Nicht Temmes Tag

Hessens NSU-Untersuchungsausschuss vernahm abermals dubiosen Ex-Verfassungsschützer

  • Von René Heilig, Wiesbaden
  • Lesedauer: 4 Min.
Am Montag wurde der Ex-Verfassungsschützer Andreas Temme in Wiesbaden erneut befragt. Es ging um den Mord an Halit Yozgat in Kassel, ein T-Shirt und den Filz zwischen Geheimdienst und CDU.

Ex-Verfassungsschutzmann Andreas Temme wurde vor dem Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages gefragt, wie er denn einen Mann beurteilen würde, den man schon in seiner Jugend »Klein Adolf« nannte, der Passagen aus »Mein Kampf« abtippte, der eine Affinität zu Waffen hat, ein T-Shirt der »Hells Angels« trug und im Klubhaus der Rockerbande gern mal ein Bier trank. »Was soll ich dazu sagen«, antwortete Temme auf die Frage nach sich selbst. Er sieht sich als »ganz normalen Konservativen«. Doch niemand sei fehlerfrei, er auch nicht. Im Nachhinein, so Temme weiter, war vieles, was er in seinem Leben getan hat, »unüberlegt und dumm«.

Die aus seiner Sicht »unüberlegteste Dummheit« war wohl, dass er am 6. April 2006 das Kasseler Internet-Café von Halit Yozgat betreten hat. Nicht zum ersten Mal. Denn Halit und sein Vater waren »freundliche Leute«, ihr Café zwar eng, doch »ein Ort mit netten Menschen«. Temme war auch an diesem Tag privat da. Um nachzuschauen, ob es für ihn neue Nachrichten gab. Im Erotik-Chat. Während er ins Netz ging, muss der Inhaber erschossen worden sein. Er war das siebte Opfer des NSU. Eine Rekonstruktion der Tat ergab, dass Temme seinen Rechner nur Sekunden, nachdem der junge Mann niedergestreckt worden ist, runtergefahren hat. Das aber bestreitet Temme. Er habe den Inhaber ja noch gesucht, weil er für seine Surffreuden bezahlen wollte. Doch weder vor dem Laden noch drinnen habe er Halit Yozgat gesehen. Dessen Leiche lag derweil - eigentlich durchaus sichtbar für einen Mann von Temmes Statur - hinter dem Schreibtisch. Auf den hat Temme 50 Cent gelegt - und dann den Laden verlassen.

»Es hat mich berührt, dass jemand, den ich kannte, so brutal ermordet wurde«, sagte Temme am Montag vor dem Untersuchungsausschuss. Und warum hat er sich nicht bei der Polizei als Zeuge gemeldet? Die ermittelte dennoch seine Anwesenheit am Tatort und erschien am 21. April 2006 zur Haussuchung.

Wer ist der Mann, der so gewissenlos gehandelt hat und sich seither bei diversen Befragungen in immer neue Widersprüche verwickelt? 49 Jahre ist er alt, verheiratet. Er war Postbeamter, bewarb sich beim Landesamt für Verfassungsschutz, observierte Verdächtige, wurde V-Mann-Führer. Neben Zuträgern aus der islamistischen Szene hatte er einen Neonazi namens Benjamin Gärtner an der Leine. Der war angeblich angesetzt auf die »Deutsche Partei«, sagte Temme. Dumm nur, dass weder Gärtner noch Temmes Chef, der den V-Mann vor ihm gelenkt hat, etwas davon wussten. War die »Deutsche Partei« eine Fiktion? Was hat der V-Mann wirklich berichtet, was rechtfertigte die Beförderung von Gärtner auf die höchste Bewertungsstufe B? V-Mann Gärtner verweist darauf, dass er für den Geheimdienst die Neonazi-Strukturen in Nordhessen beobachten sollte, darunter so harte Truppen wie den »Sturm 18« oder die »Kameradschaft Kassel«. Die üblen Nazi-Truppen haben Verbindungen nach Thüringen und nach Nordrhein-Westfalen. Auch nach Baden-Württemberg lassen sich Beziehungen belegen.

Der einstige V-Mann-Führer Temme, der jetzt - befördert - im Regierungspräsidium Kassel arbeitet, wurde als bester Mann in der Außenstelle Kassel geführt - und war offenbar dennoch nicht die hellste Leuchte des Geheimdienstes. Sein Erinnerungsvermögen ist höchst selektiv. So kann er sich nicht an eine Anweisung erinnern, laut der sich alle Verfassungsschützer umhören sollten wegen der seit dem Jahr 2000 anhaltenden bundesweiten Mordserie an Migranten, die man seit dem Aufliegen des NSU 2011 zuordnen kann. Auch konnte sich Temme nicht erinnern, woher er wusste, dass bei den Morden, auch bei dem in Kassel, dieselbe Waffe verwendet worden ist. Und was er am Mordtag elf Minuten am Telefon mit seinem V-Mann Gärtner besprochen hat, ist ihm gleichfalls nicht erinnerlich.

Wie so oft bei Zeugenbefragungen im Fall von parlamentarischen NSU-Ermittlungen gab es am Montag auch allerlei Beifang. Unter anderem zum Thema Filz. Die LINKE hatte in Temmes Terminplanungen für das Jahr 2000 ein Grillfest bei der Wasserschutzpolizei ausgegraben. Temme erinnerte sich an diesen, wie er sagte, »Betriebsausflug«. Organisiert wurde er vom »CDU-Arbeitskreis im Amt« und zu den Gästen gehörten auch »Leute von außerhalb«. Wer? Das, man ahnt es, hat Temme nicht mehr parat.

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