Von Ulrike von Leszczynski

Zentrum für Folteropfer braucht Hilfe

In der Moabiter Einrichtung gibt es aktuell viel zu wenige Therapieplätze für traumatisierte Flüchtlinge

Bundespräsident Joachim Gauck besuchte am Donnerstag das Behandlungszentrum für Folteropfer. Dort erwartete ihn Berührendes. Krieg, Flucht und Folter haben viele Flüchtlinge krank gemacht.

Das Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer kann weiterhin nur wenigen schwer traumatisierten Flüchtlingen Therapien anbieten. Die Anfragen an das Zentrum überstiegen die Kapazitäten um ein Vielfaches, sagte Sprecherin Doris Felbinger. »Unsere Arbeit ist wie ein Tropfen auf dem heißen Stein.« Am Donnerstag besuchte Bundespräsident Joachim Gauck das Zentrum.

Mehr als 60 000 Flüchtlinge leben inzwischen in der Hauptstadt. Im vergangenen Jahr nahm das Zentrum rund 500 traumatisierte Menschen in Therapieprogramme auf. Zumeist ging es um schwere psychische Leiden, die durch Kriegsgewalt, Verfolgung und Flucht ausgelöst wurden. Die meisten Patienten stammten aus Syrien, Afghanistan und Tschetschenien.

Krieg und Verfolgung können nach den Erfahrungen der Ärzte und Therapeuten des Zentrums tiefe seelische Verwundungen bei Flüchtlingen hinterlassen. Dazu kämen oft die riskante Flucht über das Mittelmeer und das ungewisse Warten an EU-Außengrenzen. Betroffene litten zum Beispiel unter massiven Schlafstörungen, ständigen Alpträumen und Angsterkrankungen. Folgen können Konzentrationsstörungen, Wutausbrüche, Suizidgedanken und Depressionen sein.

Die lange Unterbringung in Massenunterkünften und unsichere Zukunftsperspektiven könnten schwelende Traumata verstärken. »Am besten wäre es, neu eingereiste Menschen sofort aufzufangen«, sagte Felbinger. Sonst könnten Traumata chronisch werden und viel längere Behandlungen erfordern. Das Zentrum bietet Sozialarbeitern in Flüchtlingsunterkünften und Lehrern in Willkommensklassen inzwischen Schulungen an, um Anzeichen schwerer Traumata zu erkennen.

Bereits 2013 hat das Zentrum ein Akutprogramm für Flüchtlinge eingerichtet und inzwischen weiter ausgebaut. Darunter sind auch spezielle Angebote für Kinder und Jugendliche. Mehr als 150 Menschen begannen dort 2015 eine Therapie, im Vorjahr waren es 77. Bei 15 Anfragen könnten aber meist nur drei bis vier Menschen sofort therapeutische Hilfe bekommen, sagte Felbinger. »Unser Kriterium ist die Dringlichkeit.« Wartelisten könne das Zentrum gar nicht mehr anbieten.

Das Zentrum kümmert sich nicht allein um therapeutische Hilfe, es geht auch um Sozialarbeit, Sprachkurse und Ausbildung. Für traumatisierte Frauen gibt es ein Wohnprojekt. »Ein gebrochener Arm kann geheilt werden«, sagt eine Betroffene, die vor ihrer Flucht Folter erlitt. »Aber seelisch dauert das lebenslang.«

Das Zentrum wurde 1992 für traumatisierte Menschen aus dem Irakkrieg und dem Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien gegründet. Es ist heute Teil des Berliner Zentrums »Überleben«. Zu dem mehr als hundert Köpfe zählenden Team gehören neben Ärzten, Therapeuten und Sozialarbeiten auch Dolmetscher. Das Budget für 2015 lag bei 6,5 Millionen Euro, davon waren 40 Prozent öffentliche Zuschüsse, der Rest entfiel unter anderem auf Entgelte für ärztliche und therapeutische Leistungen und Spenden.

Zu den Patienten der Hilfseinrichtung gehörten bisher Menschen aus mehr als 50 Staaten, die nach Deutschland flohen. In mindestens 102 Ländern der Erde werden nach Einschätzung des Zentrums Menschen von staatlichen Stellen oder regionalen Machthabern misshandelt und gefoltert. Vor allem junge Mädchen und Frauen erleiden dabei oft auch sexualisierte Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen. dpa

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