Der Griff nach der Notbremse

Roland Reuß kämpft mit Hölderlin um das gedruckte Buch: »Wo aber Gefahr ist, wächst / das Rettende auch […]«

  • Von Wolfgang M. Schmitt
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Heidelberger Philologe Roland Reuß dient vielen Digitalisierungshörigen seit Jahren als Zielscheibe für Spott und Hass. Dabei ist er weit davon entfernt, ein altmodischer Kulturpessimist zu sein.

Noch gefährlicher, als Bücher zu verbrennen oder zu verbieten, könnte es sein, sie einfach in ein »Spionagegerät« zu verwandeln, meinte bereits der Netzkritiker Jaron Lanier bezüglich des E-Books. Beliebt machte sich Lanier mit dieser Aussage nicht, denn gegenwärtig wird das gedruckte Buch von mehreren Seiten bekämpft: Die Silicon-Valley-Konzerne Amazon und Google entwerten das Buch durch Preisdumping und das Scannen sämtlicher Texte, die Politik in Berlin wie auch in Brüssel will Wissenschaftler zu kostenlosem Online-Publizieren zwingen und nicht wenige denkfaule Geistesarbeiter feiern in Feuilletons und Büchern die Befreiung ihrer Wohnungen von der »Bildungstapete«, den Bücherregalen. Kritiker dieser Prozesse werden hingegen als Ewiggestrige abgetan.

Auch der Heidelberger Literaturwissenschaftler und Editionsphilologe Roland Reuß dient vielen Digitalisierungshörigen seit Jahren als Zielscheibe für Spott und Hass. Spätestens seit 2012 seine fundierte Internetkritik »Das Ende der Hypnose. Vom Netz zum Buch«, eine Art Minima Moralia für unsere vernetzte Welt, erschien, ist Reuß einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Dabei ist Reuß weit davon entfernt, ein altmodischer Kulturpessimist zu sein, wie es ihm manche Kontrahenten vorwerfen. Vielmehr schreibt er gegen eine Fortschrittsideologie an, die glauben machen will, totale Vernetzung und Digitalisierung seien ein Allheilmittel.

In seinem jüngsten Essay setzt Reuß seine Kritik konstruktiv fort, indem er die »Philologie als Rettung« aus dieser fatalen Situation beschreibt. Der kaum mehr als 50 Seiten umfassende, aber enorm dichte Text richtet sich sowohl an Editionswissenschaftler als auch an jeden Leser, dem ein gut ediertes und produziertes Buch weniger aus nostalgisch-sentimentalen Gründen am Herzen liegen sollte als aus ganz vernünftigen.

Gerne wird von Digitalisierungspropheten das Netz im Gegensatz zu den profitorientierten Verlagen als neutral und dezentral definiert. Doch tatsächlich sei »das ›Netz‹ eben kein dezentrales, sondern ein extrem zentriertes System, in dem ganz wenige Firmen die Infrastruktur bereitstellen«. Wer für die Abschaffung des Buches plädiert, spielt den Großkonzernen in die Hände, die damit noch mächtiger werden, auch im Hinblick auf zensorische Eingriffe. Ein digitaler Text lässt sich schließlich leichter manipulieren, als wenn er, selbst in einer kleinen Auflage von 400 Exemplaren, »über alle fünf Kontinente verstreut ausgeliefert ist«. Denn grundsätzlich gilt: »Die Immaterialität der Datenbasis lädiert das Mittel der Fixierung, die Schrift.« Der Philologie komme deshalb eine rettende, fixierende Funktion zu.

Nach allen Regeln der Kunst werden die titelgebenden Hölderlin-Verse »Wo aber Gefahr ist, wächst / das Rettende auch […]« interpretiert, die man nicht auf einen Mutmach-Spruch herunterbrechen sollte. Das Verb »retten« meine im ursprünglichen Sinne ein buchstäbliches Herausreißen - aus dem Netz. Reuß, der als Herausgeber einer Kleist- und einer Kafka-Ausgabe auf eine jahrzehntelange Erfahrung zurückblicken kann, sieht im Erschließen, Sammeln und Publizieren alter Texte in Buchform eine Rettung, da sie dadurch nachhaltig konserviert werden - unabhängig von der Stromzufuhr und dem Gutdünken der Konzerne. Dieses »ethische Motiv« der Rettung, das erstmals Lessing benannte, müsse für Philologen noch immer aktuell sein, trotz der »durch und durch korrumpierenden Drittmittelversklavung« an Universitäten.

Marx’ Fortschritts-These, wonach Revolutionen »Lokomotiven der Weltgeschichte« seien, widersprach Walter Benjamin: »Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.« Insofern sind Philologen kleine Revolutionäre und jedes publizierte Buch - auch dieses von Reuß selbst wunderbar gesetzte und gestaltete - ist ein kräftiges Ziehen an der Notbremse im Zug der marktkonformen Netzapologeten.

Roland Reuß: »Wo aber Gefahr ist, wächst / das Rettende auch […]« - Philologie als Rettung. Stroemfeld, 64 S., br., 6,80 €.

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