Deutschland sucht den

Berlin. Angela Merkel ist nicht amüsiert. Ausgerechnet sie, die vor fünfeinhalb Jahren keinesfalls einen Bundespräsidenten Gauck wollte, bis sich ihr damaliger Koalitionspartner FDP dem Verlangen von SPD und Grünen anschloss - ausgerechnet die Bundeskanzlerin bedauert nun, dass Joachim Gauck nicht weitermacht. Sie hätte sich sogar »eine zweite Amtszeit gewünscht«, sagte Merkel am Montag, nachdem der Bundespräsident seinen Verzicht in einer kurzen Ansprache mitgeteilt hatte. Merkels Wunsch erklärt sich von selbst, denn inzwischen hat sie ganz andere Sorgen - die tragen Namen wie Erdogan, Flüchtlingspolitik und AfD. Selbst die eklatante Schwäche ihres Koalitionspartners SPD dürfte der Kanzlerin Sorgen bereiten - das Präsidentenproblem fehlte gerade noch

Nun muss unter äußerst heiklen politischen Bedingungen bis Februar 2017 ein neues Staatsoberhaupt gefunden werden. Nach einer Gerüchtewelle am letzten Wochenende trat der 76-jährige Joachim Gauck am Montagmittag im Berliner Schloss Bellevue vor die TV-Kameras und erklärte, dass er aus Altersgründen auf eine weitere Amtszeit verzichtet. Die umgehend einsetzende Diskussion über die Nachfolge erweist sich als gleich in mehrfacher Hinsicht tückisch. Denn angesichts des zunehmend schärfer werdenden Tons zwischen allen drei Parteien in der Bundesregierung ist die Suche nach einem gemeinsamen Kandidaten belastet - Namen wie Schäuble, Lammert und Steinmeier dürften nur mit großen Schwierigkeiten durchzusetzen sein. Hinzu kommt, dass unter den rund 1260 Mitgliedern der Bundesversammlung, die den Präsidenten wählt, auch Union und Grüne eine Mehrheit hätten - seit Grün-Schwarz in Baden-Württemberg eine viel diskutierte Konstellation. Die Linkspartei schließlich bringt einen gemeinsamen Kandidaten von SPD, Grünen und LINKE ins Spiel, der mit Unterstützung der Piraten-Stimmen eine Chance haben könnte. Angela Merkel indessen tut, was sie am besten kann: abwarten und sondieren, und zwar in parteiübergreifenden Gesprächen. wh Seiten 3 und 4

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