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Im Visier der Auftragskiller

Neuer Höhepunkt in der Gewalt gegen Gewerkschafter in Kolumbien

  • Von Bärbel Schönafinger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Seit dem 30. Mai 2016 findet in Kolumbien ein Generalstreik in der Landwirtschaft statt - »Minga Agraria, Ethnica y Popular«. 80.000 Indigene, Kleinbäuer_innen und Afrokolumbianer_innen streiken und demonstrieren für die Einhaltung der im letzten Generalstreik 2013 erkämpften Abkommen, für ernsthafte Friedensgespräche und ein Ende der Politik des Extraktivismus. Sie fordern Garantien für die sozialen Bewegungen und Gewerkschaften. Um die es schlecht bestellt ist, wie die Bilanz der letzten Tage zeigt: Seit dem Beginn der »Minga Agraria« haben das kolumbianischen Militär und die Aufstandsbekämpfungspolizei drei Aktivisten ermordet und über 200 Personen verletzt.

Kurz vor Beginn des Generalstreiks hat Sinaltrainal - jene Lebensmittelgewerkschaft, die sich in den 2000er Jahren unter anderem mit Coca Cola und Nestlé angelegt hatte - einen Hilferuf an die internationale Gemeinschaft geschickt. Seit ihrer Gründung vor 34 Jahren wurden 35 Mitglieder von Sinaltrainal ermordet, zwei sind verschwunden. Sinaltrainal bittet jetzt darum, eine Petition zu unterschreiben in der der Staatspräsident zum Einschreiten aufgefordert wird.

Der Petition ist eine Liste von besorgniserregenden Vorkommnissen der letzten Monate beigefügt: Seit Juli 2015 erhalten die Gewerkschafter vermehrt Morddrohungen, oft am Telefon. Unbekannte nähern sich ihnen und fotografieren sie, fahren auf Mopeds vor ihrem Haus herum; die Gewerkschafter werden auf Flugblättern der paramilitärischern Einheiten AUC zu militärischen Zielen erklärt. Mit Vor- und Nachnamen. Im Juli 2015 versuchten in Medellín Unbekannte einen Gewerkschafter umzubringen, im September 2015 fand ein Gewerkschafter in einem Drummond-Bergwerk in der Region Cesár eine schriftliche Morddrohung, im Dezember 2015 schossen Unbekannte von einem Motorrad aus auf Juan Carlos Galvis. Am 29. April diesen Jahres versuchten zwei Manager des Gipsplattenherstellers Gypec in Cartagena, einen Gewerkschafter des Unternehmens mit ihrem Auto zu überfahren.

Diese lange Liste der bereits ermordeten Gewerkschafter, die Tatsache, dass allein zwischen 1995 und 2010 rund 2.700 Gewerkschafter in Kolumbien ermordet wurden, machen klar, wie sehr sich die Unternehmen in Kolumbien auf die Straflosigkeit verlassen können. Die Straflosigkeit für Leute, die Gewerkschafter ermorden, und vor allem für ihre Auftraggeber.

Ein Video, das vor zwei Wochen von der italienischen NGO In:Common veröffentlicht wurde, belegt dies auf erschreckende Art und Weise. Es handelt von dem US-amerikanischen Kohlekonzern Drummond und zeigt, wie wenig sich der gewaltsame Extraktivismus in Kolumbien (laut einer Einschätzung des zapatistischen Subcommandante Marcos »der vierte Weltkrieg gegen die Armen«) um Recht und Gesetz und demokratische Freiheiten schert. Das Besondere an dem Video ist, dass es gefilmte Zeugenaussagen von zwei geständigen Paramilitärs zeigt, die 2001 drei Gewerkschafter umgebracht haben.

Diese beiden Paramilitärs gehören zu den Wenigen, die jemals wegen der Ermordung von Gewerkschaftern in Kolumbien zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Sie verbüßen 30 bzw. 35 Jahre. Sie erzählen, wer sie über welche Mittelsmänner beauftragt hat und wie die Bezahlung der Paramilitärs an den Geschäftsbüchern vorbei organisiert wurde. Der Auftraggeber sei Gary Drummond gewesen. Drumond Ltd. lässt seit den 1990er Jahren in der kolumbianischen Region Cesár Kohle abbauen. Um ungestört arbeiten zu können, sollte die Umgebung der Kohleminen von der Guerilla »und ihren Zuarbeitern« »gesäubert« werden, so die geständigen Paramilitärs. Als Mann fürs Grobe wurde Jim Atkins geschickt, ein ehemaliger CIA Agent, der in den Iran-Contra-Skandal verwickelt war. Er beauftragte Paramilitärische Einheiten der AUC mit der Ermordung der Gewerkschafter und der Befriedung der Region Cesár, so die beiden Zeugen. Die Folgen: Etwa 2.700 Morde, 15.000 gewaltsame Vertreibungen aus der Region.

»Ich war befreundet mit Valmore Locarno, Victor Orcasita und Gustavo Soler. Diese Genossen waren damals die Vorsitzenden. Sie hatten diesen gewerkschaftlichen Geist. Sie verteidigten uns. Leider kostete sie das ihr Leben«, sagt der heutige Vorsitzende der Gewerkschaft bei Drummond lakonisch. Er erhält selbst laufend Morddrohungen, vor drei Jahren wurde eine Granate in sein Haus geworfen.

Obwohl seit 2014 einige Energieunternehmen wir Vattenfall und EnBW sowie der niederländische Außenhandelsminister sich bemüßigt fühlen, nach Cesár zu reisen und von Drummond Aufklärung und Versöhnungsarbeit zu fordern für das, was um seine Kolhebergwerke herum passiert ist, geht die Gewalt gegen Gewerkschafter ungebremst weiter. Auch in den Drummond-Minen, wo jetzt wieder Flugblätter von Paramilitärs ausliegen, wie in der Petition von Sinaltrainal erwähnt wird.

Die Petition ist bisher lediglich von 315 Menschen unterschrieben worden - ein Zeichen dafür, wie wenig die Öffentlichkeit von dieser neuen Welle der Gewalt gegen Gewerkschafter in Kolumbien erfährt, wie verschlossen die Informationswege sind.

Drummond ist übrigens Mitglied von Bettercoal, einer Initiative für Ethik in der Kohleindustrie. Bettercoal kann im Verhalten von Drummond nichts entdecken, was den Richtlinien widerspäche. Drummond hat hingegen in den USA Anklage gegen Terence Collingsworth, den Rechtsanwalt der Opfer, erhoben: Das Unternehmen wirft ihm Verleumdung und Betrug sowie die Bezahlung von Zeugen vor.

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