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Der Aufsteiger aus Kasimpasa

Die Wertvorstellungen des türkischen Präsidenten sind andere, als wir sie für billigenswert halten

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Wann wurde in Europa zuletzt mehr über einen Staatschef geschimpft als jetzt über den türkischen? Den Kreml-Herrn hat Recep Tayyip Erdogan auf der Unbeliebtheitsskala (des Westens) inzwischen deutlich hinter sich gelassen. Erdogan - und das ist schon bemerkenswert - vereint wie kein zweiter amtierender Präsident auch in Deutschland alle relevanten Parteien, von LINKE bis AfD, in der Ablehnung seiner Person.

Distanz gegenüber dem türkischen Protagonisten braucht die Autorin einer Erdogan-Biografie für deutsches Publikum also nicht aufzubauen. Aber vielleicht Interesse. Ist wirklich noch nicht alles Wissenswerte über »ihn« gesagt? Cigdem Akyol hat nicht in Istanbul wie Erdogan, sondern in Köln und Moskau(!) studiert, ist also schon durch ihre Universitäten anders sozialisiert. Zudem gehört sie einer anderen Generation an. Sie ist geboren in jenem Jahr, in dem Erdogan Emine Gülbaran ehelichte, mit der er sich so gern - und sie dann stets mit Kopftuch - fotografieren lässt.

Die Autorin versucht, Erdogans Lebensstationen so zu skizzieren, dass nachvollziehbar wird, wie er wurde, was er ist. Das ist kurzweilige Lektüre für historisch-politisch interessierte Menschen. Was Akyol nicht ausdrücklich feststellt, weil sie es vielleicht voraussetzt, was aber vielleicht doch nicht zum Allgemeinverständnis gehört: Für einen Türken mit großosmanischen Ambitionen wie Erdogan kann es kaum Ehrenvolleres geben als diese geballte Form von Ablehnung aus dem von ihm verachteten Teil Europas. Das sollte die deutsche Leserschaft, vor allem die Leserinnen, bei der Lektüre immer im Hinterkopf haben. Diesen Mann schert es nicht, ein Polarisierer zu sein. Seine Vorstellungen von politischem Erfolg und persönlichem Ruhm folgen gänzlich anderen Gesetzen, als sie hierzulande für zulässig erklärt werden.

Zum Beispiel dies: Akyol sagt Erdogan Ambitionen nach, die herrschaftliche Pracht der vor 100 Jahren untergegangenen Hohen Pforte restaurieren zu wollen. Für uns Unerhörtes. Doch was nordwestlich von Anatolien als verpönt gelten mag, muss es dort keineswegs sein. Erdogan bestreitet gar nicht seine osmanische Nostalgie. Er weiß sie im Gegenteil so darzustellen, dass ihm gerade jene zujubeln, die eigentlich Ursache haben sollten, ihm zu misstrauen: die unteren Schichten.

Das sind nicht zufällig jene, denen Erdogan selbst entstammt. Schon sie allein machen ihn in der Türkei mehrheitsfähig. 1954 im Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa als Sohn eines Matrosen weiß Gott nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, biss er sich Schritt für Schritt nach oben. Die Autorin bemerkt dazu in einer Mischung aus Respekt und Vorwurf, Erdogan gefalle sich in der Rolle des Aufsteigers, »die so viele Identifikationspunkte für sein Wahlvolk mitbringt. Er hat es den arroganten kemalistischen Eliten gezeigt und gibt den ›schwarzen Türken‹ ihre Würde zurück.«

Mögen die politischen Konkurrenten die Nase rümpfen über das verkommene Viertel, aus dem Erdogan aufstieg - er macht im Wahlkampf sogar einen Bonus daraus: »Ein Kasimpasali hält sein Versprechen.« Ob die Leute aus Kasimpasa das selbst auch so sehen? Egal, Erdogan schmeichelt ihnen, und dafür geben sie dankbar ihre Stimme.

Wegen seiner Klage gegen eine Fernsehsendung gilt Erdogan hierzulande als intolerant, kleingeistig, rachsüchtig und was sonst noch alles. Zurecht, aber nicht aus einer Laune heraus oder gar Charakterschwäche, sondern wohl aus Kalkül. Wenn der Kleinsatiriker Böhmermann dem gegen ihn angestrengten Verfahren hier gelassen entgegensehen kann - Hunderte in der Türkei, die eine ähnliche Klage wegen Beleidigung des Präsidenten ereilte, haben durchaus Schlimmes zu gewärtigen.

