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»Sie schluckte die Träume ihrer Eltern«

Celeste Ng: »Was ich euch nicht erzählte« ist ein wunderbares Buch

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 6 Min.

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Was für eine schöne, fließende Sprache hat die Übersetzerin so geschmeidig ins Deutsche bringen können. Eine sanfte Melodie, obwohl einen das Geschehen ja erschrecken muss. Lydia Lee, erst 16 Jahre alt, ist verschwunden. Die Polizei sagt, Mädchen in diesem Alter kämen meist bald zurück. »Sie würde nicht einfach so weggehen«, meint ihre Mutter Marilyn. »Und was, wenn es ein Verrückter war? Irgendein Psychopath, der Mädchen entführt?«

Auf Seite 22 teilen wir ihre Sorge. Später fragen wir uns, warum die Frau nicht erst einmal vom günstigsten Fall ausgegangen ist, warum sie sich gar nicht an die Hoffnung klammerte, dass ihre Tochter von sich aus in der Nacht das Haus verließ und irgendwann wieder da sein würde. Weil es ihr unerträglich war, sie könnte sich ihrer Obhut entzogen haben?

Was wirklich mit Lydia geschehen ist, erst am Schluss erfahren wir es ganz. Doch auch vorher schon entwickelt sich das Buch nicht als Kriminalroman. Die Autorin nimmt ziemlich bald die Spannung aus dem Fall. Vielmehr geht es ihr um die Frage, was in dieser Familie vorgeht, die völlig in Ordnung zu sein scheint.

»Für meine Familie«, schrieb Celeste Ng als Widmung in den Roman. Sie wuchs in Pittsburgh, Pennsylvania, und in Shaker Heights, Ohio, auf, erklärt der Klappentext. »Was ich euch nicht erzählte« sei ihr erster Roman, bereits in 20 Sprachen übersetzt. Das Foto im Buch zeigt eine schöne Frau. Asiatische Züge. Auch auf ihrer eigenen Webseite ist nichts über Alter und Herkunft verraten. Doch wenn man im Netz etwas sucht, findet man den Hinweis, dass ihre Eltern Ende der 60er aus Hongkong in die USA kamen, der Vater bei der NASA tätig war, die Mutter in Cleveland Chemie unterrichtete. Manchmal ist es wirklich besser, wenn man persönliche Hintergründe kennt, um ein Buch noch tiefer zu verstehen.

Schön wäre es, wenn Celeste Ng von ihren Klassenkameraden nie solche Sprüche hätte hören müssen wie »Schlitzauge findet China nicht«, was Nathan, Lydias Bruder im Roman, der übrigens auch von der Weltraumforschung träumt, so deprimiert und trotzig macht. Aber dass sie spürte, wie ihre Eltern auf Höchstleistungen in der Schule hofften, ist wohl anzunehmen. Wurde auch sie aus Liebe zur Mutter zu einem besonders fleißigen Kind? Wurde auch sie als künftige Naturwissenschaftlerin gesehen? War es auch Protest, dass sie in Harvard Englisch studierte?

Lydias Vater im Roman, auf amerikanischem Boden geboren, hatte ja in Harvard in amerikanischer Geschichte promoviert, doch die freie Stelle an der Geschichtsfakultät bekam er nicht.

So landeten sie in Middletown, Ohio. Da Marilyn mit Nathan schwanger war, hatte sie ihr Studium abgebrochen und war geworden, was sie nie sein wollte: Hausfrau.

Ein Gedanke, der für DDR-Sozialisierte allein schon als Frage abwegig ist: Werden Familien glücklicher, wenn Frauen ihre überkommene Rolle als Hüterin des Herdes vollen Herzens annehmen, statt dagegen aufzubegehren? Ist es besser für ihre Kinder, wenn im Hintergrund nicht dauernd ein Ringen um Selbstverwirklichung stattfindet?

Marilyns Mutter hätte ohne Zögern zugestimmt. Sie wünschte ihrer Tochter eine Zukunft als Gattin eines Professors, der aber doch kein Chinese sein sollte. Dem hatte sich Marilyn entzogen. Ihr kam es vor, als hätte sie einen Ausbruch und Aufbruch gewagt, sei aber auf halbem Wege stehengeblieben.

