Von Rainer Balcerowiak

Nachtzugfreunde geben nicht auf

»Bahn für alle« stellt neues Konzept für Nachtlinien auf der Schiene vor

Die Deutsche Bahn will ihre Nachtzüge einstellen. Das Bündnis »Bahn für alle« hat dagegen ein Konzept entwickelt, wie dieses Angebot zukünftig sogar ausgeweitet werden könnte.

Falls das Management der Bahn sich nicht zur Umkehr bewegen lässt, ist zum Jahresende Schluss mit den Nachtzügen. Begründet wird der Schritt mit der mangelnden Rentabilität dieses Angebots. Doch es regt sich Widerstand. Die im Bündnis »Bahn für Alle« zusammengeschlossenen Fahrgast- und Umweltverbände, Bahngewerkschaften und Verkehrsexperten fordern einhellig, die Nachtlinien nicht nur zu erhalten, sondern deutlich auszubauen.

Am Dienstag stellte das Bündnis in Berlin das Konzept »LunaLiner« vor. Kernpunkt ist ein Nachtlinien-Verbundnetz, das alle wesentlichen deutschen und mitteleuropäischen Metropolen verbindet. In der ersten Ausbaustufe würden laut den Berechnungen der Autoren im Durchschnitt 10 000 bis 12 000 Fahrgäste das Angebot pro Nacht nutzen.

Der Verkehrswissenschaftler Winfried Wolf sieht durchaus Chancen für die Realisierung des Konzepts. Es gehe darum, gesellschaftlichen und politischen Druck aufzubauen, um die Bundesregierung als Eigentümer der Bahn zur Rücknahme der Schließung zu bewegen. Wolf erinnerte daran, dass das DB-Management in der jüngeren Vergangenheit bereits mehrere Entscheidungen aufgrund breiter Proteste revidieren musste, etwa die Abschaffung der Speisewagen in den ICE-Zügen und die Abschaffung der Bahncard 50.

Auch der Vorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Claus Weselsky, nannte der Pläne des Unternehmens »widersinnig«. Das Beispiel der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) zeige, dass ein attraktiver, gut ausgestatteter Nachtverkehr wichtiger Bestandteil eines bedarfsgerechten Angebots auf der Schiene sein könne. Das Bahnmanagement sei aber seit Jahren »vom Hochgeschwindigkeitswahn« erfasst, und habe die Schieneninfrastruktur und auch das rollende Material im Güter- und Fernverkehr zugunsten »zweifelhafter und teurer Leuchtturmprojekten« vernachlässigt. Nachtverkehr sei aus ökologischer, betrieblicher und verkehrspolitischer Sicht eine »zeitgemäße Alternative« zur immer stärkeren Verlagerung von Verkehr auf die Straße.

Für Joachim Holstein, Sprecher des Wirtschaftsausschusses der Bahn-Tochter DB European Railservice GmbH, sind die vermeintlichen Fahrgastrückgänge und Verluste der Nachtzuglinien lediglich »buchhalterische Taschenspielertricks«. So würden die Fahrgäste der abschnittsweise an die Nachtzüge angekoppelten IC-Linien nicht mitgezählt und der Ersatzbeschaffungsaufwand für die oftmals verschlissenen Nachtzüge in das Defizit eingerechnet. Auch habe die Bahn alles Erdenkliche getan, um Reisenden die Nachtlinien zu vermiesen, etwa durch eingeschränkte Reservierungsmöglichkeiten und die nächtliche Schließung der Bordbistros.

Unterstützung kommt auch aus Teilen der Politik. Michael Cramer, Grünen-Europa-Abgeordneter und Vorsitzender des Verkehrsausschusses des EU-Parlaments, betonte die große Bedeutung des Bahnverkehrs für die Erreichung der europäischen Klimaziele. Das gelte auch für die Nachtverbindungen, die zudem ein wichtiger Faktor für klimafreundlichen Tourismus seien. Es müsse, so Cramer, endlich »Schluss sein mit der Wettbewerbsverzerrung zu Lasten der Schiene«. Während 99 Prozent aller Straßen quasi gebührenfrei genutzt werden könnten, müssten für jeden Kilometer Schienentransport Trassenentgelte bezahlt werden.

Sabine Leidig, verkehrspolitische Sprecherin der Fraktion Die LINKE im Bundestag, sieht den Schienennachtverkehr als eine »gesellschaftliche und verkehrspolitische Frage«, die nicht rein betriebswirtschaftlich entschieden werden könne. Sie kündigte weitere Initiativen ihrer Fraktion in dieser Frage an und sieht dafür auch Unterstützung in anderen Parteien. Ein wenig hofft man auch auf laufende Verhandlungen mit der ÖBB. Die prüft laut Medienberichten die Übernahme eines Teils der DB-Nachtlinien.

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