Angesichts dessen glaubt man kaum, dass dieser Erdogan sich früher - immerhin auch schon Oberhaupt von Istanbul - einmal humorvoll und unprätentiös zeigte. Als eine Zeitung ihn einen Taugenichts nannte, konterte der so Geschmähte: »Wer kein Taugenichts ist, kann diesen Job (des Bürgermeisters - R. E.) gar nicht machen. Untergehen und wieder hoch kommen, das ist es, was ein Taugenichts kann.«

Auch noch 2014, nun schon Staatspräsident, war Erdogan um schlagfertige Antworten selten verlegen. Als das Gerücht ging, der im Bau befindliche, umgerechnet fast eine halbe Milliarde Euro teure Präsidentenpalast Ak-Saray in Ankara habe 1000 Zimmer, konterte Erdogan: »Lassen Sie mich das umgehend dementieren. Der Palast beherbergt mindestens 1150 Zimmer, nicht nur 1000.«

Doch Erdogan will bekanntlich weit mehr als »nur« die Macht in der Türkei. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er mehr in den Grenzen des einstigen Reiches denkt als in denen der heutigen Republik. Unter ihm hat die Türkei als erster Nachbarstaat Syriens den Sturz des dortigen Präsidenten zum staatspolitischen Ziel erklärt. Und Erdogan hat 2011 mit seinem triumphalen Besuch in Kairo deutlich gemacht, wie er sich mit Hilfe der auch von ihm protegierten Muslimbrüder an der Macht »eine« osmanisch-sunnitische Renaissance im Nahen Osten vorstellt. Zu diesem Traum gehörte, politisch weitgehend unabhängig vom Westen zu sein und diese Position mit guten Beziehungen zu Russland und unter Nutzung von dessen preiswerten Energieressourcen zu untersetzen. Bekanntlich wurde aus all dem nichts. Trotz aller Unterstützung für die Assad-Gegner in Syrien gingen Erdogans Umsturzpläne bislang nicht auf. Lang auch die Gesichter in Ankara, nachdem die ägyptische Generalität Erdogans Freund Mohammed Mursi in Kairo vom Präsidentenpalast in die Todeszelle beförderte. Auch in Sachen Russland hat sich der Türke verpokert. Der Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs im syrisch-türkischen Grenzgebiet erweist sich für ihn als Pyrrhussieg. Mit anderen Worten: In Erdogans außenpolitischer Bilanz reiht sich Pleite an Pleite. Die Gründe dafür aufzuzeigen, vermisst man bei Akyol.

Vielleicht liegt es daran, dass sie sich darauf kapriziert, eine »Autokratenfreundschaft« zwischen Erdogan und Putin als Brüdern im Geiste beweisen zu wollen. Das misslingt gründlich, gipfelt in wenig aussagekräftigen und um so platteren Vergleichen sowie haarsträubenden Verallgemeinerungen derart: Erdogan und Putin beunruhigten mit ihrer Außenpolitik immer wieder die Welt; obwohl komplett gescheitert, »strotzen der Russe und der Türke vor Arroganz«. Was in der Bewertung mündet, Erdogan sei »die anatolische Version des russischen Präsidenten«.

Beide gescheitert? Abgesehen von Putin, der hier ja nicht zur Debatte steht, bricht sich trotz eigentlich guter Recherche bei Akyols bilanzierenden Einschätzung Erdogans ideologiedominiertes Wunschdenken Bahn. Das ist schade. Nennen wir nur zwei Dinge, die Erdogan über seine unmittelbaren Vorgänger im Amt klar hinausheben. Zu Jahrtausendbeginn stand der türkische Staat vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Seitdem regiert Erdogan, und von Staatskrise, etwa wie im benachbarten Griechenland, kann trotz aktueller Probleme derzeit überhaupt keine Rede sein.

Und zweitens: Erdogan, immer das Schicksal seines - heute würde man sagen - »islamistischen« - Vorgängers Adnan Menderes vor Augen, den die Generale an den Galgen brachten, ist es gelungen, die Allmacht der Militärs im Staate zu brechen; Wer hatte das für möglich gehalten? Auch wenn es mit hinterhältigen Methoden geschah. Necmettin Erbakan, 1996/97 Ministerpräsident, drängte die auf Laizismus bedachte Generalität einfach mit Drohungen aus dem Amt, als er ihnen zu »islamisch« wurde. Das schaffen sie heute mit Erdogan nicht mehr.

Erdogan mag irgendwann in den Untiefen der Historie versinken - gescheitert ist er nicht, zumindest nicht jetzt und auch nicht da, wo es die Autorin womöglich gern hätte. Akyol bietet politisch amüsanten Lesestoff, auch wenn es nicht die Biografie geworden ist, wie auf dem Buchdeckel etwas großspurig verkündet. Aber die Karriere Erdogans ist ja nicht zu Ende. Eine Buchfortsetzung ist möglich.

Cigdem Akyol: Erdogan. Die Biografie. Verlag Herder, Freiburg 2016. 383 S.,geb., 24,99 €.

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