Allein schon, wie Celeste Ng diese Frau zeichnet, ist so großartig, so genau, als wäre sie an ihrer Stelle gewesen. Und so ist es auch mit den anderen Gestalten des Buches - mit James, dem Vater, der Lydia zu Weihnachten mit seinem Geschenk entsetzte: Das Buch »Wie man Freunde gewinnt und andere beeinflusst« musste sie als Aufforderung verstehen, endlich keine Einzelgängerin mehr zu sein.

Aber es lag doch nicht an ihr, dass die anderen Mädchen ihrer Klasse sie abblitzen ließen. Von der Mutter bekam sie Bücher von der Art, wie schon Jahre zuvor: »Pionierinnen der Wissenschaft« und »Grundlagen der Physiologie«, als ob sie dadurch auf den Weg zu zwingen war, den Marilyn selber so gerne gegangen wäre. »Sie schluckte die Träume ihrer Eltern«, heißt es etwa in der Mitte des Buches. Da wird manch eine, einer vielleicht nachdenklich werden, ob es bei ihr, ihm nicht ähnliches gab. Und wie geht es unseren Kindern mit uns?

Klar, haben auch meine Eltern mich fleißig gewollt und mich kontrolliert. Schlechte Noten wären peinlich gewesen. Ist es für Kinder besser, wenn man sie diesbezüglich in Ruhe lässt? Sollen sie machen, was sie wollen - aber das fühlt sich doch wie Gleichgültigkeit an.

Das richtige Maß zu finden, wäre die Kunst, aber das fällt Lydias Eltern schwer, weil beide unablässig um ihren Platz im Leben kämpfen. Unablässig, aber eben unterschwellig. Man kann es nur an Kleinigkeiten bemerken. Und Celeste Ng hat ein ganz besonderes, geradezu erstaunliches Gespür für solche Winzigkeiten im Zusammenleben einer Familie.

Der Titel des Romans deutet auf Geheimnisse. Aber jeder Mensch hat etwas, das er für sich behält, weil es allzu privat und vielleicht auch für andere belanglos erscheint. Im raffinierten Wechsel der Zeitebenen lässt Celeste Ng Zusammenhänge aufscheinen, ohne etwas zuzuspitzen und zu zerreden. Man ist lesend sozusagen mitfühlend dabei, beobachtet, mutmaßt, ängstigt sich, erwartet eher Schlimmes als ein glückliches Ende.

Lydia, das Lieblingskind, Nath, der Talentierte, der die Zulassung für Harvard erhält, doch die Jüngste, Hannah, bemerkt man zunächst kaum. Sie mischt sich nicht in Gespräche ein, sitzt manchmal in einer Ecke oder sogar unterm Tisch, lauscht, schweigt. Man fragt sich, was in einem Kind vorgeht, dass so gar keine Beachtung findet und nicht auf sich aufmerksam macht. Man muss sich Sorgen um sie machen und wird am Ende, so viel sei verraten, auf eine Weise überrascht, die trotz allem das Herz erwärmt.

»Wenn sie weiß wäre, würden sie weitersuchen«, fasst Marilyn ihren Vorwurf gegen die Polizei in einen Satz, der James, ihren Mann, erstarren lässt. Er hatte geglaubt, ihre unterschiedliche Herkunft spiele für sie keine Rolle. Nun sieht er: »Für sie war die Hautfarbe etwas ganz Entscheidendes.« Was er ihr antwortet, kann sie nicht verstehen: »Wenn sie weiß wäre, … dann wäre das nicht passiert.«

Dass der Klappentext die Herkunft der Autorin verschweigt, lässt sich unter Political Correctness verbuchen. Doch wenn suggeriert werden soll, dass dies völlig unwichtig sei, ist das Heuchelei. »Kinder mit binationalem Hintergrund tun sich oft schwer, ihren Platz zu finden«, sagt der freundliche Polizist. Die Wahrheit aber ist: Es wird ihnen schwer gemacht.

Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakubeit. Deutscher Taschenbuch Verlag. 282 S., geb., 19,90 €.

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