Opfer von oben

Personalie: Der Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon soll aus der AfD fliegen.

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 2 Min.

Wolfgang Gedeon verkörpert einen Typus, der wohl nicht selten ist im Land und der jetzt mit der AfD die Bühne erklimmt - das Opfer von oben: Nach allem, was man über den Stuttgarter Landesparlamentarier gelernt hat in den vergangenen Tagen, geht es dem 1947 geborenen Arzt im Ruhestand persönlich nicht schlecht. Und doch fühlt er sich offenbar existenziell bedroht.

Nun wird er sich in seiner Opferrolle bestätigt fühlen, denn sein eigener Bundesvorstand empfiehlt einen Parteiausschluss. Der Grund ist seine publizistische Tätigkeit. Gedeon, der 1973 über ein gynäkologisches Thema promovierte, betrieb bis 2005 eine Arztpraxis in Gelsenkirchen. Dann zog er in den Südwesten und begann zu politisieren.

Nach einer erzkatholischen Jugend wurde er als Student Maoist - und nahm irgendwann die Kurve nach rechts. Der Bruch muss spätestens in den Nullerjahren erfolgt sein. In den 1980ern publizierte er über »ganzheitliche« Naturheilkunde, noch 2000 schrieb er über »Eigenbluttherapie«. Doch 2009 wandte er sich als W. G. Meister der »Herausforderung Europas durch Säkularismus, Zionismus und Islam« zu. 2012 folgte eine Kampfschrift gegen den »grünen Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten«. Und im Jahr darauf stieß Gedeon dann zur AfD.

Man darf annehmen, dass es ihn nicht aus Not in die Politik trieb. Er wollte Aufmerksamkeit - und hat diese jetzt bekommen: Journalisten begannen, seine Texte zu lesen. Sie stießen auf Haarsträubendes: Im Buch über den »grünen Kommunismus« schrammt er hart an der Holocaustleugnung vorbei und behauptet, das Judentum sei der innere Feind des »Abendlandes« gewesen, nun dringe der Islam als äußerer Feind in dasselbe ein.

Sollte Gedeon, der über die Landesliste ins Parlament einzog, trotz eines drohenden Parteiausschlusses sein Mandat behalten, wird er vermutlich auch den Sitzungsalltag als Bestätigung dessen nehmen: Denn ihm vorsitzen wird meistens Muhterem Aras, die erste muslimische Landtagspräsidentin Deutschlands.

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