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Schlimmer als die Vollbartpest

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 3 Min.

Das waren noch Zeiten, Anfang der 90er, als es in Berlin nur ein halbes Dutzend brauchbarer Fachgeschäfte für Kopfbedeckungen gab und ich für meine erste Schiebermütze in die Steglitzer Schlossstraße zu Mützen-Max fuhr. Das tat ich dreimal, nachdem ich auf Konzerten meine Kopfbedeckung zwar nicht zertanzt, aber verbummelt hatte. Zum Beispiel beim The-Fall-Konzert im SO 36 fand sich meine tolle Mütze nie mehr an, sie tanzte mit jemand anderem weiter.

Jeder Neukauf kostete mich zehn Mark mehr, doch mit der Einführung vom Euro war ich fein raus, denn die dritte Mütze war mir inzwischen angewachsen. Eine Alternative stand auch nie zur Debatte, denn viele andere Kopfbedeckungen erinnerten an alberne Theaterrequisiten. Eine zeitlose Schiebermütze dagegen spricht von spannenden Epochen, in denen das Klassen- und das Modebewusstsein miteinander einhergehen. Vor 100 Jahren, in Amerika und Europa, da waren sich die Revolutionäre und Menschenfresser einig, dass Basecaps überhaupt nicht gehen, auch nicht verkehrt herum aufgesetzt. Dann kam der Krieg, der Trend ging weg von Schiebermütze und Werkbank, und hin zu Hut und Nachtbar. Frank Sinatra, Al Capone …

Zum Beginn meiner Suche nach Schiebermützen sah ich selbige vor allem auf den Fotos mit irischen Musikern. The Dubliners, The Pogues … Dann kamen die Skinheads dazu, die waren modisch topp, da machte jeder Bürohengst auf Working Class Hero. Schiebermütze, sonst nichts. Doch neuerdings tragen leider auch viele, ich sage mal, Basecape-Köpfe, eine schnittige Mütze. Auch smarte Jazzer sieht man seltener mit Hut, dafür häufiger mit Schieber. Die Birnen werden beliebiger. Es droht eine Mode, schlimmer als die Vollbartpest.

Wahrscheinlich bin ich mitschuldig und komme aus der Nummer nur raus, wenn ich bei einigen Heinis den Charakter und die Reflexe teste. Ähnlich wie es die Rocker tun, wenn sie jemanden mit ihrer Kutte entdecken, der nicht zu ihnen gehört. Das ist nicht schön, aber nachhaltig. Die authentischen Knast-Tattoo-Träger haben es versäumt, kriminell entgegen zu wirken, und das haben sie nun davon: alle Nase lang vor selbiger einen tätowierten und gepiercten Speichellecker. Das Volk kommt optisch so wild wie nie zuvor rüber, verhält sich aber untertänig und reaktionär.

Ich für meinen Teil werde wohl aufrüsten müssen, zumindest modisch, und Hosenträger anlegen. Drei Paar habe ich schon: weinrote, schwarze und schwarz-weiß karierte. Die sind auch bei Frauen sexy. Ich könnte fast schon ein Geschäft aufmachen, namens Kleider machen Ständer. Klingt immerhin nicht nach Bio-Eis-Schmus. Habe auch keinen Bock auf Schiebermützenheinis, die Irish Folk nicht von Two Tone unterscheiden können, geschweige denn Ernst Busch von Hanne Sobeck.

Lesung mit Andreas Gläser u.a. am 4.6., 20 Uhr, im Baiz, Schönhauser Allee 26a

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