Die »Tante« schießt scharf gegen Trump

Wahlkampf mit Hillary Clinton in New Jersey

  • Von Max Böhnel, New York
  • Lesedauer: 5 Min.
Im US-Bundesstaat New Jersey liegt Hillary Clinton in den Umfragen klar vor Bernie Sanders, in der Tasche hat sie die Kandidatur der Demokraten aber noch nicht. Doch im Wahlkampf tritt sie schon so auf.

»Es ist ein bisschen wie der Besuch bei einer alten Tante«, erklärt Kevin Walsh seinen Besuch in der »Golden Dome«-Sporthalle. Der 53-jährige Elektriker hat sich die Stunden nach der Mittagpause freigenommen, um Hillary Clinton live zu erleben; »mal wieder« sagt er. Seit einem Vierteljahrhundert geht das schon so. Walsh ist passives Mitglied der Demokratischen Partei, geht regelmäßig wählen und folgt den Clintons seit Anfang der 1990er Jahre, als Ehemann Bill zusammen mit Hillary als First Lady der Nation ins Weiße Haus einzog. »Mit der Zeit lernt man auch die Schwächen kennen«, räumt Walsh ein, »aber man kommt eben, wie bei der Tante, die man besucht, weil man nicht voneinander loskommt.«

Aus den Lautsprecherboxen dröhnt der Gassenhauer »Happy« von Pharrell Williams so laut, dass eine Unterhaltung kaum mehr möglich ist. Die Veranstaltung ist wie die meisten anderen Clinton-Wahlkampfauftritte der vergangenen Monate bewusst klein gehalten. 400 Menschen stehen auf dem überdachten Basketball-Feld der Arena mitten in Newark. Anders als Bernie Sanders, zu dessen Reden Tausende, manchmal Zehntausende strömen, hält Clinton nichts von Massenauftritten. Stattdessen setzt sie auf maximale Medienpräsenz. Ihr Bekanntheitsgrad ist so oder so kaum zu toppen. Sie sei halt »wie ein Familienmitglied, das immer schon da war«, meint Walsh unaufgeregt. Mehrmals habe er ihr schon die Hand schütteln können. Es gebe Schnappschüsse mit ihr und ihrem Mann, einmal vom Präsidentschaftswahlkampf 1991, als sie für Bill Clinton Unterstützungsreden hielt, später aus ihrer Zeit als Senatorin für New York.

Die Wahlkampfveranstaltungen Clintons laufen immer nach demselben Schema ab. Lokale Politikerprominenz stellt zunächst staatsweite Prominenz vor, die dann eine Größe aus politikfernen Bereichen präsentiert, meist aus der Unterhaltungsindustrie. Es sind fast immer Bekannte aus den Clinton-Netzwerken und clintonloyale Parteifunktionäre. Viele werden als »Superdelegierte« auf dem Parteitag im Juli für sie stimmen.

So ist es auch an diesem frühen Nachmittag in Newark. Der Kongressabgeordnete Donald Payne jun. feuert Tiraden auf Bernie Sanders ab: »Ein Bursche hängt immer noch herum und erzählt den Leuten immer noch, er habe eine Chance. Aber, meine Damen und Herren, wir brauchen keine Unabhängigen, die in der Demokratischen Partei kandidieren, wir brauchen Demokraten, die in der Partei kandidieren.« Nicht alle applaudieren, auch Walsh nicht. »Das muss nicht sein«, meint er, die Sanders-Unterstützer dürften nicht abgeschreckt, sondern müssten in die Partei und hinter Clinton integriert werden.

Bernie Sanders findet bei den folgenden Politikergranden keine Erwähnung mehr. Nach Payne spricht der Bürgermeister von Newark, Ras Baraka, nach diesem der junge Senator Cory Booker, von dem gemunkelt wird, er sei ein Anwärter auf den Posten als Clintons Vizepräsident. Er gibt die Stoßrichtung vor - die Parteimitglieder hinter Hillary Clinton versammeln und die US-Amerikaner davon überzeugen, dass Donald Trump »unamerikanisch« sei.

Dann kommt sie, in Begleitung des Rockstars und Schauspielers Jon Bon Jovi. Gut 50 Fernsehkameras sind auf Hillary Clinton gerichtet. Fast jeder im Publikum hält ein Smartphone hoch. Strahlend winkt die 68-Jährige in die Menge, die jubelt. »Hillary, Hillary, Hillary«, tönt es immer wieder.

Im Hintergrund stehen seit einer Stunde zwei Dutzend Freiwillige, die Schilder hochhalten mit Aufschriften wie »She is with us« (Sie hält zu uns), »I am with her« (Ich halte zu ihr), »Fighter« (Kämpfer) und »Fighting for us«. Aus zehn Metern betrachtet, wirkt die Kandidatin weniger roboterhaft als ihr, vor allem zu Beginn des Vorwahlkampfs, nachgesagt wurde. »Sie hat jetzt mehr Falten«, meint Kevin Walsh und schmunzelt: »Aber wir auch.« Das Durchschnittsalter im Publikum liegt über dem, das Bernie Sanders zu seinen Veranstaltungen lockt. Die Mehrzahl in Newark sind Frauen, davon mehr als Hälfte im mittleren Alter.

Clintons halbstündige Rede besteht zum größten Teil aus den Satzbausteinen der »stump speech«, der Standardrede, die sie auf Dutzenden von Wahlkampfveranstaltungen hält und in Interviews verbreitet. Kein einziges Mal lässt sie den Namen ihres Herausforderers Bernie Sanders fallen. Und sie agiert, als sei sie bereits die gewählte Parteikandidatin, die zusammen mit den Wählern nun den gefährlichen Widersacher Donald Trump besiegen muss, um die USA in die Zukunft zu führen. Dabei geht sie den Multimilliardär so scharf an wie nie zuvor. Zum ersten Mal bezeichnet sie Trump als Betrüger, der sich »auf Kosten hart arbeitender Bürger« bereichert habe. Er versuche, die Amerikaner so übers Ohr zu hauen, wie er es mit Studenten an seiner Trump University getan habe. Clinton bezieht sich auf vor Kurzem veröffentlichte Dokumente, die belegen, dass das kommerzielle Trump-Unternehmen mit betrügerischen Anwerbemethoden, ahnungslosen »Ausbildern« und falschen Versprechen operiert haben soll.

Nach der Rede folgt Clinton ihrer Wahlkampftradition und geht »ins Volk«. Dabei schüttelt sie in Begleitung von Secret-Service-Beamten, die jede Bewegung beobachten, Hände, macht Selfies und unterhält sich. New Jersey ist für sie offensichtlich ein Heimspiel, denn niemand stellt ihr unangenehme Fragen. Andernorts war ihr mehrmals der Geduldsfaden gerissen, etwa als ein junger Journalist sie fragte, weshalb sie ihre hoch dotierten Reden vor Goldman-Sachs-Bankern geheim halte, oder in einem anderen Fall, ob sie sich für ihre Rolle beim Coup in Honduras, dem Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Manuel Zelaya, entschuldigen werde. Das aufgenommene Material wurde dann auf Youtube veröffentlicht.

Umfragen sehen Hillary Clinton bei den Vorwahlen in New Jersey mit satten 18 Prozent vor Bernie Sanders. In Kalifornien, wo ebenfalls am Dienstag gewählt wird, gibt es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Verliert sie dort, so wäre dies für die »unvermeidliche« Mainstream-Kandidatin eine weitere Peinlichkeit - für die Reformer um Bernie Sanders aber ein neuer Beleg dafür, dass die »politische Revolution« doch noch weiter geht.

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