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»Nuit debout« wacht auch während der EM

Der Auftakt der Fußball-Europameisterschaft bei der französischen Protestbewegung

  • Von Alexander Ludewig, Paris
  • Lesedauer: 5 Min.

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An manchen Tagen ist es für Suchende und Unwissende nicht unwichtig, aus welcher Himmelsrichtung man sich dem Place de la République nähert. Dieser Freitag ist solch ein Tag. Nördlich vom Boulevard Saint-Martin kommend, trifft man zuerst auf das »Fluctuat nec Mergitur« – ein Restaurant, klein, eckig und flach gebaut. Die Tische davor sind an diesem warmen Sommerabend alle besetzt. Von den vielen Skateboardern, die nur ein paar Meter entfernt rollen, springen, fallen und dabei laut johlen, lassen sich die Gäste bei Wein, Bier und Essen nicht stören.

»Nuit debout?« Zeichen von Protest und der Bewegung »Die Aufrechten der Nacht« sind auf den ersten Blick nicht zu finden. Es ist aber auch unmöglich den ganzen Platz zu überblicken – 300 Meter lang und 120 Meter breit ist er. Marianne ist nicht zu übersehen. Die Nationalfigur der Französischen Republik ragt als fast zehn Meter hohe Bronzestatue auf einem mehr als 15 Meter hohen Sockel heraus – das Monument à la République verdeckt die südliche Hälfte des Platzes.

Irgendwo läuft Musik. Die Weite des Platzes und der Verkehrslärm der angrenzenden Boulevards lassen nur Bruchstücke von »What is love« durchklingen. Es wird auch nicht das scheppernde Original von Haddaway gespielt. Nach etwa 50 Metern gelangt man an einen kleinen Stand. »Debout: Gros Calins« steht auf dem Schild. Vier sehr elegant gekleidete und auffällig geschminkte Frauen tanzen mit Obdachlosen, die es auf den Bänken rund um den Place de la République zahlreich gibt. »Aufrecht: Eine große Umarmung« – jeder bekommt an diesem Abend einen Paartanz zu einem Lied. Liebevolle Solidarität Einzelner.

Aktionen des organisierten Protests gegen die von Staatspräsident Francois Hollande geplanten Änderungen des Arbeitsrechts, die vor allem durch Verlängerung der Arbeitszeiten und Lockerung des Kündigungsschutzes die Situation der wirtschaftlich Abhängigen weiter verschlechtern, gibt es auf dem Place de la République heute nur auf der südlichen Hälfte. Etwa 200 Leute sind da. Am Ende des Platzes stehen fünf Zelte. Davor sind zwei Boxen aufgebaut, gerade spricht Philippe. Jeder hat hier ein Rederecht. An den beiden Außenseiten finden sich mehrere Stände, alle mit Zeltplanen überspannt: An der »Cantine« gibt es heute Crepes. Das »Radio Debout« scheint auch schon auf Sendung zu sein, wie fast jeden Tag ab 20 Uhr. Rund 400.000 Menschen haben insgesamt schon rein gehört, seitdem der Protestsender »On Air« ist. Die interessantesten Beiträge sind auf »radiodebout.net« verfügbar.

»Heute ist ein spezieller Tag«, erzählt Marie, »es läuft gerade das Eröffnungsspiel der Europameisterschaft.« Sie arbeitet am Informationsstand, gekennzeichnet mit »Accueil Nuit Debout«. »Ja«, sagt Marie, weil Frankreich gegen Rumänien spiele, sei es heute etwas leerer auf dem Platz als sonst. An den Arbeitstagen finden die Aktionen aber immer nur auf der einen Hälfte des Platzes statt. Am Wochenende nimmt der Protest die ganze Fläche ein. »Die Unterstützung hat seit Entstehen der Bewegung am 31. März etwas nachgelassen«, berichtet Marie. Zufrieden sei sie mit der Resonanz aber immer noch, auch wenn sie unterschiedlich und meist nicht vorhersehbar sei. »Zwischen 300 und 3000 Menschen kommen pro Tag zu uns.«

Dass heute viele Fußball schauen, ist aber nicht der einzige Grund für den geringeren Besuch. »Wir haben auch drei Aktionen geplant«, verrät Marie. Vor dem Stade de France, wo das Eröffnungsspiel stattfindet, werde protestiert und vor zwei Filialen von McDonald's – am Gare de l'Est und auf der großen Fanzone am Eiffelturm. »Dort sind auch einige Leute.«

Wieder piept das Walkie-Talkie und unterbricht das Gespräch mit Marie. Informationen von den Protestaktionen hat sie aber noch nicht. »Das ist auch gar nicht so wichtig«, sagt sie. Entscheidend sei, dass »Nuit Debout« präsent ist. Und dafür sei die Bühne der Fußball-Europameisterschaft mit ihrer größeren Öffentlichkeit durchaus geeignet und interessant. Aber Marie warnt auch: »Sehr viele Menschen lieben den Fußball. Wenn wir zu sehr dagegen arbeiten, beispielsweise Spiele oder public-viewing-Zonen blockieren, könnte das unserem Ansehen und unseren Anliegen schaden.«

Marie ist von Beginn an der Proteste dabei. »Jeden Tag«, sagt sie. Job und Engagement auf dem Place de la République stehen sich dabei nicht im Weg. Die 27-Jährige arbeitet an der Universität. Sie ist verantwortlich für Publikationen, beispielsweise Bücher von Professoren. Um 18 Uhr hat sie Feierabend, eine Stunde später ist sie hier. Viel verpasst sie nicht, »Nuit debout« beginnt auch erst um 18 Uhr. Weil die Bewegung alle erreichen und niemanden ausschließen will. »Der Platz ist offen fürjeden«, sagt Marie. Fotografieren lassen will sie sich aber lieber nicht.

Ein kurzer Blick aufs Handy: Im Spiel zwischen Frankreich und Rumänien ist immer noch kein Tor gefallen. Aber auch später, wenn die französische Nationalelf in Führung geht und schließlich den späten Siegtreffer erzielt, bleibt es hier ruhig. Wer heute am Place de la République ist, interessiert sich nicht für Fußball. Das kann sich in der kommenden Woche ändern. »Wir wollen auch ein Turnier organisieren«, erzählt Marie. Eingeladen dazu wurde noch niemand. Es wird kurzfristig geplant, wie vieles hier.

Maries Walkie-Talkie piept schon wieder. Sie müsse gleich mal los, sagt sie nach einem kurzen Gespräch. Auf die letzte Frage, ob sie zwischen Arbeit und Protest genug Schlaf bekomme, antwortet sie dann aber doch noch mal etwas ausführlicher. »Ja, das ist kein Problem. Wir sind ja nur bis Mitternacht hier.« Länger erlaube es die Polizei nicht. Marie berichtet von mehreren gewaltsamen Räumungen des Platzes: Schläge, Tritte, Tränengas. »Deshalb halten sich jetzt die meisten an die Zeit«, berichtet Marie – und sagt »Adieu.«

Marie kommt natürlich wieder, jeden Tag. Denn die Proteste von »Nuit debout«, denen sich auch die Gewerkschaften angeschlossen und die anfangs weit mehr als eine Million Menschen auf Frankreichs Straßen gebracht haben, zeigen durchaus Wirkung. Ministerpräsident Manuel Valls hatte Ende Mai Verbesserungen an der Arbeitsmarktreformen angekündigt. Das reicht aber niemanden auf dem Place de la République.

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