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Training mit Roreas

In einer Thüringer Spezialklinik unterstützt der Roboter Patienten bei der Rehabilitation

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In Krankenhäusern und Pflegeheimen dominiert die Arbeit von Menschen für Menschen - auch wenn Roboter mit Kulleraugen demnächst Einzug halten könnten.

Vielleicht liegt es an seinen runden Kulleraugen, dass manche Patienten ihn mit »Du« angesprochen haben. Oder ihn gefragt haben: »Kommst Du mit?« Der Roboter, den seine Ilmenauer Entwickler auf den Namen »Roreas« getauft haben, scheint jedenfalls überhaupt nicht bedrohlich zu sein; nicht mal für die Beschäftigten in der Pflegebranche.

»Kommst Du mit?« konnten die Patienten Roreas fragen, weil der Roboter hinter ihnen hergefahren ist, als er zwischen April 2015 und März 2016 in der Fachklinik m&i in Bad Liebenstein getestet worden ist. Der Roboter ist ein Prototyp für Maschinen, die zum Beispiel Schlaganfallpatienten dabei helfen sollen, wieder Laufen zu lernen.

Das Konzept ist nach Angaben seiner Entwickler im Grunde ebenso einfach wie es technisch komplex ist: Roreas - unten ein Quader, oben ein Glaskugelkopf mit Augen und Sensoren - holt Schlaganfallpatienten auf ihren Zimmern ab und begleitet sie beim Gehen über die Gänge der Klinik. Diese kleinen Ausflüge sind Teil des Heilungsprozesses. Die Maschine misst dabei exakt die zurückgelegte Strecke und hilft den Betroffenen so, eine genaue Vorstellung davon zu bekommen, ob sie in einer Trainingseinheit besser oder schlechter waren als zuvor. Roreas erkennt dabei auch, ob sich ein Patient noch flüssig bewegt oder sich irgendwo setzt, weil er eine Pause braucht. Ist Letzteres der Fall, redet die Maschine - wie auch beim Beginn der Trainingseinheit - mit dem Patienten: Sie zeigt, ihm, was er schon geschafft hat, gibt ihm eine Vorstellung davon, was er vielleicht noch schaffen kann. Dann geht das Laufen weiter, bis die Übungseinheit beendet ist und Roreas sich verabschiedet.

Die Patienten in Bad Liebenstein, sagen Gustav Pfeiffer und Sibylle Meyer, hätten überaus positiv auf die Maschine reagiert. Pfeiffer ist ein leitender Arzt der Klinik, Meyer hat den Test des Roboters sozialwissenschaftlich begleitet. Meyer sagt, oft sei der Roboter als »ein ultramodernes Sportgerät« wahrgenommen worden. Manchmal, sagt Pfeiffer, aber eben auch als »Kumpel« - und zwar als einer, der eine langfristige Wirkung auf die Patienten gehabt habe. Durch das Training mit Roreas hätten Patienten Strategien entwickelt, um in den Krankenhausfluren Entfernungen exakt abschätzen zu können. So hätten sie bei Trainings ohne Maschine den Ärzten präziser als früher erklären können, welche Fortschritte sie beim Lauftraining gemacht hätten. »Wir haben auch für die Rehabilitation viel gelernt«, sagt Pfeiffer. Eine Patientin, erzählt er, habe mit dem Roboter sogar besser interagiert als mit Menschen. Die Frau habe nach einem Schlaganfall nicht mehr richtig sprechen können. Mit dem Roboter aber sei ihr - zur Überraschung der Ärzte - eine Kommunikation möglich gewesen, einfacher als mit ihren Angehörigen. Weil das, was der Roboter sagt, einfach und vorhersehbar ist.

Das Forschungsprojekt ist nach Angaben der Entwickler der Maschine deutschlandweit einzigartig - und wurde wohl auch deshalb in den vergangenen drei Jahren mit insgesamt etwa einer Million Euro vom Bundesforschungsministerium gefördert. Neben dem Ilmenauer Technologieunternehmen MetraLabs und der Technischen Hochschule Ilmenau sowie der Klinik in Bad Liebenstein beteiligte sich unter anderem auch die Barmer GEK als Krankenkasse daran. Die Gesamtkosten des Projekts - also Förderung plus die jeweiligen Eigenanteile der Projektpartner - beziffern die Beteiligten auf insgesamt etwa 1,5 Millionen Euro.

Aus Sicht der Kassen, sagt der Barmer-Landesgeschäftsführer Hermann Schmitt, biete der Einsatz von Robotern im Krankenhausbereich schon deshalb ein großes Potenzial, weil er helfen könne, Kosten zu senken - auch wenn eine solche Maschine nach Schätzung ihrer Entwickler erst mal mehrere zehntausend Euro pro Stück in der Anschaffung kosten wird. Denn ein Patient, der nach einem Schlaganfall wieder rasch laufen könne, sagt Schmitt, verursache in der weiteren Pflege geringere Kosten. Allerdings dürften nach seiner Ansicht bei dem Versuch, Schlaganfallpatienten wieder möglichst zügig auf die Beine zu bringen, Kostenfragen nicht das entscheidende Argument sein. Wenn es eine Technik gebe, die ihnen rasch den Weg zurück ins mobile Leben zeige, »dann spielt das Geld erst mal gar keine Rolle«. Nach den Daten der Barmer erleiden allein in Thüringen jedes Jahr etwa 10 000 Menschen einen Schlaganfall; bundesweit sind es etwa 250 000.

Dass Maschinen wie Roreas menschliche Pflegekräfte irgendwann einmal völlig ersetzen werden, das indes glaubt niemand der Projektbeteiligten. In naher Zukunft scheint das schon deshalb unmöglich, weil Roreas eben nur ein Prototyp ist und es nach Angaben des Geschäftsführer von MetraLabs, Andreas Bley, noch ein bis zwei Jahre Feintuning brauchen wird, ehe die Maschine marktreif ist. Und selbst wenn - wie Schmitt schätzt - Roboter in Krankenhäusern innerhalb der nächsten fünf Jahre eine deutende Rolle spielen sollten: Sie sollen den Mensch als Pflegekraft gar nicht ersetzen. Die Automatisierung der Arbeitswelt - deren Teil die Entwicklung von Roreas ist - solle Menschen Freiräume schaffen, um die wirklich wichtigen Aufgaben eines Berufs zu erledigen, sagen alle, die so etwas wie Mütter und Väter von Roreas sind.

Und genau das wünschen sich auch diejenigen, die Maschinen wie Roreas vielleicht einmal in ihrer Pflegeeinrichtung einsetzen werden. Der Direktor des Caritasverbandes für das Bistum Erfurt, Bruno Heller, sagt, schon aus ethischer Sicht müsse die Pflege von Menschen eine Angelegenheit von Mensch zu Mensch bleiben. Katholische Wohlfahrtsorganisation seien nicht technikfeindlich. Aber an den Grundproblemen der Pflege ändere der Einsatz von noch mehr Technik nichts: Es gebe zu wenig Pflegepersonal und zu viel Bürokratie. »Mit dem Abbau der Bürokratie wäre uns mehr geholfen als mit der Entwicklung von Robotern«, sagt Heller. Da müssten ihnen die Kassen auch mal entgegen kommen.

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