von ihm persönlich angeworbenen Passagiere. Im Gegenzug darf er kostenlos mitfahren.

Die Qualität der Boote wird getestet, heißt es von Luis

»Ohne die Kapitäne ist die Überfahrt nicht zu bewältigen. Das hier ist das Mittelmeer, kein Swimmingpool«, stellt der robuste Senegalese klar. Luis, 28, ist selbst Kapitän und nimmt diese Aufgabe sehr ernst. »Man muss Ahnung von der Strömung haben und Anweisungen geben, wer wann was zu tun hat. Leute aus Mali zum Beispiel, haben in ihrem Leben noch nie Wasser gesehen.« Da brauche es Menschen wie ihn mit Erfahrung. Außerdem muss er auf die Qualität des Bootes achten. Um zu testen, ob das Boot zur Überfahrt taugt, lässt er es aufgeblasen über Nacht mit Gewichten stehen und beobachtet jede Pore. »Manchmal kommt das Militär direkt zu uns und sagt, heute ist ein guter Tag. Aber nicht, weil sie uns durchlassen wollen. Sondern, weil sie uns vor dem Ablegen abfangen wollen, das Material und unsere Handys wegnehmen, um dann alles wieder zu verkaufen.« Ein Secondhand-Kreislauf auf Kosten der Sicherheit. »Wer denkt, dass wir Afrikaner faul wären, der hat noch nie konstant drei Stunden lang Wasser aus einem Schlauchboot um sein Leben geschöpft.«

Militärs helfen sogar beim Aufblasen des Bootes

Nach zwei Jahren hat Awa, 24, einen Job in einer Patisserie gefunden. Doch bleiben will auch sie nicht. Zumindest kann sie es sich nun leisten, die »All-inclusive-Variante« der Bootsflucht zu buchen. »Ein Platz in den 30-Mann-Booten mit Motor kostete letztes Jahr noch um die 300 Euro. Dafür wurden das Material und die Passagiere von Polizeikonvois höchstpersönlich bis zur Ablegestelle gebracht. Und die Militärs, die sonst die Wälder bewachen, helfen sogar beim Aufblasen des Bootes«, so die Senegalesin abfällig amüsiert.

Ein guter »Organisator« hat gute Kontakte zu den offiziellen Strukturen und kann damit viele Hürden umgehen. »Wenn sie Geld von uns bekommen, fahren uns die Polizisten und das Militär von der Stadt bis zum Strand. Wenn sie kein Geld von uns bekommen, greifen sie uns auf, schlagen nicht selten zu, beleidigen und deportieren uns, buchten uns ein und kriegen dafür Geld aus Europa.« Mittlerweile ist der Preis gestiegen. Denn die Grenzen sind dichter, das Angebot kleiner. Damit gibt es weniger Möglichkeiten - auch nach Reputation der Schmuggler oder Preis-Leistungs-Verhältnis zu wählen.

Pushbacks aus spanischen Hoheitsgewässern

»Ich habe überlegt, ob ich einfach die letzten Meter schwimme. Ich konnte schon die Autos sehen.« Aber dann hat es Hussein, 23, doch nicht getan. Er hatte keine Schwimmweste. Und wohl einfach zu viel Angst. Auch sein Boot wurde aufgegriffen und zurückgebracht - von der marokkanischen Küstenwache mitten im spanischen Hoheitsgewässer. Nach Genfer Konvention und somit internationalem Recht sind Zurückweisungen, »Pushbacks«, illegal. Im April 2015 hat die EU jedoch durch die neuen »Regeln der Überwachung der Seeaußengrenzen« diese faktisch legalisiert. Für den Ivorer stand Europa bis dato für Menschenrechte. »Ich dachte immer, es gehe darum, was du kannst. Nicht darum, woher du kommst«, sagt er enttäuscht. Hussein würde gern einmal Venedig mit eigenen Augen sehen und nicht nur auf seinem Smartphone. »Eine Stadt mitten im Wasser! Verrückt!« sagt er fasziniert und guckt neidisch auf meinen dunkelroten Pass. Der nächste Fluchtversuch ist bereits in Planung. Die Schwimmweste dafür hat Hussein bereits gekauft.

* Namen geändert

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